Neues Leben
Das Alphabet der Hoffnung

Das Alphabet der Hoffnung, das Theologe und Psychologe Stefan Seidel in seinem neuen Buch „Durch die Angst gehen“ vorstellt, ist von kindergroßer Kraft. Es klingt, wie wenn Kinder das Alphabet sprechen oder singen. Anfangs noch zögernd, weil sie noch nicht genau wissen, wie es weitergeht. Auch mit der Frage, ob man überhaupt jemals das unendlich groß erscheinende Alphabet im Ganzen sprechen kann. Zu Beginn schreibt der Autor: „Ängste sind mir vertraut. Ich weiß, wie sie lauern, wie sie sich anhaften, wie sich ausbreiten, wie sie sich meiner bemächtigen und alles eng zu machen drohen.“
Der Mensch ist nicht allein
Mit den Ängsten ist er nicht allein, stellt er nüchtern fest. Denn: „Krisenzeiten sind goldene Zeiten für Angsthändler“. Seidel ist kein Händler, sondern lieber einer, der losgeht: vorsichtig, mit den Füßen tastend, Schritt für Schritt. Von Buchstabe zu Buchstabe gewinnt das Gehen an Kraft. Es klingt immer angereicherter, ohne dass das Reiche eine güterschwere Last bedeutete. Es ist ein Wandern ins Freie. Immer steter, fließender, klarer, mutiger, akzentuierter wirkt es gegen Ende. Kraftvoll. Was erfrischend unlogisch ist, weil datentechnisch und sportphysiologisch betrachtet der Faktor Müdigkeit infolge der zurückgelegten Strecke doch bremsen müsste.
Ganz
Es ist, wie wenn Kinder mit dem Alphabet ans Ende kommen. Sie beschleunigen, klingen auf eine ganz natürliche Weise begeistert und begeisternd, überwältigt und frei, weil sie jetzt den Blick aufs Ganze haben. Damit sind sie aber nicht am Ende, sondern wie durch ein Tor geschritten, das offen steht. Das Alphabet zu können, bedeutet, in einer neuen Dimension anzukommen. Dort heißt Ankunft: Aufbruch. Denn nun gibt es kein Verstummen mehr, weil das Sprechen, Schreiben, Lesen immer neue Wege finden und erfinden wird, damit möglichst kein Mensch jemals wieder getrennt und abgeschnitten leben muss.
Weltneuheit

Die 24 Hoffnungs-Kapitel in Seidels Buch heißen zum Beispiel „Mut zum Sein“, „Protestieren“ oder „Ja sagen“. Sie münden in keine abhakbaren Aufgaben. Das Buch ist hausaufgabenfrei. Eher geht es darum, nicht dauerhaft im Haus zu bleiben, sondern alles Enge abzustreifen. Keine von Seidels 24 Hoffnungsaussichten mündet in ein Fazit, in einen farblich herausgehobenen Tipp oder eine Aufforderung. Nichts an diesem Buch ist fordernd. Deshalb endet auch kein Kapitel mit einem Merkvers, könnte man meinen. Tatsächlich aber bündelt der Autor das Gesagte am Ende eines jeden Kapitels in merkwürdige Verse von Lyrikerinnen und Dichtern. Nur trichtern oder pauken diese nichts ein. Damit ist das Buch womöglich eine Weltneuheit, falls man es dem Verkaufssegment Lebenshilfe zuordnet. Denn die Verse am Ende der Kapitel bündeln das Hoffen auf eine Art, die nicht zuspitzt, sondern auf entwaffnende Weise weitet. Stefan Seidel Hoffnungsbuch lässt ins Offene gehen.
Stark wie ein Kind
Wer hofft, ist stark wie ein Kind. Auf diesen Gedanken kann kommen, wer einer dieser Kapitelmündungen lauscht, auf Worte von Else Lasker-Schüler: „Kinder sind unsere Herzen, / Die möchten ruhen müdesüß.“ Dieses kindliche Ruhesehnen stößt nicht sauer auf, verschläft das Bedrohliches nicht, flüchtet nicht in Abwehr, ins Leugnen oder in ein kognitiv überhöhtes, körperabgeschnittenes und herzloses Dauerpalavern. Es ist ein Strecken über das Bedrohliche hinaus: “Wenn wir uns herzen, / sterben wir nicht.”
Radikal hoffen
Herzensmenschen hoffen, indem sie sich auf ihre Wurzel besinnen. Seidel schreibt, inspiriert vom Psychologen und Psychoanalytiker Jonathan Lear: Der Mensch wird sich wandeln und ins Unbekannte aufbrechen. Dort wird mit der Angst kein Handel mehr getrieben und das Visionäre real. Mut und tiefes Vertrauen wird dieses Gehen aus der Enge ins Offene hinein begleiten.
Eine große Bewegung der Hoffnung
Aber ist das nicht utopisch, ein völlig irreales Zuviel an Hoffnung? Viel zu vage? Braucht es nicht exakte, gleichwohl spannungsimmanente, mehrdimensional ausgearbeitete Zukunfskonzepte, einklagbare und und von allen und mit allen abgestimmte Pläne, Skizzen, Szenarien, Kontrollverfahren, Institute, Lehranstalten? Also philosophisch-ästhetisch ausgereifte, aber doch immer mit neuester Technik ausgestattete Zukunfsfabriken? Wie sollte es sonst jemals überhaupt zu einem ersten Schritt ins Offene kommen? Der neue, gehfreudige Mensch ist da und längst unterwegs, sagt Seidel. Er wird all das können, worauf es ankommt, weil er es konnte und kann. Er braucht sich nur radikal und auf zukunftsweisende Weise zurückbesinnen. Denn eingangs des Lebens ist da diese unvergleichlich starke Hoffnungsbewegung des Menschen, der sich – angezogen von der Quelle der Güte – „zwangsläufig und instinktiv ausstreckt nach emotionaler Nahrung und Fürsorge, ohne einen genauen Begriff zu haben, was er braucht und wie er es bekommt.“

Das Buch “Durch die Angst gehen” hat Stefan Seidel im Claudius Verlag veröffentlicht. Die Heilpraxis dankt dem Verlag für das Rezensionsexemplar, ebenso der “Gangreihe 13/13: Stilles Frankfurt” für deren Sponsoring, die diesen Blogbeitrag ermöglicht hat.