Frankfurt, Stille

Löcher im Gelärm

Willemer Häuschen - ein Ort, der aufmerksam mache auf Löcher im Gelärm

In Großstädten gibt es Orte, die ein Loblied auf die Unterforderung anstimmen. Darauf macht Ralf Julke in der Leipziger Internet-Zeitung vom 5. Mai 2021 aufmerksam. Solche Orte ermöglichten überraschende Begegnungen mit sich selbst. Indem „man nicht mehr wichtig und tatendurstig sein will und muss, sondern einfach schauen und atmen darf.“ Julkes Plädoyer für solch grüne Inseln in der Stadt ist angeregt von Georg Magirius‘ Buch „Stilles Frankfurt“. Es mache bewusst, wie wichtig es sei, Rad- und Wanderwege anzulegen und Biotope in einen naturnahen Zustand zu versetzen. „So entstehen Lücken und Löcher im Gelärm einer Zeit, die das ewige Herumfuhrwerken noch immer für ein Zeichen von Vitalität hält – und nicht für eine Krankheit verzweifelt irrender Geister.“

Immer neue Fun-Angebote

An seinen Veröffentlichungen wie etwa „Stille erfahren“ erkenne man, dass das Thema Stille Magirius schon länger umtreibe. Wobei er kein naives Verständnis von ihr habe. Viele sehnten sich nämlich nach Lücken und Löchern im Gelärm der Zeit, seien dann aber hilflos, „Stille zu erfahren, auszuhalten und zuzulassen. Orte, die eigentlich zum Erholen geschaffen wurden, erfüllen umtriebige Mitmenschen mit immer neuen Fun-Angeboten, mit denen sie den Besuchern einreden, erst so wäre ihre Freizeit auch mit Inhalt erfüllt.“

Fragwürdige Entgrenzung

Dieser fortwährende Aktivierungsantrieb werde auch durch die Berichterstattung über das Arbeitsleben gespeist. Laut Julke ist auch sie ein Indiz für die gesellschaftlich akzeptierte oder gar geförderte Überforderung, mit der Erfahrung von Unterforderung umzugehen. Denn die Berichterstattung darüber, was ein anerkennenswertes Arbeiten sei, “ist ein einziges Lob der Entgrenzung, des triumphalen Besetzens auch noch der letzten ruhigen Minute mit Geschäftigkeit. Als wäre der Mensch nur dazu auf der Erde, sich immerfort durch Tätigkeit beweisen zu müssen. Kein Wunder, dass kaum noch jemand zuhören kann, die Menschen immer einsamer werden, obwohl sie ständig zu tun haben.“

Stilles Luftholen

Auf ganz andere Pfade lockt das Buch „Stilles Frankfurt“. „Denn es genügt in der Regel eine kurze Fahrt mit dem Linienbus oder der S-Bahn. Und man landet im grünen Gürtel, der sich rund um Frankfurt herumzieht und der auch so bewahrt werden soll. Und in diesem Gürtel trifft man auf völlig unterschiedliche Grün-Erlebnisse, die jedes für sich für einen Tag stillen Luftholens gut sind. Das beginnt mit den Streuobstwiesen am Berger Hang, von denen aus selbst die glänzenden Türme der Bankenstadt fern und bescheiden wirken.“

Löcher im Gelärm der Zeit - das ist das Ziel von Dichter-Wanderwegen

Dichter-Wanderwege

Aber Magirius bewege sich nicht nur am grünen Rand der Stadt. Sondern entdecke ebenso erstaunlich ruhige Orte mitten in der Stadt. Etwa die Rotunde der Kunsthalle Schirn, die Aussichtsplattform des Doms und den Chinesischen Garten. Außerdem sei da etwas am Rand der City Willemers Häuschen, das Zeugnis gebe von Goethes Verbindung zu einer seiner großen Lieben: Marianne Willemer. An dem Haus führe der elf Kilometer lange Goethe-Rundwanderweg vorbei. “Das fehlt Leipzig auch noch ein bisschen: Dichter-Wanderwege. Obwohl ja genug Dichter auch hier waren, Goethe selbst natürlich auch. Wobei ja an den Dichter-Wanderwegen gar nicht so wichtig ist, dass alle naselang irgendein fein restauriertes Gebäude daran erinnert, dass auch Goethe mal hier weilte, sondern die Stille, die nun einmal auch in Gedichten steckt.“

Die Freiheit des eigenen Schritts

In Romanen manchmal auch. “Aber wenn man mit ein paar dieser unsterblichen Gedichtzeilen (‘Abseits, wer ist’s …?’) unterwegs ist, hört man ziemlich bald auf zu hetzen und zu eilen, sondern beginnt achtsamer zu gehen. Nach Dölitz zum Beispiel. Sage niemand, dass ein Leipziger Goethe-Wanderweg nicht ins Grüne führen könnte. Aber wir sind ja noch in Frankfurt.” Wo Magirius nicht nur auf Dichter-Wanderwegen Löcher im Gelärm finde, sondern auch im Sand. Wenn er nämlich durch die Schwanheimer Dünen spaziere. Beruhigend anregend außerdem, wie er Stille-Entdecker zum Picknick im ehemaligen Wassergraben des Höchster Schlosses anrege. Oder wie er am Wasserwerk Hinkelstein verweile. „Spätestens da merkt man, wie sehr der Mensch solche aus aller Geschäftigkeit entlassenen Orte braucht, Orte der Besinnung, des Runterschaltens, des Zeit-Habens. Denn hier bestimmt der eigene Schritt, wie lange man da ist und wie lange man verweilt.“

Löcher im Gelärm: Informationen zum Buch “Stilles Frankfurt”

Huhn vor Frankfurter Skyline

Die Rezension von Ralf Julke in der Leipziger Internet-Zeitung ist hier. Georg Magirius hat das Buch “Stilles Frankfurt – 13 Orte zum Staunen und Verweilen” im Echter Verlag veröffentlicht. Das Buch hat 85 Seiten und außerdem 73 Fotos. Es kostet 9 Euro 90 und die ISBN-Nummer lautet 978-3-429-05514-1. Thomas Häußner hat es lektoriert. Weitere Informationen, eine Leseprobe und Möglichkeiten zum Bestellen des Buches sind hier. Die Fotos von (c) Georg Magirius entstammen dem angezeigten Buch.