Franken, Spirituelle Wanderungen
Wo die Seele Flügel findet

„Zwei Habichte!“, bemerkt auf dem Volkenberg eine von fast 30 Tagespilgerinnen und Wanderer, die das Erlabrunner Käppele bei Würzburg zum Ziel haben. Noch mehr wollten bei der Tour der Reihe GangART unter dem Motto „Wo die Seele Frieden findet“ mit. Nur war die Maximalzahl der vom Theologen und Schriftsteller Georg Magirius geleiteten Wanderung bereits erreicht: Frieden scheint begehrt. Nur wie erreicht man ihn? Die GangARTianer können die Habichte nicht nachahmen. Und doch scheint da an dem sonnendurchfluteten Frühlingstag 2026 im Fränkischen Weinland manchmal eine Leichtigkeit zu sein, die Flügel verleiht.

Romantik
„Mir kommt es vor, als ob Joseph von Eichendorff hier gewandert ist“, sagt eine Fußgängerin, als der Volkenberg noch ein stattliches Stück entfernt ist. Von Eichendorff war Jurist und ein romantischer, überaus gehfreudiger Dichter, von dem Gedichte “Wem Gott will rechte Gunst erweisen” oder “Mondnacht” stammen. „Dort auf den Hügeln ist er gegangen”, vermutet die Eichendorff-Vertraute. “Und abends hat er dann diesen Weg hier runter ins Dorf genommen.“

Anbruch
Nur hat der Tag gerade begonnen! Also geht es gleichsam mit dem ausgeschlafenen Dichter zusammen aus Zellingen hinaus ins Weite. Dorthin, wo vielleicht sogar die Seele ihre Flügel spürt und dieses unnachahmliche Können entfaltet, kraftvoll leise dorthin zu weisen, wo das Sehnen Erfüllung findet.

Grenze
Nur muss dafür das gewohnte, aber oft unruhige Treiben zurückgelassen werden: all die Straßen, Häuser und Geschäfte. Gleich mehrere Grenzen sind zu überschreiten. Da ist die Brücke über den Main. Das hohe Tor, das aus Zellingen nach draußen führt. Und dann zwängen sich die Friedenssucher auch noch einer Raupe ähnlich durch eine Straßen-Unterführung hinaus aufs Feld: frei!

Idylle
Der Weg ist klar erkennbar und eben, aber nicht federleicht. So liegt in jeder Idylle schon wieder die romantische Ironie verborgen – egal ob man sich Eichendorff mit günstigem Reclamheft oder bibliophiler Dünndruckausgabe nähert. Oder sich direkt zu Fuß ins Fränkische Weinland begibt.

Berg
Der Weg steigt spürbar an. Die eben noch begeistert begrüßte Frühlingssonne sorgt für manches Ach. Denn das aus der Ferne schwerelos erscheinende dunkelgrüne Band stellt sich beim Näherkommen als das vor, was es eben auch noch ist: als Berg.

Heller Wald
Dafür ist nun aller Asphalt im Tal gelassen. Auf einem Pfad finden die Sehnsuchtspilger wie durch ein Schlupfloch in ein Friedensareal, das verblüfft. Denn der Wald ist kein vermoostes Dauerdunkelgrün, sondern auf lockende Weise unvertraut, merkwürdig hell und elegant. Auf dem Volkenberg gibt es so viele Schwarzkiefern wie sonst nirgendwo in Deutschland.

Fremde Saat
Die Samen für den Frankenwald kamen von jenseits der Grenze, aus Innsbruck. Ab 1898 wurden sie fünf Jahre lang per Hand auf der langgestreckten Erhebung ausgesät. Zuvor war es heimischen Bäumen nicht geglückt, auf dem felsigen Berg Fuß zu fassen.

Schutz
So drohte die Muschelkalkerhebung alles Gras, Buschwerk und ihre Erde zu verlieren und unumkehrbar zur Glatze zu werden. Doch aus der Drohung wurde ein anheimelnd fremder Wald. In ihm kann die Seele Schutz erfahren, ohne sich im Dunkeln verkrümmen oder verkümmern zu müssen.


















Sonnenlager
Am Rand des mediterran gestimmten Waldes schlagen die Pilger ihr Lager auf. Zelte braucht es nicht, Himmel und Erde genügen. Zwischen Weinstöcken hindurch ist im Tal das unterfränkische Leinach zu sehen. Lange will von diesem Rastplatz niemand fort.

Erschütternd schön
Und doch führt der Weg schließlich weiter und nochmals tiefer ins Unbekannte hinein. In eine fremde, erschütternd schöne Geborgenheit, die manches Mal die Gnade kennt, sich in der Nähe mitzuteilen.

Keiner allein
Jeder, der durchs Leben wandert, kann im Erlabrunner Käppele vor Maria treten. Und jede kann dort am Seil der Glocke ziehen. Fast 30 Mal wird sie angeschlagen! Jeder Ton klingt ganz für sich und doch ist keiner allein, sondern macht sich mit den anderen auf die Reise. Und fast scheint es so, als ob die Seele weit die Flügel spannte, durchs stille Maintal fliegt und weit darüber hinaus, wo alles Verlorene und Erhoffte wartet, als flöge sie nach Haus.

GangART
Georg Magirius leitet in der Reihe GangART spirituelle Tagestouren durch Franken, Frankfurt, Steigerwald, Haßberge, Schwarzwald, Odenwald und Taunus. Die Reihe findet Resonanz zum Beispiel in den “Gedanken zum Tag” auf BR1 und BR2 im Bayerischen Rundfunk, im Reiseblatt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, im Deutschlandfunk, in Publik Forum, der Main Post, in hr2-Kultur, Domadio Köln, Main Echo, der Frankfurter Neuen Presse oder der Leipziger Zeitung.












Frankenliebe

Die Tour zum Erlabrunner Käppele ist angeregt von Georg Magirius‘ Buch „Frankenliebe – 33 Orte zum Staunen und Verweilen“ (2. Auflage), lektoriert von Thomas Häußner. Die Fotos des Rückblicks auf die Wanderung zum Käppele auf dem Volkenberg stammen von Stefanie Adrian-Fiedler, Stephanie von Selchow und Georg Magirius.