Neues Leben, Religion und Poesie
Das Ende der Traumdiät

Viele machen sich ganz selbstverständlich Vorstellungen vom Jenseits, aber nicht die Theologen, schreibt Juristin und Theologin Henriette Crüwell in „Wie sieht’s im Himmel aus?“ Dabei übernimmt sie Gedanken des Theologen und Schriftstellers Georg Magirius, nur erwähnt sie es nicht. Ihr Essay hat sie in der „Evangelischen Sonntagszeitung“ und in „Der Sonntag“ (Sachsen) veröffentlicht. Die Scheu, sich den Himmel auszumalen, stelle die Pfarrerin bei sich selbst fest. Andererseits spüre sie den Wunsch nach einem bilderstarken Glauben. Es wäre das Ende der Traumdiät. So lässt sie schließlich auf eine reflektierte Weise ihre Fantasie spielen, plädiert für mehr Kreativität. Ein begrüßenswertes Anliegen. Dass dabei auf erstaunlich ähnliche Weise von Georg Magirius ins Spiel gebrachte Argumente auftauchen, ist weniger kreativ.

Ein Kind für alle Zeit verloren geben?
Warum erwähnt sie die Herkunft der Gedanken nicht? Weil es weniger eindrucksvoll wirkt, wenn man zugibt, dass sie nicht von einem anderen stammen? Oder weil Magirius – ausgerechnet Theologe – einen wunden Punkt trifft, indem er die Spracharmut der theologischen Zunft auf einem ihrer Hauptgebiete, der Vermittlung von Trost, bedauert? Crüwell ist unterdessen nicht nur Pfarrerin, sondern Pröpstin und Teil der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Es ist gewiss kein Delikt, wäre aber fair, die Herkunft von Gedanken, die man ja ganz offensichtlich für weiterführend hält, zu nennen. Sie stammen aus Arbeiten, die zu dem von Magirius herausgegebenen Buch “Sterben ist Mist, der Tod aber schön” führten. Außerdem kommen sie aus “Schmetterlingstango“. Dieser Tanz schildert einen Weg zum Trost, den Georg Magirius in Auseinandersetzung mit der Totgeburt seiner Tochter beschreitet. Warum ist das nicht erwähnenswert, wenn ein Vater die christlich inspirierte Hoffnung zur Sprache bringt und sein Kind nicht für alle Zeit verloren gibt? Ist es am Ende gar zu viel der Hoffnung und deshalb in theologischen Kreisen gefährlich, ja fast schon revolutionär? Weil Geistliche kurioser Weise besonders vernünftig und nur ja nicht zu gläubig wirken wollen?
Blümchen!
Doch der Reihe nach: Eine Quelle nennt Crüwell ja. Denn sie schreibt, dass sie die Enttäuschung der hochbetagten Marie Rosa aus Gabriele Wohmanns Roman „Bitte nicht sterben“ nachvollziehen könne. Sie erhält an ihrem Geburtstag von einem Pfarrer Besuch. Auf ihre Bitte „Erzählen Sie mir was vom Jenseits“ antwortet er nicht. Er hat keine Idee, sondern verweist verlegen, scheu und doch abgeklärt auf Blümchen im Garten und den gegenwärtigen Augenblick, an dem Marie Rosa sich noch immer erfreuen könne.

Ende der Glaubensdiät: Vanilleeis
Auf die von Crüwell vorgestellte, in Wohmanns Roman zur Sprache kommende Hilflosigkeit heutiger Theologen hat Georg Magirius zuvor mehrfach und auffallend ähnlich aufmerksam gemacht, etwa in der Sendung „Kurz bevor der Vorhang aufgeht – Moderne Schriftsteller und Auferstehung, gesendet im Schweizer Radio, im BR und im SWR. Außerdem ist das Jenseitsschweigen der sonst als eloquent geltenden Theologen Ausgangspunkt in seinem vom HR gesendeten Wohmann-Porträt. Darin erzählt die Autorin, beim Verzehr von Bottichen mit Vanilleeis einen Vorgeschmack vom Jenseits zu bekommen.
Sterben ist Mist
Gut, Wohmann gilt als Königin der Kurzgeschichte, deshalb vermutlich als zitierfähig. Solch einen Namen zu nennen, wirkt belesen. Allerdings: In dem Roman “Bitte nicht sterben” hat Wohmann die Sprachlosigkeit der Theologen nicht nur konstatiert. Die überraschende Pointe nämlich ist: In Vertretung der in dieser Frage oft – wie Crüwell selbst zugesteht – bemerkenswert fantasiegebremsten Theologen hat Wohmann ihre Figuren selbst spielerisch Bilder für die Jenseitshoffnung entwickeln lassen. Solche traumartigen, ungewöhnlich irdischen, oft witzigen und staunenswerten Bilder hat Wohmann überdies in viele andere ihrer Bücher wie nebenbei platziert. Das war der Anlass, dass Georg Magirius mit der Autorin diese Ideen in Gesprächen fortgesponnen hat, die dann in den von ihm herausgegebenen Band „Sterben ist Mist, der Tod aber schön“ mündeten. In Crüwells Essay erscheint Wohmann jedoch als jemand, die ein Problem hat oder anzeigt. Und Crüwell zeigt sich als jemand, die als Theologin das Problem angeht, eine Antwort wagt, auch wenn Wohmann sich zwar voller Überzeugung trostbedürftig zeigt, aber nicht unbedingt hilfsbedürftig, weil sie als Sympathiesantin der bilderstarken Bibel mehr Antworten als zeitgenössische Theologen findet.
Zweite Naivität
Trotzdem ist es mutig, dass Pfarrerin Henriette Crüwell ein Traumbild vom Himmel öffentlich macht. Dass sie das wagt, kann für eine Theologin ein gehöriges Problem darstellen. Denn in den Kirchen scheint es eben oft diese fast schon exzessive Angst zu geben, wenn es ums Jenseits geht. Nein, gemeint ist nicht die Angst vor Höllenqualen. Sondern umgekehrt: dass sie damit Schönes anzeigen. Dadurch kann passieren, dass die Kirchen als Vertrösterinnen und Verfechterinnen eines irdischen Jammertals gelten. So sind Pfarrerinnen und Theologen heutzutage auf eine oft auffallend aktive Weise damit beschäftigt, den Trost möglichst nur ins Diesseits zu platzieren. Auch weil es in den Augen der aufgeklärten Welt peinlich wirkt, wenn man intensiv über Auferstehung, Leben nach dem Tod, Paradies, Jenseits spricht. Aber warum? Ist es nicht eins der würdigsten Terrains der Hoffnung, auf denen man gerade von Theologen etwas erwarten darf? Crüwell wagt es also in ihrem Essay, auch weil sie einen guten Gewährsmann hat, der ihr erlaubt, der Sehnsucht nachzugehen, ohne deshalb womöglich auch in Kollegenkreisen als naiv, schlicht, dümmlich oder am Ende auch noch zu hoffnungsstark zu gelten. Es sei, schreibt sie, ein gutes Modell, das der Philosoph Paul Ricoeur anbietet, nämlich die “Zweite Naivität”.
Noch weiser hätte es gewirkt
Ja, auch einen Philosophen wie Paul Ricouer zu erwähnen, klingt gut. Noch besser, fair und philosophischer wäre es gewesen, wenn sie darauf hingewiesen hätte, dass sie auch diesen Gedankengang von Georg Magrius hat, nämlich aus “Schmetterlingstango” beziehungsweise aus der ohne viel Aufwand zugänglichen Datei mit Namen Zweite Naivität. Auch hier finden sich staunenswerte Parallelen. Das Anliegen von Henriette Crüwell, mehr Hoffnung und Fantasie zu wagen, überzeugt! Dass sie dabei auf den offensichtlich als fantasiefähig eingestuften Georg Magirius zurückgreift, ist ebenfalls überzeugend! Weniger überzeugt, dass sie es nicht erwähnt, zumal ein freiberuflich tätiger Antwort auch finanziell von seinen Ideen wirkt. Dass die Hoffnung nicht kleiner, sondern größer wird, wenn man nicht nur bei der Himmelshoffnung, sondern auch bei der Angabe von Quellen sprachfähiger wird, könnte ein Fazit dieser Begebenheit sein. Das Schmetterlingsfoto stammt von (c) Adina Voicu, Pixabay.