Neues Leben

Vom Vorkrieg ins Offene

Vom Vorkrieg ins Offene - dafür plädiert der Essayist Stefan Seidel Foto (c) Heilspraxis Magirius

Die von Bundeskanzler Olaf Scholz Anfang 2022 ausgerufene Zeitenwende ist der Eintritt in den Vorkrieg. Das schreibt der Essayist, Psychologe und Theologe Stefan Seidel in seinem gerade im veröffentlichten Buch “Entfeindet Euch!”. Der Autor deckt auf, wie überhaupt nicht neu, sondern gängig die Logik der von Scholz ausgerufenen militärischen Stärke ist und auch früher schon war – stets mit dem Kniff verbunden, alles Böse und Gewalttätige den anderen zuzuordnen. Der Autor plädiert für eine wirkliche Zeitenwende, dass “der einzige Ausweg eingeschlagen werde, indem innerlich und äußerlich die Friedenslogik in Gang gesetzt wird”. Für sie gibt Seidel viele Beispiele wie die gewaltfreie Revolution 1989, die einen Weg weisen aus Verhärtungen hinaus, vom “Vorkrieg” (Christa Wolf) ins Offene.

Anderes wachsen lassen

Auf diesem Weg müssen “immer und immer wieder Skrupel vor Gewaltanwendung kultiviert” werden. Außerdem gelte es, alle Seiten zu verstehen, wenn auch nicht gutzuheißen, was sie tun. Konstruktiv sei es, wie Etty Hillesum es formulierte, “das Böse im Menschen auszurotten und nicht den Menschen selbst”. Und sich “dem eigenen Inneren zuzuwenden und dort alles Schlechte auszurotten. Ich glaube nicht daran, dass wir an der äußeren Welt etwas verbessern können, solange wir uns nicht selbst im Inneren gebessert haben.” Was wäre die Folge? Mehr als der Verzicht auf Gewalt. Nämlich der Weg ins Offene und der Ausbruch aus Gefühllosigkeit, Feinddenken und der Schwärze im eigenen Inneren, schreibt Seidel, angeregt von Gedanken von Cynthia Fleury und Frantz Fanon. Man bräche im Bunde mit all den Menschen auf, die auch bereit sind, das Bittere zu begraben und etwas anderes darauf wachsen zu lassen. Die Bitterkeit verwandelte sich in Süße.