Allgemein, Religion und Poesie

Dem Baum beim Wachsen zusehen

Einem Baum beim Wachsen zusehen - Foto (c) Karl Egger / Pixabay

Da ist es, das neue Buch von Arnold Stadler, der als eine der wichtigsten literarischen Stimmen deutscher Sprache gilt. Nur werden es viele für vollendet unwichtig halten. Es sind all jene, die das Schreiben und Lesen unter dem Gesichtspunkt der Verwertbarkeit betrachten. Das Thema der im Gmeiner Verlag veröffentlichten Erzählung “Die Falltorgasse oder alle Wege führen nach Rast” ist ein Dorf. Rast hat keine 500 Einwohner. Und dann geht es noch nicht einmal so sehr darum, wie es dort gerade ist, sondern wie es einmal war, in den ersten beiden Lebensjahrzehnten des Autors. Es ist die erste Welt des Autors.

Abseits der Zentralisierung

Diese Welt wirkt einzigartig, allein schon wegen ihrer Sprache, die der Autor vorstellt. Stadler spricht als einer der wenigen noch Rasterisch. Vermutlich kann es kaum jemand sonst so lebendig werden lassen wie er. Zum potenziellen Adressatenkreis des Buchs dürfte damit gerade einmal er selbst zählen, folgern die Aktivisten eine vorrangig absatz- und zeitgeistorientierten Literaturgeschehens. Es sind um ihren Einfluss bangende Vertreter des klassischen Feuilletons, auf reeltaugliche Neuerscheinungen spezialisierte Bookgramerinnen und diejenigen, die sich Buchinhalte zwecks Steigerung der Argumentationkompetenz elektronisch zuführen. Auch Vertreter von Großverlagen und die ihnen folgenden Lesescharen werden es nicht beachten, weil sie sich in einer Konzentrationsphase befinden. Sie konzentrieren sich auf ein am besten lückenloses Publizieren oder Konsumieren von in der Hauptstadt georteten Spitzenbestseller-Kandidaten.

Wie Musik

Auch der Erzähler konzentriert sich: auf vermeintlich Abgelegenes und Vergangenes, auf die Provinz, das Dorf seiner Kindheit in Oberschwaben, in dem er auch heute lebt. Wo führt das hin? In die Welt. Denn es gibt keine Provinz, überall ist Welt, sagt Stadler. Er erzählt von dem, was unbeachtet war und ist, das schwindet oder bereits verschwunden ist. Das ist alles. Es geht um alles. Seine Stimme, ohne anschwellen zu müssen, klingt entlarvend aktuell. Seine Erzählung ist ein hochpolitisches Statement. Könnte man sagen, wenn Stadler ein Wort wie Statement nicht auf lähmende Weise hässlich fände, weil es an den Konferenztisch-Eifer der Experten denken lässt. Stadlers Erzählen hingegen klingt. Es wirkt wie Musik.

Wovon der Mensch lebt

Nein, es ist kein Hörbuch, von einem Schauspieler theaterreif gesprochen, garniert mit musikalischen Einsprengseln. Es ist ein Buch zum Lesen. Da sind Rhythmus, Pausen, Stille, Melodie. So wird jeder, für den Sprache noch etwas anderes ist als ein effinzientes Einsetzen von Informationen, Stadlers Sätze beim Lesen immer auch hören. Die Klangerzählung umspielt die Frage, wovon der Mensch lebt. Nicht zuletzt von Bäumen, lautet die Antwort. Sofern man sie nicht als Hindernisse für das eigene Vorwärtskommen betrachtet.

Die Menschen mochten an sich Bäume nicht. Vor allem, wenn sie zu groß wurden. Sie machten nur Sauerei. Der Mensch ist verschieden. Es gab und gibt auch Menschen, die sich freuten, dem Baum beim Wachsen zuzusehen. Diese waren immer in der Minderheit.

Arnold Stadler, Die Falltorgasse oder alle Wege führen nach Rast

Auch die von seinem Urgroßvater gepflanzten Birken auf dem Raster Friedhof „wurden der Angst, es könnte jemand erschlagen werden von ihnen, geopfert. (Auch sie habe ich noch fotografiert.)“ Von ihm geliebte Menschen, beerdigt vor 20, 30 Jahren oder auch davor, genauso deren Grabsteine sind ebenfalls “abgeräumt, ein Wort, das nach Müllentsorgung klingt.” Auf den Grabsteinen konnte man noch “Wiedersehen” lesen. Dafür wächst das Neubaugebiet. Und der Wunsch einiger Eltern, dass die Kinder schon per Kindertagesstätte Englisch lernen, damit sie nicht den Anschluss verlieren.

Ich war einmal

„Die Falltorgasse oder alle Wege führen nach Rast“ zeigt Stadlers musikalisch-poetische Meisterschaft: Es liest sich wie ein erstes Mal. Dabei klingen nahezu alle seine bisherigen Bücher an und mit. Manchmal sind gleich mehrere Sätze ins Neue eingefädelt, die dann aber mit einem Mal einen anderen Akzent erfahren und varriierend weiterklingen. Ohne dass das einst Erzählte damit aufgehoben wäre. Was ist es, was Stadler stetig vergegenwärtigt? Glück und Unglück eines Lebens auf dem Land, wie es war.

Das größte Fest

Jeder kann sich darin wiedererkennen, der das eigene Anfangen an einem vielleicht sogar ganz anderen Ort noch nicht erinnerungshygienisch beseitigt hat. Wer also zumindest eine Ahnung von seiner unvergleichlichen Begabung fürs Glück gerettet hat, die – warum auch nicht? – in jedem angelegt sein dürfte. Es ist paradox, dass es gerade das Unvergleichliche dieser kindergroßen Begabung ist, das erfahren lässt: Der Mensch ist nicht allein. Wenn der Autor etwa erzählt, wie er 1963 als Neunjähiger das Große Musikfest zur 40-jähigen Neugründung des Musikvereins erlebte, „das erste und größte Fest meiner Kindheit, vielleicht sogar meines Lebens.“

Arnold Stadler 1954

Wer ist dieses Kind?

Wer ist dieses Kind? Eines, das schon bei der ersten Fahrt mit der Schule unentwegt durchs Zugfenster schaut. Das jeden Tag im Stall ist. Und in den katholischen Prozessionen, die durch die Falltorgasse führen – damals ein Feldweg, heute die Hauptstraße des Neubaugebietes – ganz auf „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ eingestimmt ist. Was aber nicht zu einem tatenlosen Leben führt. Zwar hat der Autor – obwohl ihn 1999 die Nachricht von der hierzulande renommiertesten literarischen Auszeichnung, dem Büchnerpreises, als Stadtschreiber von Bergen erreicht – kaum einen Berg bestiegen. Dafür hat er zu ihnen aufgeschaut, zum Säntis, dem Kilimandscharo oder den Gipfeln der Anden in Chile, wohin einige seiner Vorfahren ausgewandert sind. Er ist ein Träumer, aber einer der tatkräftigen, der mit anderen erreicht, dass zwischen Radolfzell und Mengen am Bodensee wieder ein Zug fährt. Wie in den ersten Jahren seiner Zeit auf dem Gymnasium, als er zum Bahnhof Sauldorf ging, um nach Meßkirch zu kommen. Tätig ist Stadler auch mit seinen Büchern.

Ich sehe das Schreiben als Aufgabe, um etwas, das sonst verloren wäre, um das es schade wäre, aufzuheben. Und den übergangenen Menschen ein Denkmal zu setzen. Auf die Weise des Erbarmens.

Arnold Stadler, Die Falltorgasse oder alle Wege führen nach Rast

All das ist nichts Tüchtiges. Er, dessen Lieblingswort Ja ist, widerspricht energisch, dass man wieder kriegstüchtig werden müsse. Wie es ein Minister empfiehlt, der laut Umfragen beliebteste Politiker Deutschlands. Einem Cantus firmus gleich durchzieht dagegen der Halbsatz „Nie wieder Krieg“ das Buch und Stadlers Familie, in denen einige über Jahrzehnte und noch bis zu ihrem Tod davon träumten, dass die im Krieg Vermissten zurück nach Rast finden. Nach Hause. Statt tüchtig zu werden, erinnert der Autor lieber, wie tätig er als Ministrant war. Und mit seinem Cousin einmal in den Gewändern, bei der Beerdigung seines Urgroßvaters, in Tränen ausgebrochen ist.

Umgeben von Herren

Das Buch “Die Falltorgasse oder alle Wege führen nach Rast” hat noch einen Autor, der den zweiten Teil geschrieben hat. Der promovierte Historiker Edwin Ernst Weber, lange Zeit Kulturreferent und Archivdirektor des Landkreises Sigmaringen, stellt präzise die historische und soziale Situation von Rast in den letzten Jahrhunderten vor. Es liest sich entgegen dem Klischee vom Archivar lebendig. So überrascht, dass die Raster im 16. und 17. Jahrhundert mit den Klöstern Petershausen und Wald sowie der Stiftskirche Meßkirch gleich drei konkurrierende Ortsherren hatten. Dazu lag die Blutgerichtsbarkeit und Steuerhoheit bei den hohenzollerischen Grafen von Sigmaringen. Und ihre Patronats- und Zehntherren waren in der Deutschherrenorden-Niederlassung von Mainau und Altshausen.

Autonom und streitbar

Trotzdem sind die Raster “keine rechtlosen und geknechteten Untertanen übermächtiger Adels- und Klosterherren”, vielmehr “eine höchst selbstbewusste und streitbare Dorfgemeinde, die kenntnischreich ihre Obrigkeiten gegeneinander ausspielt und sich einen beträchtlichen kommunalen Autonomie-Spielraum sichert.” Ein Selbstbewusstsein, das sich unter anderen Bedingungen fortsetzte. So entstanden im 19. Jahrhundert in dem fast vollständig von Land- und Viehwirtschaft geprägten Dorf Genossenschaften, Versicherungsanstalten, Musikvereine, auch ein Leseverein. Mit der Pferdezucht wurden mehrfach Staatspreise errungen. Und es gab viel beachtete Theateraufführungen mit Darstellern aus dem Dorf.

Einem Baum beim Wachsen zusehen - Foto (c) Annette Meyer / Pixabay

Einem Baum beim Wachsen zusehen

Die doppelte Autorenschaft des Buchs unterscheidet sich wohtuend von anderen, als expertenstark auftrumpfenden Mehr-Autoren-Büchern. Bei ihnen handelt es sich zuweilen um podcastartige Plaudereien, die auf ungreifbare Weise zum Buch transmedialisiert werden. Auch kommt es vor, dass am Ende eines ISBN-Diskursbeitrags einer bis dahin ungenannten Reporterin gedankt wird, die ja wie schon bei den Vorgängerbüchern die zwei oder drei Interviewtreffen trefflich zu dem nun vorliegenden Buch ausgearbeitet habe (falls sie überhaupt genannt wird). Nein, beide Autoren haben das Dorfbuch von Welt selbst verfasst. Dank mehrerer Treffen im Raster Löwen ist es gemeinsam angedacht, aber autonom verfasst worden, von jeweils eigener Hand. Fast 15 Jahre hat es gedauert. Das Buch zu lesen ist, wie einem Baum beim Wachsen zuzusehen.

Arnold Stadler/Edwin Ernst Weber, Die Falltorgasse oder alle Wege führen nach Rast, Lektorat/Korrektorat: Isabell Michelberger, Layout und Satz: Florian Gmeiner, Bildbearbeitung: Pia Spatz, Gmeiner Verlag, Meßkirch 2026. Die Birkenfotos des Blogbeitrags stammen von (c) Annette Meyer und Karl Egger (Pixabay).