Frankfurt, Spirituelle Wanderungen

Meditieren mit offenen Augen

Meditieren mit offenen Augen - Stille Wanderung durch den Frankfurter Stadtwald

Auf den Gute-Laune-Wellen im Radio konstatieren die Moderatoren begeistert: “Wolkenloser Himmel, endlich Sommer! Die Temperaturen klettern auf weit über 30 Grad!” Die Reisebranche dagegen schimpft – freilich mit ähnlichem Nachdruck: “Noch viele mehr müssten jetzt in Urlaub fliegen.” Die Bäume im Frankfurter Stadtwald direkt neben dem Flughafen hingegen sind leise. Viele von ihnen werden den nächsten Sommer nicht mehr erleben, bemerken die 15 Wanderer der Reihe GangART. Die Stilletour ist ein Meditieren mit offenen Augen.

Verborgene Schätze im Wald

Hessische Kultur-Stiftung

Die Pilgerinnen und Wanderer suchen “Verborgene Schätze im Wald”. Das ist das Motto der Tour unter Leitung des Theologen und Schriftstellers Georg Magirius. Sie ist angeregt von seiner Arbeit am Buch “Stilles Frankfurt” und gefördert von der Hessischen Kultur-Stiftung. Ab und zu rumort ein Flugzeug, Autos sind zu hören. “Immer tiefer geht es in den Wald hinein, nun wird der Geräuschteppich vom Rascheln des Laubes und den darunter lebenden Tieren bestimmt”, heißt es in der Reportage “Die Kostbarkeiten des Lebens im Blick” von Gernot Gottwals und Rainer Rüffer in der Frankfurter Neuen Presse vom 10. August 2020. Indem die Pilger tief in den Wald hineingehen, dringen sie in einen Machtbereich ein, der widerständig macht gegen das Phrasen- und Parolenhafte.

Goethebuche im Frankfurter Stadtwald - Ziel der Tour "Meditieren mit offenen Augen"

Meditieren mit offenen Augen: Größe gewinnen

Es gibt Kostbarkeiten, die versteckt sind, eher im Schatten liegen. Ohne Pflege verlören sie ihre Kraft, führt die Wanderung vor Augen. Die Goethebuche etwa ist eine imposante Erscheinung, mehr als 250 Jahre alt. Vermutlich im Geburtsjahr des Dichters wurde sie gepflanzt. Darauf deuten alte Forstunterlagen hin. Mit ihrem sich im Lauf der Jahrzehnte immer weiter aufspannenden Blätterdach hat sie vielen jungen Buchen ermöglicht, ohne zu viel Sonne und dadurch ausreichend langsam Größe zu gewinnen. Nun allerdings ist um den dicken Stamm ein Graben ausgehoben. Denn der Baum erhält infolge der Regenarmut Wasserinfusionen.

Die Eleganz der Nixe - Maschinenhalle des Wasserwerkes Hinkelstein im Frankfurter Stadtwald - Foto von Georg Magirius

Die Eleganz der Nixe

Wenige Gehminuten entfernt eine Nixe, die elegant die Balance hält: auf der gläsernen Laterne des Kuppeldaches der alten Maschinenhalle des 1893 eröffneten Wasserwerks Hinkelstein. Dass die Erbauer einer technischen Anlage sich der mythologischen Bedeutung des Wassers widmeten, zeigt: Wasser ist viel mehr als ein Faktor, den man unter vielen anderen eben auch noch auf der Rechnung haben muss, um möglichst rasch wieder in die sogenannte Normalität einer weltumspannenden und exzessiven Mobilität zurückzufinden. Denn die Nixe und mit ihr das Wasser verweisen auf eine Macht, die der Mensch sich nicht gefügig machen kann. Wer aber still durch den Stadwald geht, kann von einem Staunen überrascht werden, das dem Schweben der Nixe gleicht.

Meditieren mit offenen Augen und dem Recht auf Pausen - Sonnenhut im Frankfurter Stadtwald

“Gnade sagte der Mensch früher dafür”

Aber nicht nur sichtbaren Kostbarkeiten galt die Aufmerksamkeit der Tour “Verborgene Schätze im Wald”. Immer wieder einmal blieben die Wanderer stehen. Und hörten dann Worte von Manuela Fuelle oder Amet Bick aus dem Buch “Stille erfahren”. Und auch von Büchernpreisträger Arnold Stadler: “Ich dachte in diesen Tagen, da die schnellstmögliche Universaldigitalierung des Lebens verlangt wird, ob das Eigentliche nicht vielleicht auf der Strecke bleibt. Die Erfahrung, dass nicht alles machbar ist, und dass das Leben nicht etwas Machbares ist, sondern etwas Verdanktes: Gnade sagt der Mensch früher dafür.” –

Meditieren mit offenen Augen: GangART

Waltraud Schulz aus Seligenstadt am Main ist die 1000. Teilnehmerin der Reihe GangART und erhält am Ende der Tour "Medietieren mit offenen Augen", der 46. Tour, ein Exemplar des Buches "Frankenliebe"

GangART ist eine fortlaufende Reihe spiritueller Tagestouren durch Spessart, Schwarzwald, Taunus, Fränkisches Weinland, Frankfurt, Haßberge, Rhön und Odenwald. Sie findet Widerhall etwa im Hessenfernsehen, Deutschlandfunk, im Bayerischen Rundfunk, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Main Post. Die Tour im Frankfurter Stadtwald war die 46. Wanderung, bei der übrigens die 1000. Teilnehmerin seit Beginn der Reihe geehrte wurde: Waltraud Schulz aus Seligenstadt am Main. Georg Magirius überreichte ihr ein ein Exemplar “Frankenliebe”. Das Buch mit Wanderungen zu 33 Orten zum Staunen und Verweilen ist von Touren der Reihe GangART inspiriert. Zum Beispiel von der Pilgertour zum Ochsenfest, zur Collenburg oder in die Stille oberhalb der ältesten Weinstadt Frankens. Weitere Informationen zur Reihe GangART sind hier.

Weitere Fotos der Tour zum Hinkelstein