Frankfurt, Spirituelle Wanderungen, Stille
Der Langsamste gewinnt

Was als unerreichbar gilt, erreicht eine Pilgergruppe im April 2026 in Frankfurt am Main. Es tritt ein kaum für möglich gehaltenes Maximum ein, das allerdings wie ein Bekenntnis zu einem Minimum wirkt. Denn es ist ausgerechnet der Ausstieg aus dem Ich-kann-alles-Prinzip, das auf einmal alles möglich erscheinen lässt. Die Tour trägt das Motto “Gipfelglück im Flachland”. Es ist die fünfte Etappe der auf 13 Jahren angelegten “Gangreihe 13/13: Stilles Frankfurt” unter Leitung des Schriftstellers und Kontemplationskünstlers Georg Magirius. Sie weist einen Weg ins Offene.

Grün in Überlänge
Die Tagespilgerinnen und Wanderer erfahren Höhenglück und Weite, aber ohne Verlorenheitsgefühle, dazu ein Schauen ins Grün mit Überlänge. Und dann ist da eben noch die Unterwanderung der Maxime, sich in jedem Augenblick verbessern zu müssen. So hört das Gehen immer wieder einmal auf: Unterbrechung, Pause, Stillstand. Was oft als Katastrophe gilt, scheint einen Raum zu eröffnen, in den das Schöne treten kann – gerade weil der Mensch aufhört zu treten: die Erde, andere oder auch sich selbst.

Die Predigt der Dauersportler
Eine andere Sichtweise nehmen mitunter Triathleten ein, die an einem vorbeipreschen: im Schwimmbad, beim Spazierengehen, auf dem Fahrradweg. Begegnet man ihnen in einem ihrer seltenen ruhigen Momente, predigen sie, was sie antreibt und die Welt im Innersten zusammenhält: “Wenn du an dich glaubst, erreichst du alles.“ So könne man sich stetig steigern, sagt dann schon mal ein Dauersportler, der junge 67 ist. Das ist die Aufhebung der Endlichkeit – verbunden mit dem Ziel, niemals ins Stocken zu geraten. Der Mensch muss einfach nur fleißig sein, vor allem mental. Dann wird er immer besser. Und mit ihm die Welt. Denn nicht nur Triathletinnen, sondern der Mensch schlechthin kann alles. Wenn er nur will.

Ruhiger Atem
Die sich für die Tour zum Berger Rücken neu zusammengefundene Gruppe der Serie 13/13 will auch nicht wenig! Am Bahnhof Mainkur warten beachtliche 10 Kilometer. Doch statt die aerobe Ausdauer durch den Dreiklang Kennenlernen-Reden-Gehen auszubauen, was bekanntlich dann doch oft in den anaeroben, sauerstoffknappen Bereich hineinreicht, beginnt die Tour sofort mit einer Entlastung. Die ersten 20 Minuten wird geschwiegen. Der Atem geht beruhigend stetig. Und es geschieht, was beim schnaufenden Reden, Keuchen, Schwitzen sonst kaum möglich ist: das Hören auf das Knacken, Rascheln und andere Frühlingsmotive im Wald.

Lässige Leichtigkeit
Es kommt zum Aufstieg auf den Berger Hang. Der Radstrecke hinauf ist steil. Extrem steil. Die Spaziergängerinnen wählen einen anderen Weg. Er führt bergan, aber gemächlich. Und noch ehe der Aufstieg richtig begonnen hat, wartet auf die Gipfel-Erschleicher bereits ein enormer Raumgewinn. Er lässt jede ultrasportliche Was-habe-ich-mich-doch-hier-wieder-extrem-gequält-Attitüde hinter sich – und das um Längen: Die Erde zeigt sich durchgehend grün bis zum Horizont, vor den sich nur noch gelassen Odenwald und Spessart legen.

Erreichbare Ferne
Die unerreichbar wirkende Ferne aber ist nah. Denn das lässig Leichte geht auf die Pilgerinnen und Wanderer über. Sie hetzen nicht zum nächsten Etappenziel, sondern halten an, stehen still, sitzen, liegen, schauen.

Zeitverzögerer
Auf dem Weg zurück in die Ebene begleitet sie ein Streuobstwiesenblühen. Und wieder ist da eine Bank: Warum nicht Pause machen? An deren Ende ertönt das Startsignal für die 100-Meter-Distanz. Nur wird sie nicht in möglichst unter zehn Sekunden absolviert. Eher gewinnt, wer für die Strecke besonders viel Zeit benötigt.

Wie dich alles erreicht
Die vergnügten Absolventinnen des 100-Meter-Anti-Sprints erwartet im Ziel ein neuerliches Gipfelgück. Waghalsige 12 Höhenmeter sind zu überwinden. Oben Bänke, die schon wieder schauen lassen: ins Enkheimer Ried. Und niemand an eine nächste Trainingseinheit, die dem Prinzip gehorcht: “Wenn du an dich glaubst, erreichst du alles.“ Stattdessen erinnert das Auf-der-Bank-Dasein an einen Akt der Freiheit, der die Erkenntnis reifen lässt: “Wenn du anhältst, erreicht dich alles.” –
Gangreihe 13/13: Stilles Frankfurt
Die Tour auf den Berger Rücken ist Teil der “Gangreihe 13/13: Stilles Frankfurt”. Die Serie führt mit kurzen Touren in einem Zeitraum von 13 Jahren an 13 Orte, die Ruhe vermitteln. Start der von der Hessischen Kultur-Stiftung geförderten Serie war 2020. Voraussichtlich im Jahr 2033 soll sie in ein Picknick im Höchster Schlossgraben münden. Der Würzburger Echter Verlag begleitet die Frankfurter Reihe mit dem Buch „Stilles Frankfurt – 13 Orte zum Staunen und Verweilen“.

Frankfurt geht ein Buch
Mit dem Begleitbuch lassen sich die Orte der 13 Touren selbständig erreichen, nachgehen, wiederholen, vorausgehen. Ansprechpartner beim Würzburger Echter Verlag für “Stilles Frankfurt” ist die gebürtige Frankfurterin Melanie Zeuß. Weitere Informationen zur Gangreihe 13/13 und den bisher zurückgelegten Etappen finden sich hier.
GangART
13/13 ist außerdem Teil von GangART, in der Georg Magirius spirituelle Tagestouren auch durch Steigerwald, Haßberge, Schwarzwald, Odenwald und Taunus leitet. Bei bislang 69 Touren nahmen 1360 Pilgerinnen und Wanderer teil. Die Reihe findet Resonanz zum Beispiel in den “Gedanken zum Tag” auf BR1 und BR2 im Bayerischen Rundfunk, im Reiseblatt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, im Deutschlandfunk, Publik Forum, Main Post, hr2-Kultur, Domadio Köln, Main Echo, der Frankfurter Neuen Presse oder der Leipziger Zeitung. Rückblicke auf die Gänge finden sich hier. Termine der nächsten Wanderungen sind immer r. Die Fotos des Blogbeitrags stammen von (c) Stephanie von Selchow, Stefanie Adrian-Fiedler und Georg Magirius.
Weitere Bilder der Tour “Der Langsamste gewinnt”






















