Neues Leben, Religion und Poesie
Frische Lieder eines Klassikers

Was lässt sich über „Lebens Lieder“ sagen? Über die gerade im Strube Verlag veröffentlichten neuen Verse des Poeten und Pfarrers Friedrich Karl Barth, vertont und für Klavier arrangiert von Stephan Sahm? Am besten nichts. Denn was kann einer angemessen über Lieder sagen, die Barth selbst „in Melodien gestimmte Gebete“ nennt? Die also nichts besprechen wollen, aber auch nicht schweigen, sondern das Leben zum Klingen bringen, um es Gott vorzusingen?
Heftig
Von dem 1938 geborenen Barth finden sich im Evangelischen Gesangbuch neue Lieder wie „Komm bau ein Haus“, “Brich mit den Hungrigen dein Brot” oder „Selig seid ihr“, inzwischen zu Klassikern geworden. Als die Evangelische Kirchentagsbewegung kurz davor war, an einem Diskurs-Symposion-Resolutionen-Charakter einzugehen, war Barth auf eine belebende Weise mit am Werk. Gerade einmal 7000 Dauerteilnehmer waren 1973 in Düsseldorf noch dabei. Statt den Niedergang mit Strukturreformen ordnend zu begleiten, luden er und Gleichgesinnte zur Liturgischen Nacht. Mehr als die Hälfte der Dauerteilnehmer kamen. Sie staunten und gerieten ins Feiern! Weil der Schmerz im Leben nicht besprochen wurde, sondern „gesungen und singend gebetet wurde“, sagt Barth: „Rituelle Heftigkeit kehrte ein, kam wieder in Schwung.“ Seitdem haben die Kirchentage nicht mehr vergessen, was das Leben verleidet, wenn es fehlt: das Feiern im Fest.

Jetzt
Jetzt hat Barth 19 neue Lieder vorgelegt, die in den letzten 14 Jahren entstanden sind. Das zeigt eine Eigenart des Poeten. Er fällt nicht mit Zeichenzahlrekorden auf, nicht durch Plappern oder Dauerposten. Stattdessen erkennt er in der Begrenztheit das Lebendige, im Abschied den Anfang: „Im Morgendämmern steh’n wir auf Im Abendrot da sind wir müde: Mein Gott, Du junger Brunnen alter Güte.“
Frei

Der in Bad Wildungen lebende Poet gilt als Klassiker des Neuen Geistlichen Liedes. Doch er war schon als Junger dem Klassischen zugetan, genauso wie er jetzt zu begeisternd schöpferischen Wendungen findet. Denn immer reimt er das Neue aufs Alte, oft auf den nie einzuhegenden Urschrei der Psalmen. Deshalb haben seine Verse die Freiheit, sich nicht reimen zu müssen: „Du führst in Einsamkeit. Du sperrst Dich mir. Du wüstest meine Wege. – Du quälender Alb in meiner Nacht, Du wägend Gewicht: verwieg mich nicht.“
Leuchtend
Das gegenwärtig oft gesungene Tauflied „Kind, du bist uns anvertraut“ stammt von Barth und Peter Horst – veröffentlicht 1973. Unter seinen jungen Texten sind gleich mehrere Tauflieder. Mit ihnen lässt sich spielerisch und dadurch klar besingen, dass das Leben nicht am Ende ist. „Du liebes Kind deine Augen leuchten uns ein: Du bist und wirst unser Himmelreich sein.“
Gütig
Was soll einer zu diesen Liedern sagen? Am besten nichts. Wollen sie doch nicht besprochen werden, sondern singen und miteinstimmen lassen in die Lust, die aus einem alten Brunnen junger Güte sprudelt: „Fang an: entdeck, was um dich rum, du naseweise Schauinsland, und fällst du hin, steh auf! Bleib nur nicht dumm. Wir sind gespannt: Gott form in dir ein weiches Ich.“

Friedrich Karl Barth und Stephan Sahm, Lebens Lieder. Sinnen Spielen Singen, Einband: Renate Schlicht, Strube Edition 4396, ISBN 978-3-89912-256-5, Strube Verlag, München 2026, 14 €.
Die Fotos stammen von Mohammed Munther (Pixabay), Georg Magirius (2) und Inge Werth.