Biblisches, Neues Leben

Vision einer therapiefreien Welt

Gar nicht wenige Coaches, Beraterinnen und Ärzte scheint eines an ihrer Arbeit ziemlich wichtig zu sein: sich selbst nicht überflüssig zu machen. Denn nur solange ihr Rat gefragt ist, spüren sie die eigene Bedeutung. Dann ergibt ihre Arbeit Sinn, zumal eine längere, lange oder immerwährende Hilfestellung oft auch finanziell nicht nachteilig ist. Die Hilfesuchenden jedoch kommen kaum richtig auf die Beine. Ihnen öffnet sich kein Weg, auf dem sie mutig ausschreiten könnten. So wirkt es fast schon wie ein Eklat, wenn ein gefragter Helfer zu jemandem sagt, der Hilfe will: Du bist gesund.

Ein Therapeut schafft sich ab

Solch ein Verhalten ist eine Kunst: Sie macht den, der Hilfe sucht, stark. Und sieht in ihm jemanden, der klug, kraftvoll und beweglich ist. Für diesen Bruch mit dem Erwartbaren sorgt niemand Geringeres als Jesus von Nazareth, berichtet das Markusevangelium. Jesus ist ein gefeierter Therapeut, schafft sich aber ab. Zumindest dauert seine Therapie nicht mal eine Sitzung, sondern nur wenige Sekunden. Es ist auch kein Sitzen, sondern geschieht im Stehen und Gehen. Und ist damit fast schon eine Satire auf jeden akrobatisch ausgeklügelt wirkenden Hilfsapparat. Davon handelt das Radio-Feature des Theologen und Schriftstellers Georg Magirius im Bayerischen Rundfunk: “Jesus als Weisheitslehrer”, gesendet im Juni 2026 auf BR2. Die Sendung jetzt als Podcast hören.

Die Weisheit des Krachmachers

Inspiration für die These von der Kunst, sich als Helfer überflüssig zu machen, ist das von Ursula Heeke lektorierte und 2026 bei Coppenrath veröffentlichte Buch „Leuchte. Wachse. Gehe deinen Weg“. In dem kürzlich für den Evangelischen Buchpreis 2027 vorgeschlagenen Band stellt Autor Magirius im Kapitel „Sei laut!“ eine Szene vor, in der ein Blinder am Rand des Weges sitzt und schreit: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Jesu Schüler beschimpfen ihn: Sei still! Der aber schreit nur noch lauter. Der Lehrer selbst allerdings ruft den Krachmacher zu sich. Er knebelt den Schreihals nicht, gibt keine Tipps, lässt ihn nicht nachsitzen, schreibt keine Überweisung, leitet keine Therapie ein. Er sagt: Dein Glaube hat dir geholfen.

“Dein Schreien hat dir geholfen”

Damit macht er den, der aufgesprungen ist, nicht gleich wieder klein, schickt ihn also nicht zurück zu Boden. Der eben noch Hilfsbedürftige steht aufrecht, in seiner ganzen Größe da. Er und seine Sehnsucht sind anerkannt. Jesus spielt sich nicht auf, sondern sagt: Dein Schreien hat dir geholfen. Es ist eben diese Bestätigung eines Menschen, der leidet, die das Leiden überwindet. Jesus macht den Hilfesuchenden nicht von sich abhängig. Jesu Größe ist es, Größe in einer Randfigur zu sehen. Diesen Menschen im Abseits aber wollen andere klein und blind lassen, im Randbezirk einfrieden. Warum? Vielleicht weil dieser unangepasst oder frech ist? Womöglich zeigt sich in ihm einfach nur die Lust auf mehr als das allgemein anerkannte Maximalziel, im Leben irgendwie durchzukommen.

Vision von der therapiefreien Welt

Der Blinde, der aufspringt und trotz seiner Blindheit den Weg zu Jesus findet, legt einen erstaunlichen Weg zurück. Dazu passt, dass sich die von Magirus interpretierte Szene aus dem Markusevangelium ebenfalls beweglich zeigt. In der halbstündigen Sendung beginnt sie zu schillern, indem sie die Bochumer Therapeuten und Psychiater Paraskevi Mavrogiorgou-Juckel und Georg Juckel kommentieren: „Der Blinde hat offenbar mächtig Kraft.“ Egbert Ballhorn, Bibelwissenschaftler von der TU Dortmund, versteht die Geschichte so, dass es der Bibel, obwohl Schrift, ums Hören geht. Sie erkennt das Schreien derer, die in Not sind, an. Sie adelt diese sogar, allerdings nicht deren Not. Die Bibel dämpft also Notschreie nicht, überhört und bagatellisiert das alles nicht. Stattdessen verstärkt sie diese sogar noch in dem Vertrauen, dass sie gehört und erhört werden: von Gott, aber auch von Menschen. Es ist die Vision einer therapiefreien Welt.

Die Sendung hören

Die Szene aus dem Kapitel „Sei laut!“ aus Magirius‘ Jesus-Buch “Leuchte. Wachse. Gehe deinen Weg” haben die Schauspieler Claudia Jacobacci und Torsten Flassig gestaltet, aufgenommen unter der Regie von Aran Kleebaur im Funkhaus am Dornbusch in Frankfurt am Main. Die Musik stammt von Philip Glass, arrangiert und interpretiert von der Harfenistin Lavinia Meijer. Für die Musikauswahl und den Schnitt der O-Töne ist das Studio der Heilspraxis in Frankfurt-Sachsenhausen verantwortlich. Die Redaktion hat Dr. Lothar Bauerochse. Gesendet wurde der Beitrag im April auf hr2 und hr-info. Und im Juni unter Redaktion von Dr. Matthias Morgenroth auf Bayern2 und auf BR-Heimat in der Reihe “Religion – Die Dokumentation”. Er ist jetzt in ARD-Sounds kostenfrei hörbar hier.