Frankfurt
Die Wohltat der Verstecke

Wer sich mit dem gerade im Mainbook Verlag veröffentlichten Buch „Sehenswertes Bockenheim“ in den Frankfurter Stadtteil begibt, wird überraschende Höhenunterschiede erleben. Nein, nein, Bockenheim ist überwiegend eben, kaum geht es einmal deutlich bergauf oder bergab. Das behaupten die Autoren Ruth Krämer-Klink und Otto Ziegelmeier auch nicht. Aber die von ihnen empfohlenden Rundgänge zeichnet ein Gespür dafür aus, dass Entscheidendes auf mehr als einer Ebene geschieht. Das Buch lockt mit Doppelbödigem. Es verblüfft, schillert, verweigert sich einer lautstark vorgetragenen, oft ja nur vermeintlichen Eindeutigkeit, gibt der Vielfalt Raum. Es regt damit an, selbst nicht abzuflachen, sondern Unbekanntes zu entdecken.
Frieden finden neben einer alten Brauerei
Sofort geht es erfrischend irritierend los. Rundgang eins ist nämlich nicht etwa Geburtskliniken, Kindergärten und Spielplätzen gewidmet, sondern Friedhöfen. Das Wagnis, gleichsam mit dem Ende zu beginnen, glückt. Die Eröffnung, dass Vergangenes im Jetzt weiterwirkt, klingt nachdenklich, amüsant und lebensbejahend. So ist der Bockenheimer Friedhof von Bauten der dort einst ansässigen Brauerei geprägt. Das Sudhaus wurde zur Trauerhalle, sodass man neben einer einstigen Brauerei Frieden finden und sich in einer Erde bestatten lassen kann, “die vielleicht noch etwas von dem ehemaligen Gebräu ausströmt.“

Die personifizierte Erschöpfung
Die Rundgänge widmen sich Kultur, Museen, Spirituellem, Türmen, Technik, Fassaden, Brunnen, Parks. Altes wandelt sich, zeigt sich. Im Elektrizitiätswerk sind nun hochwertige Wohnungen und an der einst unbemalten Wand eines Gebäudes unweit des Kirchplatzes empfiehlt ein Graffiti “Drei Tage Stromaufall”. Das Titania-Gebäude war als Eisfabrik gedacht, war dann aber Liederhalle, Versammlungsraum für Gewerkschaften, Kino und ist heute ein Theater. Eine Tafel erinnert daran, dass dort Rosa Luxemburg ein Jahr vor Ausbruch des 1. Weltkriegs Arbeitern zurief: „Wenn uns zugemutet wird, die Mordwaffen gegen unsere französischen und anderen Brüder zu erheben, dann rufen wir: Das tun wir nicht!“ Ein Jahr musste die Rednerin dafür ins Gefängnis. Zwölf Jahre nach ihrer Straftat und 1200 gefallene Bockenheimer Soldaten später wurde nicht weit vom Titania ein Gefallenen-Mahnmal eingeweiht. Die gebeugte Figur wirkt nicht heroisch, sondern ist die personifizierte Erschöpfung. Eine Art von Gedenken, das für die damalige Zeit ein Novum war:
Statt zu rühmen, mahnt es zu Demut. Es erzählt nicht vom Sieg, sondern von der Tragik eines verlorenen Lebens.
Ruth Krämer-Klink / Otto Ziegelmeier, Sehenswertes Bockenheim

Fleißiges Zicklein
Was das Leben fördert, hat das Buch fortwährend im Blick. Das zeigt der Hinweis auf ein nicht als kraftstrotzend geltendes Tier. Einst war es für Apotheker Bruno Bock tätig, „der Medikamente mit einem kleinen Leiterwagen auslieferte, gezogen von einer Ziege.“ Es war praktisch und sorgte für Aufmerksamkeit. Heute heißt das gesundheitsfördernde Geschäft in dem denkmalgeschützten Haus noch immer Bock-Apotheke und ist ein Pionier bei der Herstellung synthetischer Cannabis-Medikamente.

Adel und Revolution
Solche Geschichten sorgen für Weite, obwohl der Stadtteil doch überschaubar und leicht zu Fuß durchstreifbar ist. Aber die Gehanregungen bleiben eben nicht an der Oberfläche, sondern hellen Hintergründe und Untergründe auf. Eintönig wird es nie. Nicht nur die revolutionär gesinnte Rosa Luxemberg kommt zu Wort, sondern auch die Brücke eines Schlossparks wird nicht übergangen. Was einen mit Sehnsucht begabten Betrachter dieser im Schnee fotografierten Brücke animieren kann, sofort über diese Natursteinbrücke gehen zu wollen. Auch fehlt nicht das Grempsche Haus aus der Zeit der Renaissance. Lange war es im Besitz eines Adelsgeschlechts. Heute gehört es zum Elisabethkrankenhaus. Es kann nur von außen besichtigt werden, signalisiert trotzdem Offenheit, fungieren die Fenster doch nicht als Barrikaden.

Keine engen Grenzen
Einen sich verschließenden Charakter hat Bockenheim nicht. Natürlich merkt man dem seit vielen Jahren in Bockenheim lebenden und im Stadtteil engagierten Autoren-Duo einen gewissen Lokalstolz an. Der von Frankfurtern “Ginnheimer Spargel“ genannte Fernsehturm steht auf Bockenheimer Boden! Solch aufklärerische Hinweise bereiten den Spaziergangsanleitern spürbar Vergnügen. Auch wird kopfschüttelnd vermerkt, dass das ins Westend verfrachtete Adorno-Denkmal am falschen Ort sei, weil der Philosoph dort nie lebte und arbeitete. Aber deshalb werden die Grenzen Bockenheims nicht zu Schranken erklärt. So kommt mancher Umzug ins Anderswo Bockenheim sogar zugute. Das barocke Parkcafé im Grüneburgpark etwa gibt es nur, weil es noch vor Niedergang des Schönhofs im 19. Jahrhundert ausgelagert wurde. Damit überlebte ein Stück Bockenheim außerhalb von Bockenheim.

Die Wohltat der Verstecke
Mag es auch nur um den Teil einer Stadt gehen, zeigt sich doch eine grundlegende Offenheit, Großzügigkeit und Tiefe. Oft Unbeachtetes wird geachtet: drei versteckt wirkende Kreuze im Gebüsch, in uralte Grabsteine eingemeißelte Namen hinter der Jakobkirche oder die Breitblättrige Stendelwurz-Orchidee im Niddapark. Ihr exakter Standort ist bewusst verschwiegen, damit sie eine “Heimliche Schönheit” bleiben darf. Das lässt sich als Pointe des Buchs insgesamt begreifen, die kaum genug gerühmt werden kann: Dass sich vieles ahnen, achten und erfahren lässt, was nicht ins Auge fällt. Ja, im Rampenlicht käme es womöglich gar nicht zur Geltung, sondern verlöre seinen Zauber. Dank der Betrachtungsweise von Ruth Krämer-Klink und Otto Ziegelmeier darf es seinen eigenwilligen Charakter behalten. Das wird nicht zuletzt bei der Vorstellung einer im Bernau-Park lebenden Bockenheimerin deutlich. Der Park gilt nämlich “als Lebensraum der streng geschützten Knoblauchkröte, einer seltenen und heimlich lebenden Amphibienart, die hier ideale Bedingungen vorfindet.“

Bockenheim ist überall
Die Herangehensweise Pflanzen, Geschichten, Menschen, Gebäuden und Tieren gegenüber ist wohltuend, sympathisierend, nie bedrängend oder einengend. Sie sieht Originalität nicht als Auffälligkeit, die abgeschliffen werden muss, sondern als Reichtum. Kann dieses Plädoyer für Vielfalt sogar als Synonym für Bockenheim verstanden werden? Eingangs schreiben die Autoren programmatisch: „Der Stadtteil ist keine kartographische Größe, sondern ein Lebensgefühl.“ Nur fassen sie das dann an keiner Stelle im Buch in einem Satz zusammen. Welch wunderbare Leerstelle! Wirkt sie doch als Einladung, eine eigene Antwort darauf zu finden, was dieses Lebensgefühl genau ausmacht. Eins jedenfalls ist klar: Zugehörig zu Bockenheim darf sich jeder fühlen.
Das Buch: 14 Rundgänge durch Bockenheim
Ruth Krämer-Klink und Otto Ziegelmeier haben das Buch “Sehenswertes Bockenheim” im Mainbook-Verlag veröffentlicht. Die Heilspraxis dankt dem Verlag für das Presseexemplar. Ebenso der “Gangreihe 13/13 – Stilles Frankfurt” für die Fotos, die den Blogbeitrag ermöglicht haben.