Biblisches

Die Tatkraft der Träumer

Die Tatkraft der Träumer besteht darin, mehr als das Vorfindliche vom Leben zu erwarten

Wer träumt, kümmert sich intenisv ums Leben. Ja, man kann das sogar als Tatkraft der Träumer bezeichnen, schreibt die Redakteurin Renate Haller in der Evangelischen Sonntagszeitung vom 18. September 2022. Träume, auch Tagträume, hätten einen schlechten Ruf. Aber wer auf mehr als das Vorfindliche hoffe, könne genauer hinschauen. Träumende bräuchten Ungerechtes nicht zu bagatellisieren oder ins Akzeptable umzulügen. So entsteht Kraft zum Widerstehen und Gestalten. Die Soziologin und Politologin Haller verweist dabei auf Gedanken von Georg Magirius, die er in Auseinandersetzung mit Bereschit, Jeschajahu und dem Urskipt des Films “Il Vangelo secondo Matteo” von Pier Pasolini entwickelt hat.

Abtauchen und Handeln

Andererseits heißt es: Wer träumt, neigt zur Flucht. Aber auch beim Weglaufen oder Abtauchen könne es sich um kraftvolle Taten handeln, gleichsam um eine Flucht ins Leben hinein. Das gibt der Historiker Rudolf Kreutner zu Bedenken. So schreibt er über den von der Romantik geprägten, sich im Lauf des Lebens immer treuer werdenden Dichter und Zeitkritiker Friedrich Rückert: “Voraussetzung für den ‘erfolgreichen’ Einsatz der ‘Fluchtinstinkte’ ist wiederum die adäquate Wahrnehmung der Wirklichkeit, die dem sensiblen Rückert bis ins hohe Alter beschieden war.” – Fotos (c): Indeon / daway.

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Träumen. Oft ist ein schönes Gefühl, wenn es gerade passiert, aber so richtig ernst zu nehmen ist es nicht. “Es war nur so ein Traum”, heißt es schnell, wenn sich etwas nicht realisieren lässt. Und schon hat der Traum ein schlechtes Image. Das weiß auch Georg Magirius und hält dagegen. In seinem Buch “Meine Bibel. Impulse fürs Hier und jetzt” bricht er eine Lanze für den Traum und die Träumer. “Die Bibel hat ein großes Herz für Träumer”, schreibt der Theologe, Autor und Wandersmann und erzählt von Josef. Der berichtet seinen Brüdern eines Tages von einem Traum, in dem die Brüder sich vor ihm verneigen. Unerhört, urteilen diese, und verkaufen ihn. Josef überlebt mit Hilfe eines Traums und macht das, was man heute Karriere nennt. Oder ein anderer Josef: Kurz nach der Geburt Jesu erzählt ein Engel Gottes ihm im Schlaf, dass Herodes das Kind töten lassen will. Die junge Familie flieht und überlebt.

Auch wenn die Bibel warne, Propheten sollten nicht falsche und nichtnutzige Träume erzählen, komme immer wieder “die Lust am Farbigen durch”. Auch die Tagträumer der Bibel, schreibt Magirius, schauten genau hin: “Sie sind nicht einverstanden mit denen, die sagen: ‘Hunger, Krieg, Zerstörung der Natur? Da kann man nichts ändern.'” In der Bibel zeigten sich traumhaft schöne Visionen, und sie ermutige dazu, sich mit Ungerechtigkeit nicht abzufinden.

Magirius beschäftigt sich mit Größe und Aufbruch, mit Gipfelglück und Friede, mit Mut und Liebe. Er zeigt theologisch und philsophisch, was die Bibel im Hier und Jetzt zu sagen hat, erzählt das leicht und doch prägnant, zitiert und interpretiert die biblischen Schriften, und macht das auf eine sehr unterhaltsame Art und Weise, verständlich und kurzweilig.

Lachen ist eine der Regungen, die das Leben schön machen. Und doch sagen noch immer Menschen, in der Kriche habe es nichts zu suchen. In der Bibel stehe auch nirgends, dass Jesus gelacht habe. Dazu schreibt Magirius “vom Aufstand gegen den Ernst”. Er erzählt von Sarah, die sich sehr amüsiert habe, als Gott ihr ankündigte, dass sie mit 90 Jahren noch einen Sohn gebären werde. Doch genauso kam es.

Renate Haller: Ein großes Herz für Träumer, Evangelische Sonntags-Zeitung