Allgemein, Religion und Poesie

Dem Baum beim Wachsen zusehen

Einem Baum beim Wachsen zusehen - Foto (c) Georg Magirius

Da ist es: Das neue Buch vom vielfach ausgezeichneten Schriftsteller Arnold Stadler, der als eine der wichtigsten literarischen Stimmen deutscher Sprache gilt. Viele werden das Buch allerdings für vollendet unwichtig halten. All jene, die das Schreiben und Lesen unter dem Diktat der Verwertbarkeit betrachten. Das Thema der von Stadler im Gmeiner Verlag veröffentlichten Erzählung “Die Falltorgasse oder alle Wege führen nach Rast” ist ein Dorf. Rast hat keine 500 Einwohner. Und dann geht es noch nicht einmal so sehr darum, wie es dort gerade ist, sondern wie es einmal war, in den ersten beiden Lebensjahrzehnten des Autors. Da hatte Rast 350 Einwohner. Es ist die erste Welt des Autors.

Abseits der Mitläufer

Diese Welt wirkt einzigartig, schon wegen ihrer Sprache, die der Autor vorstellt. Stadler spricht als einer der ganz wenigen noch Rasterisch. Vermutlich kann sogar kaum jemand sonst diese Sprache so umfassend lebendig werden lassen. Zum potenziellen Adressatenkreis dürften damit ohnehin nicht mehr als er selbst zählen, folgern spottend die zählkundigen Aktivisten eines rein absatz- und zeitgeistorientierten Literaturgeschehens. Es sind um ihren Einfluss bangende Vertreter des klassischen Feuilletons, genauso Bookgramerinnen und die, die sich Buchinhalte zwecks Argumentationskompetenz elektronisch rasant einhirnen. Auch Vertreter von Großverlagen und folgsame Leseherden dürften das Werk von Büchnerpreisträger Stadler übergehen, weil sie sich in einer Konzentrationsphase befinden. Sie konzentrieren sich auf ein am besten lückenloses Publizieren oder Konsumieren von in der Hauptstadt gescouteten Spitzenbestseller-Kandidaten.

Wie Musik

Auch Stadler konzentriert sich: auf vermeintlich Abgelegenes und Vergangenes, auf die Provinz, das Dorf seiner Kindheit im Oberschwäbischen, in dem er auch heute lebt und arbeitet. Wo führt das hin? In die Welt. Denn es gibt keine Provinz, überall ist Welt, sagt Stadler. Er erzählt von dem, das unbeachtet war und ist, das schwindet oder bereits verschwunden ist. Das ist schon alles. Es geht um alles. Seine Stimme, ohne anschwellen zu müssen, klingt damit entlarvend aktuell. Es ist ein hochpolitisches Statement. Könnte man sagen, wenn Stadler ein Wort wie Statement nicht auf lähmende Weise hässlich fände, weil es an den Konferenztisch-Eifer der Experten denken lässt. Stadlers Erzählen hingegen klingt. Es wirkt wie Musik.

Wovon der Mensch lebt

Nein, es ist kein Hörbuch, von einem vorzeigbaren Schauspieler theatereif gesprochen, garniert mit musikalischen Einsprengeln. Es ist ein Buch, einfach nur zum Lesen. Da sind Rhythmus, Pausen, Stille und Melodie. So wird jeder, für den Sprache noch etwas anderes ist als eine Inanspruchnahme von Informationsmaterial, Stadlers Sätze beim Lesen immer auch hören. Die Klangerzählung umspielt die Frage, wovon der Mensch lebt. Nicht zuletzt von Bäumen, lautet die Antwort. Sofern man sie nicht als Hindernisse für das eigene Vorwärtskommen betrachtet.

Die Menschen mochten an sich Bäume nicht. Vor allem, wenn sie zu groß wurden. Sie machten nur Sauerei. Der Mensch ist verschieden. Es gab und gibt auch Menschen, die sich freuten, dem Baum beim Wachsen zuzusehen. Diese waren immer in der Minderheit.

Arnold Stadler, Die Falltorgasse oder alle Wege führen nach Rast

Auch die von seinem Urgroßvater gepflanzten Birken an der hinteren Mauer des Raster Friedhofs „wurden der Angst, es könnte jemand erschlagen werden von ihnen, geopfert. (Auch sie habe ich noch fotografiert.)“ Von ihm geliebte Menschen, beerdigt vor 20, 30 Jahren oder auch davor, genauso deren Grabsteine sind ebenfalls “abgeräumt, ein Wort, das nach Müllentsorgung klingt.” Auf den Grabsteinen konnte man noch “Wiedersehen” lesen. Dafür wächst nun das Neubaugebiet. Und der Wunsch mancher Eltern, dass die Kinder schon via Kindertagesstätte Englisch lernen, damit sie nicht den Anschluss verlieren.

Das größte Fest

„Die Falltorgasse oder alle Wege führen nach Rast“ zeigt Stadlers musikalisch-poetische Meisterschaft: Es liest sich wie ein erstes Mal. Dabei klingen nahezu alle seine bisherigen Bücher an und mit. Manchmal sind gleich mehrere Sätze ins Neue eingefädelt, die mit einem Mal einen anderen Akzent erfahren und varriiert fortklingen. Ohne dass das einst Erzählte damit aufgehoben wäre. Was ist es, was Stadler vergegenwärtigt? Glück und Unglück eines Lebens auf dem Land, wie es war. Darin wird sich jeder wiedererkennen, der das eigene Anfangen vielleicht sogar an einem ganz anderen Ort nicht erinnerungshygienisch beseitigt hat. Wer also zumindest eine Ahnung von seiner unvergleichlichen Begabung fürs Glück gerettet hat, die – warum auch nicht? – in jedem angelegt sein dürfte. Paradox, dass es das Unvergleichbare dieser kindergroßen Begabung ist, die erfahren lässt: Der Mensch ist nicht allein. Wenn der Autor etwa erzählt, wie er 1963 als Neunjähiger das Große Musikfest zur 40-jähigen Neugründung des Musikvereins erlebte, „das erste und größte Fest meiner Kindheit, vielleicht sogar meines Lebens.“

Arnold Stadler 1954

Wer ist dieses Kind?

Wer ist dieses Kind? Eins, das schon bei der ersten Fahrt mit der Schule unentwegt durchs Zugfenster schaut. Das in den katholischen Prozessionen, die durch die Falltorgasse führen – damals ein Feldweg, heute die Hauptstraße des Neubaugebietes – ganz auf „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ eingestimmt ist. Das aber führt keineswegs zu einem tatenlosen Leben. So hat der Autor kaum jemals einen Berg bestiegen, dafür aber zu ihnen aufgeschaut, zum Säntis, dem Kilimandscharo oder den Gipfeln der Anden in Chile, wohin einige Vorfahren ausgewandert sind. Er ist ein Träumer, aber einer der tätkräftigen, der mit anderen erreicht, dass zwischen Radolfzell und Mengen wieder ein Zug fährt. Wie in den ersten Jahren seiner Zeit auf dem Gymnasium, als er zu Fuß zum Bahnhof Sauldorf ging, um nach Meßkirch zu kommen. Tätig ist Stadler auch mit seinen Büchern.

 Ich sehe das Schreiben als Aufgabe, um etwas, das sonst verloren wäre, um das es schade wäre, aufzuheben. Und den übergangenen Menschen ein Denkmal zu setzen. Auf die Weise des Erbarmens.

Arnold Stadler, Die Falltorgasse oder alle Wege führen nach Rast

All das ist nichts Tüchtiges. Er, dessen Lieblingswort Ja ist, widerspricht energisch, dass man wieder “kriegstüchtig” werden müsse. Wie es ein Minister empfiehlt, der laut Umfragen beliebteste Politiker Deutschlands. Einem Cantus firmus gleich durchzieht dagegen der Halbsatz „Nie wieder Krieg“ das Buch und Stadlers Familie, in denen einige über Jahrzehnte und noch bis zu ihrem Tod davon träumten, dass die im Krieg Vermissten zurück nach Rast finden. Nach Hause. Statt tüchtig zu werden, erinnert der Autor, wie tätig er als Ministrant war. Und mit seinem Cousin einmal in den Gewändern, bei der Beerdigung seines Urgroßvaters, in Tränen ausgebrochen ist.

Autonom und streitbar

Das Buch “Die Falltorgasse oder alle Wege führen nach Rast” hat noch einen Autor, der für den zweiten Teil verantwortlich ist. Der promovierte, ehemalige Landeshistoriker Edwin Ernst Weber stellt präzise die historische und soziale Situation von Rast in den letzten Jahrhunderten vor. Es liest sich entgegen dem Klischee vom Archivwesen lebendig. So überrascht, dass die Raster im 16. und 17. Jahrhundert mit den Klöstern Petershausen und Wald sowie der Stiftskirche Meßkirch gleich drei konkurrierende Ortsherren hatten. Dazu lag die Blutgerichtsbarkeit und Steuerhoheit bei den hohenzollerischen Grafen von Sigmaringen. Und ihre Patronats- und Zehntherren, das war die Deutschherrenorden-Niederlassung von Mainau und Altshausen. Trotzdem sind die Raster “keine rechtlosen und geknechteten Untertanen übermächtiger Adels- und Klosterherren”, vielmehr “eine höchst selbstbewusste und streitbare Dorfgemeinde, die kenntnischreich ihre Obrigkeiten gegeneinander ausspielt und sich einen beträchtlichen kommunalen Autonomie-Spielraum sichert.” Ein Selbstbewusstsein, das sich unter anderen Bedingungen fortsetzte. So entstanden im 19. Jahrhundert in dem fast vollständig von Land- und Viehwirtschaft geprägten Dorf Genossenschaften, Musikvereine, ein Leseverein. Mit der Pferdezucht wurden viele Preise errungen. Und es gab viel beachtete Theateraufführungen.

Dem Baum beim Wachsen zusehen

Die doppelte Autorenschaft dieses Buchs unterscheidet sich wohtuend von vielen anderen, als expertenstark auftrumpfenden Mehr-Autoren-Büchern. Bei ihnen handelt es oft um podcastartige Plauderien, die auf ungreifbare Weise irgendwie in ein Buch transformiert worden sind. Auch kommt es vor, dass am Ende des Werks einer bis dahin ungenannten Reporterin gedankt wird, die ja wie übrigens auch schon alle Vorgängerbücher die zwei oder drei netten Interviewtreffen wieder einmal treffend zum Buch geformt habe. Nein, beide Autoren haben das Dorfbuch von Welt selbst verfasst. Dank mehrerer Treffen im Gasthaus Löwen ist es immer wieder gemeinsam angedacht, aber autonom verfasst worden, von eigener Hand. Fast 15 Jahre hat es gedauert. Das Buch zu lesen ist, wie einem Baum beim Wachsen zuzusehen.

Arnold Stadler/Edwin Ernst Weber, Die Falltorgasse oder alle Wege führen nach Rast, Lektorat/Korrektorat: Isabell Michelberger, Layout und Satz: Florian Gmeiner, Bildbearbeitung: Pia Spatz, Gmeiner Verlag, Meßkirch 2026.