Und die Aktivitätsfanatiker waren für einen Augenblick still …

Isabelle Müller Foto von Aaron KreidelAugenschmaus mit Marc Chagall, eine Performance zu Flucht und Heimat, die literarische Rheingau-Weinprobe “Schwanken zwischen Seligmacher und Höllenberg …”,  in die Stille hören oder der Konzertharfenistin Isabelle Müller lauschen (Foto: Aaron Kreidel) – das lässt sich während der 15. ökumenischen Nacht der Kirchen am 2. September 2016 in Wiesbaden erleben. Zwischen den 22 offenen Kirchen verkehren regelmäßig Busse. Abwechslungsreich und überdies wohltuend beruhigend kann es indes sein, einfach sitzenzubleiben – etwa in der evangelischen Ringkirche. Auf einschläfernde Weise  beruhigend geht es in Wiesbadens größter Kirche allerdings nicht zu.

Überdurchschnittlich gefahrvoll

Pfarrer Ralf-Andreas Gmelin (Foto: Ringkirche) lässt Steine sprechen. Der nicht ganz niedrige Turm des “Doms der kleinen Leute” lässt sich besteigen. Außerdem kann man sich in der Rondo-Bar Mut antrinken, um sich den biblisch inspirierten Liebesabenteuern anzunähern, die in der Frage gipfeln: Wird Tobias die Hochzeitsnacht mit Sara überleben – anders als seine sieben Vorgänger?  Verantwortlich für die mit Wortwitz und musikalischer Raffinesse in die Gegenwart gelegten Weisheiten der Heiligen Schrift sind die Konzertharfenistin Isabelle Müller und der Theologe und Schriftsteller Georg Magirius. Sie weisen um 20, 21 und 22 Uhr den Weg in die überdurchschnittlich gefährlichen Hochzeitsnächte, aber auch in eine FFK-Ferienclubanlage: Dort herscht Sommer für immer! Eines Sonnentages aber halten Adam und Eva die zwanghaft gute Stimmung nicht mehr aus und brechen unter Hindemiths rebellischen Klängen aus – hinein in die wilde Freiheit des alltäglichen Lebens. Die schweigsame Kinoliebhaberin und Weingummianhängerin Maria wiederum begegnet Jesus erstmals bei einem Sommer-Open-Air. Alle Künstler bieten eine tolle Show – bis auf Jesus. Er erzählt nur, sonst nichts.

Die berauschende Gabe der Wortlosigkeit

Aber gerade das erregt Maria auf eine fantastisch beruhigende Weise. Dank der sie beide verbindenden Gabe zur Begrenzung erfahren sie – umrauscht von Gabriel Faurés Impromptu – eine Entgrenzung, die die sie umbgebenden Aktivitätfanatiker für die Ewigkeit eines Augenblicks sprachlos macht. Erzählt wird in der Stadt Jakob und Rahel begegnen sich dagegen erstmals inmitten einer Schafherde, erleben ein glitzernd-wisperndes RendezvoNacht der Kirchen Wiesbaden logous am Brunnen unter den Klängen des Prélude aus der Suite in E-Dur von Johann Sebastian Bach. – Isabelle Müller hat ihr Harfenstudium bei Prof. Fran­coise Fried­rich an der „Hochschu­le für Mu­sik und Dar­stellende Kunst Frank­furt“ 2016 mit Best­note abge­schlos­­sen. Sie ist mehr­­­fa­che Preis­­trä­ge­rin na­tiona­ler und inter­nationaler Harfen­wett­be­werbe im Solospiel und Mitglied der Jungen Deutschen Phil­harmonie. Sie lebt in Brüssel und in Mainz.

Harfe, Hochzeitsnacht und 7 tote Ehemänner, 2. September 2016, 20 / 21 / 22 Uhr, Ev. Ringkirche Wiesbaden – Das vollständige Programm der Nacht der Kirchen >>> hier.

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Die Gabe des Weglassens

Reuenthal im OdenwaldNichts für funktionsbeschichtete Kampfwanderer oder die allradfahrende Landlustschickeria. Das Buch „Frankenglück“ von Georg Magirius lebt nach Urteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18. August 2016 stattdessen von der Freude am bedächtigen Herumstromern und von eher zufälligen Streifzügen zu verborgenen Orten zwischen Rhön und Steigerwald, Aschaffenburg und den Haßbergen. Das Taschenbuch sei allerdings kein Führer zu Kraftorten, Hexentanzplätzen und keltischen Fruchtbarkeitsquellen. „Mit esoterischem Mumpitz hat der Autor nichts am Hut.“ Auch effektiv oder exzessiv agierende Landschaftserkunder würden enttäuscht sein, weil es ausschließlich um genussvolle Spaziergänge abseits des touristischen Mainstreams gehe, um „Orte, an denen das Wesentliche möglicherweise im Verborgenen blüht.“

Der stille Luxus der Abwesenheit von Spektakulärem

So könne das Odenwälder Reuenthal das wiederkehrende Maiengrün in unendlichen Schattierungen genießen lassen. Im Hochspessart lade eine Blumenwiese vielleicht zum Schmökern ein, in Arnstein wiederum ein lauschiger See zum Baden. „Jedenfalls sind derart entspannte Exkursionen ein Garant dafür, dass es keiner Lektüre von Bestsellern über Entschleunigung oder Darmsanierung bedarf.“ Alle vorgestellten Täler, Schlösser, Ruininen Moore, Höhlen, Klöster, Kapellen, Alleen, Skigebiete, Weinberge hätten eines gemeinsam: „Sie umweht der stille Luxus einer Abwesenheit von Spektakulärem.“

Kein pastoral aufgeschäumtes Slowfood-Getue

Statt ausführlicher Beschreibungen würde der Autor es bei knappen Anregungen belassen – ganz im Geist Wilhelm von Humboldts: „Man genießt die Natur auf keine andere Weise so schön, als beim langsamen Frankenglück Buchcoverzwecklosen Gehen.“ Solche Mußestunden könnten sich freilich auch in einem der angeführten Cafés oder Gasthäuser einstellen:  „Da auch zum Gehen und Einkehren die Gabe des Weglassens gehört, sind es durchweg grundsolide Oasen ohne Sterne und Hauben, wo weder Teller-Ikebana zelebriert wird noch patoral aufgeschäumtes Slowfood-Getue.“

Georg Magirius, Frankenglück, 33 Orte zum Staunen und Verweilen, 144 Seiten mit zahlreichen farbigen Abbildungen, Lektorat: Thomas Häußner, Gestaltung: Peter Hellmund, ISBN: 978-3-429-03912-7 – 12 Euro. >>> Weitere Informationen <<<

Die vollständige Rezension lässt sich nachlesen bei >>> Buecher.de.

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Daneben benehmen!

Das Wissen um Stressgefahren hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen, sagen Forscher. Aber nicht das Wissen, wie man dem praktisch entgegenwirken könne. Die Klage über Zeitnot, Belastungen und Überforderung nimmt eher zu. Womöglich kann helfen, nicht immer alles richtig machen zu wollen, sondern sich daneben zu benehmen. Das schreibt Georg Magirius in der 47. Folge seiner Kolumne im Evangelischen Frankfurt vom 3. August 2016, Redaktion: Dr. Antje Schrupp. Für den Frankfurter Pfarrer Thomas W. handle es sich laut seinem Kommentar bei Magrius’ Hinweis auf Jesus um Zynismus: “Was für ein Schwachsinn!” Sich wie Jesus daneben benehmen zu wollen – das seien naiv-romantische Schwärmereien, denen er inhaltlich vielleicht zustimme, aber in der Kirche keinen Platz hätten. Dort komme es nämlich nach seiner Erfahrung darauf an, in einem gnadenlosen Wettbewerb bestehen zu können. Sich als Pfarrer auf die Evangelien und Jesus zu berufen, könne einem Stellung und Auskommen kosten. Johanna Helen Schier weist in ihrer an Reaktion auf den Beitrag darauf hin, dass die Kolumne nicht hilfreich sei. Denn man könne sich nur daneben benehmen, wenn das auch erlaubt sei, es mti Wohlwollen gesehen werde. Die umstrittene Kolumne >>> lesen.

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Was wird aus unserer Heimat?

Die Angst vor dem Fremden schwindet nicht, indem man es abzuwehren versucht und seine Heimat sichern will. Das schreibt Georg Magirius “Die Kirche”, der evangelischen Wochenzeitung für Berlin und Brandenburg vom 7. August 2016.  “Auch hilft es nicht, eine be­stimmte Anzahl Flüchtlinge ins Land zu lassen, um sie dann in dem Sinn zu integrieren, dass sie als Bald-schon-nicht-mehr-Fremde das Land zu einer noch erfolgreicheren Wirtschaftmacht machten, wie es häufig heißt.” Stattdessen beginne eine umfas­sendere Heimaterfahrung, wenn man Fremde nicht als einen zu beseitigenden Problemfall ansieht – und sei es durch Integration. Denn die Integration anderer könne das Gefühl nicht beseitigen, sich selbst nicht immerfort zu Hause zu fühlen. Dieses Gefühl sei aber eine produktive Möglichkeit. Denn es lasse auf die Suche nach einer Geborgenheit gehen, die nicht an Ortsschilder gebunden sein muss. Den vollständigen Beitrag “Himmelweite Heimat. Warum sich das Fremde nicht ausschließen lässt” >>> lesen. Redaktion: Amet Bick.

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Ankommen und Zuflucht finden

Es ist eine Wanderung, bei der es zwischendurch nicht eine Möglichkeit zur Einkehr gibt. Das lässt den Wunsch auf Ankunft wachsen. Genau das ist auch das Thema der Spirituellen Tageswanderung der Reihe GangART am Samstag, 15. Oktober 2016: “Ankommen und Zuflucht finden”. Die 13 Kilometer lange Tour unter Leitung des Theologen und Schriftstellers Georg Magirius verläuft von dem bei Würzburg gelegenen Retzbach nach Karlstadt am Main. Gesucht wird eine Geborgenheit, die nicht zu Lasten von Freiheit und Weite geht. Die Gruppe bildet sich für die Tour neu, geht zum ersten Mal.

Ohne jedes Pressen

Weite Ebene bei RetzbachUm anzukommen, muss man losgehen. Was banal klingt, fühlt sich überhaupt nicht trivial an. Kurz nach Verlassen Retzbachs nämlich spüren die Füße den Aufbruch genau. Mit Eindringen in den Weinberg geht es bergauf, bis man oben ein Sandstein-Kreuz erreicht. Durchatmen erlaubt! Nur angekommen ist man noch nicht, kann freilich Geborgenheit schon ahnen. Die weite Ebene wirkt nicht endlos. Denn der Weg führt an einem Wald entlang, der einen schützt, als ob Arme einen umfingen, ganz leicht – ohne jedes Pressen.

Geborgenheit mit Tücke

Am Ende des feinen Wechselspiels von Feld und Wald lotst der Pfad durch eine Tür in den Weinberg. Der Blick geht tief hinunter zum Main und weit über ihn hinaus auf die andere Seite des Flusses. An steinernen Hütten vorbei wandert es sich nicht starr geradeaGekeltertus, sondern in Kurven und Schleifen, bis man die Stein-Weinhütte erreicht. An der Wand der Rasthütte sind Rebsorten erklärt, was den Durst fördert. Wer hier die Flasche öffnet, trinkt sich garantiert in die Geborgenheit hinein. Dazu die wunderbare Aussicht. Doch Vorsicht! Die beim Weintrinken aufkommende Geborgenheit hat bekanntlich Tücken. Die Tritt­sicherheit kann sich mindern.

Gekeltert und ausgepresst

Erneut folgt eine Waldpassage, dann wieder Weinberg, die Reben von Müller-Thurgau und Silvaner sind angezeigt. An einer Weggabelung ein Steinrelief, das Christus in der Weinkelter zeigt. Es stellt den Schmerz Jesu in den Mittelpunkt. Der Gekelterte, Gebeugte und Ausgepresste stellt das Gegenteil von Geborgenheit dar, kann aber vielleicht gerade dadurch Zuflucht für jene sein, die vor lauter Schmerzen überhaupt kein Zuhause finden können.

Ankunft in der alten Stadt

Dann ist das Ziel nahe. Karlstadt empfängt die Tagespilgerinnen und spirituellen Wanderer mit offenen Armen. Die elegante, leicht wirkende Eisenskulptur am oberen Torturm heißt tatsächlich so: Mit offenen Armen. Karlstadt wurde um 1200 als Mit offenen Armen Karlstadt am MainBollwerk gebaut. Die Anordnung der Gassen und Straßen ist noch heute in allen Details erhalten. Man legte sie so großzügig an, dass sie erst Ende des 19. Jahrhunderts den Ring ihrer Befestigung überschreiten musste. Die Sicherheit der fest gebauten Stadt sollte den Bewohnern also nicht die Luft abschnüren, was man auch heute noch genießen kann – nicht zuletzt im Café Schrödl, das bekannt ist für seinen Baumkuchen und ein Gelee aus Karlstädter Quitten, das ohne Gelierzucker auskommt. Zuflucht findet man spätestens beim Genuss der Schrödlhörnchen, einem Gebäck aus Mandelplunderteig, das auf ekstatische Weise klassisch schmeckt.

Die Daten

Ankommen und Zuflucht finden, Spirituelle Wanderung der Reihe GangART, Samstag, 15. Oktober 2016, Länge: 13 km, reine Gehzeit: 3,5 Stunden. Eine Passage wird still Karlstadt am Maingelaufen. Startpunkt Retzbach und Endpunkt Karlstadt sind Stationen an der RE-Strecke Würzburg-Gemünden-Aschaffenburg-Hanau-Offenbach-Frankfurt. Gemeinsame Anreise von Bahnhof Dettingen und Frankfurt Hbf per Bahn aus möglich. Das Gehen erfolgt auf eigene Verantworung. Die 10 Euro Teilnahmegebühr für Wegführung und spirituelle Impulse sind vorher zu überweisen (Teilnehmerzahl begrenzt). Anmeldung und Informationen direkt bei Georg Magirus per Email buero@georgmagirius.de oder 0176-29402322. Georg Magirius bietet in der Reihe GangART seit 2009 spirituelle Wanderungen an. Von ihm erschienen ist bei Echter gerade “Frankenglück. 33 Orte zum Staunden und Verweilen” (Lektorat: Thomas Häußner) und im Herder-Verlag “Schritt für Schritt zum Horizont. Pilger-Werkbuch” (Lektorat: Dr. Esther Schulz).

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Sei da, bleib da

Hoch die Arme,

Gott!

Strecke dich,

umfasse mich

und wärme mich.

Schütze

und befreie mich,

du fesselst nicht.

Sei da,

bleib da,

deck mich zu.

Wache und

bewache mich.

Schenk ein,

schneid Brot und Kuchen an.

Ruf laut

und wink heran,

die fehlen.

Aus der Rubrik “Zum Inneren Leben”, Christ in der Gegenwart, Ausgabe 29 vom 17. Juli 2016, zitiert nach “Schritt für Schritt zum Horizont, Pilger-Werkbuch”, Lektorat: Dr. Esther Schulz / Clemens Carl, 224 Seiten, Softcover mit Lesebändchen, ISBN 978-3-451-31311-0, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau.

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Hindernis mit Aussicht

Gleiten auf dem Kinzigtäler JakobuswegLeicht geht es sich, wenn der Lebensweg eben verläuft. Aber was, wenn sich ein Berg entgegenstellt? Unter dem Motto „Hindernis mit Aussicht“ führt eine Spirituelle Wanderung der Reihe GangART mit Georg Magirius auf dem Kinzigtäler Jakobusweg im Schwarzwald von Zell am Harmersbach nach Gengenbach. Die 15 km lange Tour ist Teil des „Kurzpilgerns im Schwarzwald“ vom 12.-15. September 2016, veranstaltet von Herder Reisen unter Leitung von Caroline Huber.

Eben und gepflegt

Schwarzwaldhof bei NordrachAnfangs geht es an der Schule und Einfamilienhäusern von Zell entlang, der Weg ist glatt, geteert und überwindet so gut wie keinen Höhenmeter. Selbst wer allein unterwegs ist, muss keine Selbstgespräche führen, sondern kann schon bald im Feld dank des Neuhäuser Echos einen ermunternden Rufdialog führen. Der zwischen Monolog und Dialog changierende Effekt kann freilich auch unheimlich wirken. Der zivilisierte Stadtwald von Zell beruhigt sofort wieder, zumal der dort befindlichen Radiumquelle eine kräftigende Wirkung zugesprochen wird. Weiter geht es auf dem Talweg an der plätschernden Nordrach, wohlgestalteten Gärten, Holzbetrieben und freundlich wirkenden Schwarzwaldhöfen vorbei, bis man Nordrach erreicht, aufgrund seiner heilsamen Luft auch das badische Davos genannt.

Steil und wild

Wildes Tal bei NordrachUnd dann? Der gefällige Charakter der Tour verkehrt sich auf spektakuläre Weise ins Gegenteil. Nicht einmal zwei  Kilometer lang ist er, doch der Pfad hinauf zur Lärchenhütte ist einer der steilsten Anstiege des Kinzigtäler Jakobuswegs.  Jetzt kann man keine großen Schritte mehr tun. Ausblicke? Da ist nur Wald. Der Kontakt zum Talgeschehen ist abgebrochen. Um ausreichend Atem zu bekommen, muss man wie in Zeitlupe gehen, sodass sich das Gefühl einstellen kann, fast alle Kraft sei fort. Allerdings kann man den Weg, die Umgebung und sich selbst intensiv wie selten spüren. Was wie Einsamkeit wirkt, fühlt sich in demselben Moment wie eine lang vermisste Ruhe an, die dem erfrischend ursprünglichen Wald entsprungen ist. Man kümmert sich – es geht ja gar nicht anders! – endlich einmal nur um sich. Denn das Hindernis erfordert die ungeteilte Aufmerksamkeit.

Gelähmt und erleichtert

Teufelskanzel bei GengenbachMit einem Mal gewährt der undurchdringlich scheinende Wald einen Blick ins Tal, durch das man eben noch nichtsahnend dahinpromeniert ist. Und man staunt: Mit all den winzigen Schritten, die sich wie eine Lähmung anfühlten, hat man also diesen ungeheueren Abstand zwischen sich und dem Tal gelegt? Das da unten wirkt wie eine andere Dimension, ein Vorher, in das man nicht zurück kann, nun auch nicht mehr will. Denn jetzt gehört man zur Spezies des Berggängers, der die Gnade erfährt, über den Berg zu kommen. An der Lärchenhütte lässt sich essen, trinken, rasten. Aber auch wenn der höchste Punkt erreicht ist: Euphorie stellt sich nicht ein. Da ist noch immer Wald, kein Gipfeljubel, keine Aussicht – aber Erleichterung: Denn noch einmal wechselt der Weg auf entscheidende Weise den Charakter.

Euphorisch und frei

Es folgt das Glück, durch ein helles, fantastisch ruhiges Waldtal zu gehen – aber was heißt schon gehen. Der Jakobusweg wirkt wie eine Gleitbahn, die Schritte muss man nicht setzen, es geht sich wie von selbst – allmählich ins Kinzigtal zurück. Aber erst ist da noch die markante Teufelskanzel. Und dann die Jakobuskapelle von Gengenbach, die kurz vor dem Ende beschert, was der bewaldete Gipfel verwehrte: Euphorie. Inmitten von Weinbergen platziert, schenkt sie Aussicht – ins Kinzigtal, hinab nach Gengenbach, in die Rheinebene und bis zu den Vogesen. Grenzenlose Freiheit ist zu ahnen, die sich ohne das vorherige Hindernis zumindest nicht auf diese intensive Weise erleben ließe.

Weinhänge bei Gengenbach Kinzigtäler Jakobusweg

Weitere Informationen und Möglichkeit zur Anmeldung zum Kurzpilgern im Schwarzwald vom 12.-15. September 2016 >>> hier. Fotos: © Georg Magirius. In der Reihe GangART bietet der Theologe und Schriftsteller Georg Magirius regelmäßig spirituelle Tageswanderungen an. Von ihm ist bei Herder unter dem Lektorat von Dr. Esther Schulz das Buch “Schritt für Schritt zum Horizont” erschienen.

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Ausflugsziele abseits der Touristenscharen

Aufgang zum Käppele aus dem Buch Frankenglück (c) Georg MagiriusAußergewöhnlich schöne Ausflugsziele lassen sich auf abgelegenen Wegen finden. Das schreibt die Redakteurin Stefanie Bock in der Evangelischen Sonntagszeitung vom 17. Juli 2016. Mit Hinweis auf das Buch „Frankenglück“ von Georg Magirius stellt sie Sehenswürdigkeiten und Naturschönheiten vor, „die abseits der ausgetretenen Pfade liegen, aber dennoch nicht weniger Reize als die Magnete des Tourismus besitzen.“  So führe etwa der Weg zur Wallfahrskirche Mariabuchen im Spessart entlang des Buchenbachs, „dessen Wasser dem aufmerksamen Wanderer ein unterhaltsames Konzert bietet und den Alltag vergessen lässt.“  Anziehend auch die Kastanie auf dem Kapellenberg bei Heimbuchenthal, „dessen Größe in ihrem Angesicht kleinen Passanten Mut und Kraft verlieht.“

Informativ und detailverliebt

Selbst ein nicht ganz unbekannter Ort wie das Käppele auf dem Nikolausberg in Würzburg kann Seiten zeigen, die sich vermutlich in keinem Touristenführer finden. Zu der Kapelle könne man nämlich „durch ein wundersam anmutendes Tor Frankenglück Buchcoverzweier Linden“ gelangen, „das dem Durchschreitenden zeigt, dass nicht immer nur das akkurat Geplante zum Ziel führen muss“. Die 33 Orte von Alzenau und Amorbach bis Volkach und Zabelstein seien in dem Buch detailverliebt und informativ vorgestellt und machten Lust, die Wanderschuhe zu schnüren.

Georg Magirius, Frankenglück, 33 Orte zum Staunen und Verweilen, 144 Seiten mit zahlreichen farbigen Abbildungen, Lektorat: Thomas Häußner, Gestaltung: Peter Hellmund, ISBN: 978-3-429-03912-7 – 12 Euro. >>> Weitere Informationen <<<

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Aufstieg in die Stille

Frische Triebe beim Heinzenberger Kreuz - Kinzigtäler Jakobusweg  Foto von Georg MagiriusWer die Stille entdecken will, benötigt kein Ohropax. Manchmal genügt es, von den Straßen der Geschäftigkeit abzuzweigen. Das zeigt die Spirituelle Wanderung „Aufstieg in der Stille“ der Reihe GangART mit dem Theologen und Schriftsteller Georg Magirius. Die 16 km lange Tour auf dem Kinzigtäler Jakobuswegs im Schwarzwald führt von Haslach nach Zell am Harmersbach. Sie ist Teil des “Kurzpilgerns im Schwarzwald” vom 12.-15. September 2016, veranstaltet von Herder Reisen unter Leitung von Caroline Huber. Schon die Römer bewegten sich durch das Kinzigtal auf einer von ihnen angelegten Straße. Nicht wenige Züge, Lastwagen und Autos nutzen heute einen temporeichen Weg durchs Tal. Die Pilgerinnen und Wanderer des 1993 eröffneten Kinzigtäler Jakobusweg aber biegen nach wenigen Kilometern aus dem Kinzigtal abb – mitten in den Wald hinein.

Stetig steigender Gewinn

Pilgerpfad am Dierlesberg - Kinzigtäler Jakobusweg - (c) Foto von Georg MagiriusZügig geht es bergan, erst auf einem Holzfuhrweg, dann auf einem Wurzelpfad in Serpentinen zum  Weberskreuz. Die Mühe des Aufstiegs entpuppt sich als ein sich stetig steigender Gewinn. Denn Höhenmeter um Höhenmeter schwindet das aufgeregte Talrumoren, bis es am Heinzenberger Kreuz in eine ungeheuer stille Weite mündet. Der Pilgerweg ist zum Wiesenweg geworden, der ins stille Seitental hinein und aus dem Tal heraus blicken lässt. Er führt zu einer muldenartigen Wiese, deren Abgeschiedenheit der dortigen Mittagsrast den Charakter einer köstlich schmeckenden Meditation verleiht.

Untreuer Schwarzwald

Niller Eck - Kinzigtäler Jakobusweg - (c) Georg MagiriusKurz vor dem Dierlesberg betreten die spirituellen Wanderer erneut den Wald – schweigend. Auf schwarzwaldtypische Weise dämpft der mit Nadeln abgefederte Weg die Schritte. Dann allerdings wird das Gebirge seinem klassischen Ruf untreu. Denn mit einem Mal fehlt jeder Nadelwald, eine helle Waldpassage mit Buchen ummantelt die Pilgerinnen und Waldgänger wie ein Zauberwald. Es folgt ein steter Wechsel von Wiesen- und Waldpassagen, man schaut auf vereinzelte Höfe, bis sich am Niller Eck ein Bergpanorama zeigt, dass den gewichtig klingenden Unternehmungsgeist im Tal vergessen lassen kann.

Entfesselung aus dem Hochbetrieb

Fingerhut am Kohlplatz - Kinzigtäler Jakobusweg - (c) Foto von Georg MagiriusAm Kohlplatz, wo vor 80 Jahren noch Kohlenmeiler Laubholz in begehrte Holzkohle verwandelten, geht es allmählich wieder bergab – zurück in die Zivilisation, die nicht schrecken muss. Denn Zell am Harmersbach, einst die kleinste Reichsstadt des Heiligen Deutschen Reiches Römischer Nation, beherbergt eine stattliche Zahl an Eisdielen, Cafés und einen Storchenturm, der nicht nur so heißt, sondern auf dem tatsächlich Störche nisten. Die Wallfahrtskirche Maria zu den Ketten erinnert an die wundersame Befreiung eines Kriegsgefangenen, dem nach Anrufung der Gottesmutter seine Ketten abfielen: Wie sollte da heute nicht eine zumindest zeitweise Entfesselung aus dem lärmenden Hochbetrieb möglich sein?

Abend am Dierlesberg - Kinzigtäler Jakobusweg - (c) Foto von Georg MagiriusWeitere Informationen und Möglichkeit zur Anmeldung zum Kurzpilgern im Schwarzwald vom 12.-15. September 2016 >>> hier. Weitere Fotos der Etappe von Haslach nach Zell finden sich >>> hier. Fotos: © Georg Magirius. In der Reihe GangART bietet der Theologe und Schriftsteller Georg Magirius regelmäßig spirituelle Tageswanderungen an. Von ihm ist bei Herder unter dem Lektorat von Dr. Esther Schulz das Buch “Schritt für Schritt zum Horizont” erschienen.

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Die Unvergängliche

Isabelle Müller - Harfe „Die Liebe ist langmütig“, heißt es in einem furiosen Liebeslied der Bibel. Langmütig aber sind offenbar auch die biblisch inspirierten Liebesgeschichten, die der Schriftsteller Georg Magirius auf immer neue Weise in die Gegenwart verlegt. Die 150. Liebeslesung ist am 2. September 2016 während der Nacht der Kirchen in Wiesbaden zu erleben. Um 20, 21 und 22 Uhr liest er in der Ringkirche unter dem Titel „Harfe, Hochzeitsnacht und 7 tote Ehemänner“ auf Initiative des Pfarrers Dr. Sunny Panitz aus seinem Buch „Traumhaft schlägt das Herz der Liebe“. Die 23-jährige, vielfach preisgekrönte Harfenistin Isabelle Müller wird die Erzählungen musikalisch kommentieren.

Einfach nur erzählen

Dann brechen Eva und Adam ihren FKK-Feriencluburlaub ab. Maria verliebt sich beim Open-Air-Festival in einen Künstler, der nicht wie alle anderen Bühnenartisten eine tolle Show bietet, sondern nur erzählt, sonst nichts. Und die schönste Frau des Alten Testament wird am Badesee von einem Kuss überrascht, dabei wollte sie dort nur ihre Schafe Wasser schlürfen lassen. Die nicht abreißende Kette an Liebeslesungen lässt aufmerken, weil die Kirchen in Deutschland sich seit dem „Jahr der Bibel 2003″ zu scheuen scheinen, diesem kaum fassbar reichen Buch eine große Bühne zu geben. Hat man Angst, die Abwanderungsgedanken potenziell Austrittswilliger zu verstärken? Die Bibel gilt vielen als abgestanden, schwer vermittelbar, literarisch vielleicht zu radikal, kurios oder zu dramatisch, auf jeden Falls als gestrig. Da ist dann auch egal, dass sie Buch der Bücher genannt wird und sich so unterschiedliche Sprach- und Erzählgenies wie Arnold Stadler, Gabriele Wohmann oder Bertolt Brecht vor ihr verneigen.

Eintritt ins Paradies

Steven Tailor Multibläser Foto (c) www.steventailor.deSelbst im Reformationsjahr 2017 geht es um alle möglichen Themen, aber kaum einmal zentral um jenes Buch, das Martin Luther dazu brachte, den Weg der Freiheit einzuschlagen und sich dabei von keinem spirituellem Meister oder sonst einer Autorität beirren zu lassen. Schon damals war die Bibel nun nicht gerade in Mode, sie galt als abgestanden, doch Luther traute dieser Kombination: Da war ein Buch und er – und inmitten tiefer Verzweiflung keimte ein Friede auf, der für ihn wie der Eintritt ins Paradies gewesen sei. Doch auch religiöse Verlage tun sich im Reformationsjahr mit Veröffentlichungen schwer, die sich erkennbar aus dem Buch der Bücher speisen. Begründung? Der Hinweis auf die Bibel bewirke eine Kaufhemmung.

Poesie, Musik, Verzauberung

Magirius’ biblisch inspirierte Liebesgeschichten ziehen dennoch an. Vielleicht weil es sich gerade um kein marketingkonformes kirchliches Öffentlichkeitsangebot handelt, sondern um Poesie, Musik, Verzauberung? Seit der Veröffentlichung seines Buches „…denn die Liebe ist von Gott“ 2005 unter dem Lektorat von Annegret Grimm sind seine Erzählungen in WDR, HR und BR zu hören gewesen. Das Nachfolgebuch „Traumhaft schlägt das Herz der Liebe“ wurde im TV vorgestellt, Erzählungen wurden in 15 Zeitungen abgedruckt. Die Geschichten traten im Frankfurter Städelmuseum in einen Dialog mit Gemälden von Rembrandt und Monet. Meist werden sie aber musikalisch interpretiert – etwa vom Jazzmusiker Steven Tailor unter Leitung der Pfarrerin Monika Peisker im Augustinerkloster Erfurt oder von der Organistin Cordula Scobel in der Frankfurter Auferstehungskirche.

Indem sie geht, vergeht sie nicht

Katharina Knecht gestaltete sie mit Flöten auf Einladung von Pfarrer Markus Eisele bei der Nacht der Kirchen in Idstein und die Harfenistin Bettina Linck illustrierte wieder andere Geschichten in Köln, beim Bündner Weinfest in der Schweiz, auf dem Hofbauernhof bei Freudenstadt oder in der Süsterkirche in Bielefeld. Mehr als 4000 Menschen besuchten die über 70 Konzertlesungen zum Beispiel in Bad König, Bad Homburg, Bad Vilbel, Bad Bellingen oder Badenweiler, aber auch in Städten ohne Kurbetrieb wie Mainz, Nürnberg, Ludwigshafen, München oder Kaiserslautern. Neben den Livelesungen treten fast 80 Liebeslesungen im Hörfunk. So geht eine alte Liebe. Immer weiter geht sie, wandelt und verwandelt sich. Und liegt es an diesem Gehen? Vergehen, heißt es in dem eingangs erwähnten Liebeslied, wird die Langmütige nicht: “Sie hört nicht auf”.

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