Geschmackvoll trauern

Kaum jemand scheint heute zu wissen, wie man richtig trauert. Na gut, man könnte aufs Richtigmachen ausnahmesweise auch mal pfeifen und sich selbst und seinen Gefühlen trauen. Aber das scheint dann wohl doch zu einfach zu sein. Stattdessen schlagen sich viele einen Weg durch den Dschungel von Anleitungen, Trauerkursen und Knigges. Vielleicht hätte auch Siegfried Lenz einen Trauerknigge verfassen sollen? In “So zärtlich war Suleyken” erzählt der jugendliche Ich-Erzähler von der Beerdigung seiner Tante Arafa. Dieses Begräbnis kann womöglich als Vorbild für den heute verbreiteten Wunsch dienen, alles wohlgestaltet, schön und ja nichts falsch zu haben. Am Ende zumindest lautet das nahezu wörtliche Fazit aller, die zur Beerdigung gekommen waren: “es war, insgesamt, ein angenehmes Begräbnis.”

Ein schmackhaftes Begräbnis

Aber was hatte diese Beerdigung denn zu bieten? Heftige Streitereien, die in eine Schlägerei münden. Dazu liebeslustige Walzer und tanzende Paare, es wird gelacht, man verschafft sich Durst und Hunger. “So, und dann wurde gegessen. Was gegessen wurde? Ich brauch’ nur zu erzählen von mir: obzwar jung und unmündig, verzehrte ich acht Spiegeleier mit fettem Speck, fünf Klopse, etwas vom Hasen, einen Entenhals, einen Teller Blutsauer mit Gekröse vom Huhn, einen Teller Fleck, ein halbes Schweineohr und Abschied - Buchcover von Anja Haßeinige Bratäpfel. Dazu aß ich gebackene Zwiebeln, einen gerösteten Fisch und am späten Abend ein paar Flußkrebse, die der alte Glumskopp gefangen hatte.”

Die Erzählung “Ein angenehmes Begräbnis” von Siegfried Lenz ist der Anthologie “Abschied. Geschichten vom Loslassen und Neuanfangen” enthalten, die am 01. September 2017 in der edition chrismon erscheint, herausgegeben von Georg Magirius. Lektorat: Annegret Grimm. Cover: Anja Haß, Layout: Friederike Arndt.

Posted in Allgemein | Tagged , , , , , | Leave a comment

Abschied vom irrsinnigen Ernst

Eine nicht zu beherrschende Übelkeit kann für Trauernde eine befreiende Wirkung haben. Davon erzählt Bov Bjerg in der Erzählung Schinkennudeln. “Seit ich lesen konnte, hatte ich meine Nachmittage in Herrn Hofers Hinterzimmer verbracht, Comics, Schneiderbücher und immer wieder stapelweise Comics verschlungen”. Mit dem Tod von Herrn Hofer aber ist der Kaufladen geschlossen. Und beendet sind die gemütlichen Nachmittage des Dauerlesers und die Arbeit seiner Mutter, die in dem Kaufladen gearbeitet hatte. Bald putzt und kocht sie für das Lateinlehrer-Ehepaar Glinka und ihre beiden Söhne Ekbert und Bente. “Ekbert war der beste Schüler auf dem besten Gymnasium der Kreisstadt, Bente war etwas zurückgeblieben und brachte vom gleichen Gymnasium nur Zweien nach Hause. Außerdem war er in psychatrischer Behandlung”.

Ein nicht aufzuhaltender Akt der Freiheit

Dramatischer jedoch: Die Mutter muss die von ihrem Sohn heiß geliebten Schinkennudeln nach Frau Glinkas Rezept kochen, was beim eingeladenen Sohn der Köchin dazu führt, dass durch Nasenlöcher und zusammengrepresste Lippen “zwei Portionen Abschied - Buchcover von Anja HaßSchinkennudelbrei ins Esszimmer der Familie Glinka” spritzt. “‘Ich geh zum Irrenarzt’, sagte Bente, ‘und du kotzt hier auf den Tisch.’ Herr Glinka sagte: ‘Die Menschen sind eben verschieden.’”

Die Erzählung “Schinkennudeln” von Bov Bjerg ist der Anthologie “Abschied. Geschichten vom Loslassen und Neuanfangen” enthalten, die am 01. September 2017 in der edition chrismon erscheint, herausgegeben von Georg Magirius. Lektorat: Annegret Grimm. Cover: Anja Haß, Layout: Friederike Arndt.

Posted in Allgemein | Tagged , , , , , , , | Leave a comment

Die Blutspur einer Frauenhasserin

Gabriele Wohmann hat sich niemals mit anderen zur blöden Masse zusammengezählt. So chararakterisiert die Pädagogin Astrid Kahmen in ihrer Reihe Great Women auf “Le monde de kitschi” an Wohmanns 2. Todestag, dem 22. Juni 2017, die “Meisterin der Kurzgeschichte” (Neue Zürcher Zeitung). Als Beleg für die Unabhängigkeit Wohmanns, die oft als Frauenliteratin gilt, zitiert Kahmen das Urteil einer Feminstin:

“Durch das Werk der Gabriele Wohmann zieht sich wie eine Blutspur ihr gestörtes Verhältnis zur Frau, zum eigenen Geschlecht, ziehen sich ihre hasserfüllten Volten gegen alles Weibliche”.

Das Porträt von Astrid Kahmen über Gabriele Wohmann lesen >> hier.

Posted in Gabriele Wohmann | Tagged , | Leave a comment

Drei Reisetipps von Hermann Hesse

Der wahrhaftige Antrieb zum Reisen sei erstens ohne Zweck und Ziel, zweitens in seiner Leidenschaft rasend und sich verzehrend und drittens wild und unersättlich. Das schreibt Hermann Hesse in einer autobiographischen Betrachtung über die Reiselust. Diesen Erkenntnis- und Erlebensdrang könne kein Erkennen stillen, kein Erleben sättigen. “Der ist stärker als wir und als alle Ketten”. Und die Reise ganz am Ende? Abschied - Buchcover von Anja Haß “Wenn uns die Erde ruft, wenn uns Wanderern die Heimkehr, uns Rastlosen die Ruhestatt winkt, so wird das Ende kein Abschiednehmen und zages Sichergehen sein, sondern ein dankbares und durstiges Schlürfen des tiefsten Erlebens.”

Die Betrachtung “Reiselust” von Hermann Hesse ist der Anthologie “Abschied. Geschichten vom Loslassen und Neuanfangen” enthalten, die am 15. September 2017 in der edition chrismon erscheint, herausgegeben von Georg Magirius. Lektorat. Annegret Grimm. Cover: Anja Haß.

Posted in Allgemein | Tagged , , , , , , | Leave a comment

Die Kraut-Pädagogik

Manuela Fuelle (c) www.manuelafuelle.comEine Tochter sucht ihren Vater. Das ist das Handlungsgerüst des Romans „Fenster auf, Fenster zu“ von Manuela Fuelle. Wobei das Buch genau genommen kaum Handlung hat. Die Reise zum Vater setzt sich eher aus Gedanken, Vorstellungen, Erinnerungen, Erwartungen zusammen. Als Action lässt sich das nicht gerade bezeichnen. „Einzige Tat dieses Buches“, schreibt die Erzählerin, sei das Totschlagen einer Stunde.

Widerständig

Das macht den Roman lebendig. An keiner Stelle findet sich ein Satz, der sich wie jene Sätze liest, die als Werkzeug verwendet werden für ein forsches Schreiten zur Tat. Die Sätze der Autorin marschieren nicht. Eher ist ihnen ein merkwürdiges Schweben eigen. Dieser Eindruck beruht darauf, dass ihr Sinn nicht festgeklopft wird. Stattdessen scheint die Ich-Erzählerin ihnen während des Erzählens nachzuhorchen, Worte auf ihre Vieldeutigkeit abzuhorchen, wodurch diese in immer neue Zusammenhänge geraten. Manchmal bricht der Gedankenstrom ab, setzt neu an, was den Akt des Lesens zu einem fortlaufenden Widerstand gegen das angeblich schon längst Gewusste macht.

Rhythmisch

Elliptisch ist der Stil – wie man das vom mündlichen Erzählen her kennt. Gleichwohl lässt das die Sprache wiederum üppig wirken, überbordernd, reich. Das Erzählte wirkt unmittelbar und dennoch ausgefeilt. Dieses Zugleich von Exaktheit und Freiheit mag daran liegen, dass es bei diesem Roman eben niemals darum geht, irgendwelche Regeln zum Bilden ohnehin gebräuchlicher Wortaneinanderreihungen zu erfüllen. Sondern? Um Rhythmus und Melodie.

Ungewöhnlich

Es lässt an Musik denken, die im Augenblick erstaunten Hörens nicht fragen lässt, ob in ihr ein Sinn steckt, der verwertbar wäre. Unsinnig ist der klangvoll wirkende Roman deswegen nicht. Denn es geht ihm darum, das Gewöhnliche auf den Kopf zu stellen. Er ist eine Verteidigung des Ungewöhnlichen, von etwas oder jemanden, an den man sich im besten Fall nie gewöhnt. Um einen Menschen, der unverwechselbar, eigen, einzigartig ist.

Eigen

Das ist er, der Vater. Und wie er mit dieser Einzigartigkeit andere angesteckt hat, erzählt die Tochter: „Geh aus der Abhängigkeit. Geh deinen Weg. Misstraue jeder Macht, jedem Mächtigen, jeder Institution.” Aber das ist kein Programm, mit dem der Mut zur Eigenheit anderen eingetrichtert würde, wodurch dieser Mut sich ja gleich wieder in sein Gegenteil verdrehen würde. Stattdessen hat der Vater die Kinder einfach wachsen lassen.

“Er war es nicht, der ein großes Un vor Kräuter setzte, der ihr Wachstum begrenzen wollte durch ein Un. Das Un ist, findet er, wie ein Zaun, eine Grenze, bis hierhin und nicht weiter. Halt! Stop! Und er kann mit dieser Grenze nichts anfangen. Er lässt das Kraut wachsen, wo und wie es will. So hat er es auch mit seinen Kindern gehalten. Man muss nichts zwingen, biegen, brechen oder beschneiden. Man kann warten. Warten, bis etwas wachsen will, erwachsen wird und blüht.”

Manuela Fuelle, Fenster auf, Fenster zu, 296 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Klöpfer & Meyer, Tübingen 2011.

Das Buch auf der Seite des Verlags >>> hier.

Zur Website von Manuela Fuelle >>> hier.

Ein Video zum Buch, gesprochen von der Schauspielerin Antje Thiele >> hier.

Posted in Allgemein | Tagged , , , , | Leave a comment

Luther macht Pause – ausgerechnet im Lutherjahr

Sitzen im Lutherjahr - welch eine GnadeDas Reformationsjahr 2017 steckt voller Aktionen und Aktitvitäten. Nur die für Luther selbst entscheidende Entdeckung wirkt eher gegenteilig. Es war die für ihn befreiende Einsicht in die Bedeutungslosigkeit eigenen Wirkens. Diese von Luther sogenannte „passive Gerechtigkeit“ erlebte er freilich wie den Eintritt ins Paradies, als Gnade.

Einfach sitzen

So lädt die Evangelisch-Lutherische Gnadenkirche Dachau am 24. Juni 2017 zum Sitzen ein: auf Kirchbänken, Bierbänken, in Liegestühlen unter Bäumen, am Lagerfeuer und um 20 Uhr bei der Konzertlesung „Gerechtigkeit im Liegestuhl – Luthers Bibelglück“ mit der Konzertharfenistin Bettina Linck und dem Schriftsteller Georg Magirius.Bettina Linck - Harfenistin aus Darmstadt Die Leitung hat Pfarrerin Christiane Döring. “Im Mittelpunkt steht der Mensch Luther”, schreibt die Frankfurter Rundschau über die Konzertlesung. „Sehr inspirierendes Spiel von Bettina Linck”, so Deutschlandfunk Kultur. Und Ilka Scheidgen urteilt in Zeitzeichen, den Evangelischen Kommentaren zu Religion und Gesellschaft: “Das ist so einmalig lebendig, so unprätentiös und klar erzählt, dass man sich die Augen reibt und fragt: Warum wird einem nicht viel öfter Glaube so vermittelt?”

Samstag, 24. Juni 2017: Gereichtigkeit im Liegestuhl – Luthers Bibelglück. Evangelisch-Luthersiche Gnadenkirche, Anton-Günther-Str. 1, 85521 Dachau, Georg Magirius liest aus “Traumhaft schlägt das Herz der Liebe”, “Gesänge der Leidenschaft”, “Erleuchtung in der Kaffeetasse” und “Schritt für Schritt zum Horizont“, Konzertharfe: Bettina Linck, Leitung: Pfarrerin Christiane Döring.

Posted in Bettina Linck, Gesänge der Leidschaft, Liebesgeschichten | Tagged , , , , , , | Leave a comment

Wie man das Erzählen lernt

Mobile Wortwerkstatt MagiriusKann man das Erzählen überhaupt lernen? Anlernen könne man nicht viel, sagt der Journalist und Schriftsteller Georg Magirius. “Aber man kann lernen, auf die Kuriositäten, Unstimmigkeiten und Wunderlichkeiten in sich zu hören.” Damit verhindere man andere anzuöden. Das sei nämlich der entscheidende Grund langweiligen Erzählens: “Der Wunsch alles immerzu richtig machen zu wollen.” Die von ihm gegründete Mobile Wortwerkstatt ermutigt  dazu, inneren Bildern zu trauen, ungeahnte Wege zu gehen und Fehler zu machen. So könne man beim Erzählen mitreißen und überraschen. Das Angebot richtet sich an Einzelne und Gruppen, an Kinder, Jugendliche, Gelegenheitsschreiber und professionelle Rednerinnen. Mehr dazu hier.

Posted in Allgemein | Tagged , , | Leave a comment

Gegen den Zwang zum Immer-Geradeaus

Reise im Kreis - Foto von Georg MagiriusImmer-weiter-Vorwärtskommen – das gilt als moderne Tugend. Man bringt etwas, sich, die Arbeit, das Land oder gleich die Weltgesellschaft voran. Kurioserweise haben trotz dieses ständigen Aufrufs zum Geradeaus manche das Gefühl, nicht recht vom Fleck zu Kommen. Georg Magirius plädiert in seinem Beitrag vom 21. Mai 2017 für Die Kirche, die Evangelische Wochenzeitung für Berlin und Brandenburg, aus dem Immer-Geradeaus auszusteigen. Wer stehen bleibe, Umwege gehe oder sich im Kreis bewege, könne die Welt mit anderen Augen sehen, behauptet er.

Den Beitrag lesen >>> hier. Redaktion: Amet Bick.

Posted in Allgemein | Leave a comment

Zum 85. Geburtstag von Gabriele Wohmann

Am 21. Mai 2017 wäre Gabriele Wohmann 85 geworden. Um wen handelt es sich bei Gabriele Wohmann? Die Neue Zürcher Zeitung adelt die 2015 Verstorbene als “Meisterin der Kurzgeschichte”. Sie sei deren “absolute Herrscherin”, urteilt die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die – so der Mitteldeutsche Rundfunk – “unangefochtene Königin der Kurzgeschichte”. All diese royalen Ehren hat sie allerdings erworben, indem sie die Niederungen des Alltags in den Blick genommen hat. So hat sie in dem 2011 veröffentlichten Buch “Sterben ist Mist, der Tod aber schön” ihre Strategie verraten, wie sich am besten Geburtstag feiern lässt: “Der Geburtstag wird gehandhabt wie ein Schnupfen, drei Tage kommt er, drei Tage bleibt er, drei Tage geht er. Das mit dem kommt er, das nehmen wir nicht mehr so wörtlich, aber nachdem der Tag vorbei ist, heißt es: Heut ist immer noch Geburtstag. Denn das Abfallen danach ist furchbar, diese Fallhöhe. Auf einmal ist man wieder jedermann.” 

Ein von Karen Lehwald erstelltes Porträt zum 85. Geburtstag von Gabriele Wohmann beim Sender 3sat >> hier.

Posted in Gabriele Wohmann | Tagged , , , | Leave a comment

Drei Stimmen gegen das Loslassen-Müssen

Wer trauert, darf ruhig trauern, heißt in der Hilfsbranche oft. Jedoch: Irgendwann müsse der Verlust überwunden werden, die Trauer sich verwandeln. Es gelte  loszulassen.  Aber gerade dieses Loslassen-Müssen stellt die Politilogin, Journalistin und Bloggerin Antje Schrupp in ihrem Beitrag “Mit der Trauer weiterleben” der Dezemberausgabe 2015 der “Arbeitshilfe zum Weitergeben” in Frage: “Vielleicht ist das das Wichtigste beim Trostfinden: Sich nicht an abstrakten Normen davon, ‘wie es richtig wäre’, zu orientieren, sondern den eigenen Gefühlen und Intuitionen zu vertrauen. Also die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass es so, wie man es macht, vielleicht ganz einfach okay ist.” Schrupp beruft sich auf Ayten Adalilar, die ihren Sohn verloren hat, als er 16 war. Sie sagt: „Da ist ein Feuer in mir drin”. Manchmal brenne es stark, manchmal ziehe es sich zurück. Aber es gebe Tage, dann sei alles wieder da. “Eine Mutter vergisst das nicht.”

Mit der Trauer weiterleben

Statt die Trauer überwinden zu wollen, helfe es, mit der Trauer auf gute Weise weiterzuleben, schreibt Schrupp. Und sie verweist auf den Theologen Georg Magirius, der  “Schmetterlingstango” über seine totgeborene Tochter schreibt: “Also gut, ­beschließe ich erneut: Ich lasse meine Tochter gehen! Sie allerdings scheint auf eigenwillig andere Weise sehr leben­dig zu sein, denn immer kommt sie zurück, ohne dass ich das Gefühl habe, dass sie mich damit am Leben hindern wolle. Denn gerade sie gibt mir oft die Sicherheit, in der einzig richtigen Haut zu sein, nämlich in meiner: Wenn ich traurig und unruhig bin, rufe ich mir ihr Bild vor Augen: Augenblicklich werde ich ruhig.”

Posted in Allgemein | Tagged , , , , | Leave a comment