Neues Leben, Religion und Poesie

Ende der Traumdiät

Das Ende der Traumdiät - Schmetterling von Adina Voicu

Beim Hoffen auf ein Leben nach dem Tod empfiehlt Theologe und Schriftsteller Georg Magirius auf keinen Fall zu einer Traumdiät. Seine zur Üppigkeit anregenden Gedanken ziehen offenbar Kreise. Womöglich weil solch bilderfreudiges Andenken von Ewigkeit im oft asketisch wirkenden theologischen Diskurs besonders ist. Das findet auch Juristin und Theologin Henriette Crüwell. Sie schreibt in ihrem Essay “Wie sieht’s im Himmel aus?”: Viele machen sich ganz selbstverständlich Vorstellungen von Jenseits, aber nicht die Theologen. Das Essay hat sie in der „Evangelischen Sonntagszeitung“ und in „Der Sonntag“ (Sachsen) veröffentlicht. Die Scheu, sich den Himmel auszumalen, stellt die Pfarrerin bei sich fest. Andererseits spüre sie den Wunsch nach einem bilderstarken Glauben. So greift sie Argumente von Georg Magirius auf, sagt der Traumdiät ab und lässt auf eine reflektierte Weise ihre Fantasie spielen.

54 cm Eschatologie

Crüwell ist seit der Veröffentlichung ihres Beitrags nicht mehr nur Pfarrerin, sondern inzwischen auch Pröpstin und damit Teil der geistlichen Leitung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Das ist hervorzuheben, weil Magirius’ Gedanken nicht immer im üblichen Fahrwasser schwimmen dürften. So nähert er sich dem theologischen Thema mit dem für viele abgehoben klingenden Namen “Eschatologie” in seinem Buch “Schmetterlingstango” nicht abstrakt. Er geht stattdessen von einem Kind aus, seiner mit 54 Zentimetern beachtlich groß geborenen Tochter. Vielleicht sogar gerade wegen dieses greifbaren Zugangs wird sein Fragen nach dem Himmel von kirchendistanzierten und kirchenkritischen Menschen, von säkularen, aber dann doch auch von evangelisch, katholisch und freikirchlich geprägten Medien für empfehlenswert gehalten.

Ein Tanz macht Schule

So ist der Tango vom Borromäusverein zum Sachbuch des Monats ausgerufen worden. Kürzlich wurden Gedanken daraus in ein Schulbuch aufgenommen. Und doch wirkt, was Magirius schreibt, vielleicht noch immer “erfrischend (und dadurch bedenklich?) anders”. Das die wohl häufigste Reaktion auf sein Schreiben, als er 1997 mit dem Publizieren begann. Nun, weit mehr als zwei Jahrzehnte später, hat sich eine exponierte Kirchenvertreterin von seinen Gedanken aus “Schmetterlingstango” erkennbar inspirieren lassen. Der Wort gewordene Tanz schildert einen Weg zum Trost, den der Autor in Auseinandersetzung mit der Totgeburt seiner Tochter beschreitet.

Blümchen

Henriette Crüwell greift in ihrer Argumentation außerdem auf Arbeiten zurück, die zu dem von Magirius herausgegebenen Buch “Sterben ist Mist, der Tod aber schön” führten. Damit steigt Crüwell in ihr Essay ein: Sie schildert die Enttäuschung der hochbetagten Marie Rosa aus Gabriele Wohmanns Roman „Bitte nicht sterben“, die Crüwell nachvollziehen könne. Marie Rosa erhält an ihrem Geburtstag Besuch von einem Pfarrer. Auf ihre Bitte „Erzählen Sie mir was vom Jenseits“ antwortet er nicht. Er hat keine Idee, sondern verweist verlegen, scheu und doch abgeklärt auf Blümchen im Garten und den gegenwärtigen Augenblick, an dem Marie Rosa sich noch immer erfreuen könne.

Das Original: Das Ende der Askese

Vanilleeis

Indem Crüwell mit dieser Romanpassage ihr Essay eröffnet, würdigt sie auch Georg Magirius, der zuvor einige Male auf diese Stelle aufmerksam gemacht hat, etwa in der klickschnell zugänglichen Sendung „Kurz bevor der Vorhang aufgeht – Moderne Schriftsteller und Auferstehung”, gesendet im Schweizer Radio, im BR und im SWR. Außerdem ist das von Wohmann bedauerte Jenseitsschweigen der sonst als eloquent geltenden Theologen Ausgangspunkt in seinem vom HR gesendeten Wohmann-Porträt. Darin erzählt die Autorin, beim Verzehr von Bottichen mit Vanilleeis einen Vorgeschmack vom Jenseits zu bekommen.

Komisch

Das begrüßens- und empfehlenswerte Essay Henriette Crüwells hat vielleicht noch eine Ergänzung verdient: In dem Roman “Bitte nicht sterben” hat Wohmann die Sprachlosigkeit der Theologen konstatiert, was Crüwell nachdenklich und selbstkritisch stimmt. Darüber hinaus jedoch lässt Wohmann im Roman gleichsam in Vertretung der in dieser Frage oft fantasiegebremsten Theologen ihre Figuren selbst spielerisch Bilder vom Himmel entwickeln. Solche traumartigen, dann aber wieder überraschend irdischen, oft komischen und staunenswerten Ideen hat die Schriftstellerin auch in viele andere ihrer Bücher wie nebenbei platziert.

Poeten die Ehre geben

Das war der Anlass, dass Georg Magirius mit der Autorin diese Ideen fortgesponnen hat. Die Gespräche mündeten dann in den von ihm mit ihr verfassten Band „Sterben ist Mist, der Tod aber schön“. Crüwell lässt sich davon anregen, selbst eine Antwort zu wagen, die der Pfarrer im Roman auf die Frage nach dem Jenseits schuldig geblieben ist. Damit stellt die Theologin indirekt die Kraft der Poesie heraus und ehrt die als Königin der Kurzgeschichte geltende Wohmann, die als Sympathisantin der bilderstarken Bibel viele Antworten auf die Frage nach dem Himmel gefunden hat. Es sind laut Wohmann “kindliche, aber ich sage bewusst nicht: kindische Vorstellungen”.

Angst vor dem Schönen?

Es ist mutig, dass Pfarrerin Henriette Crüwell in der Tradition der Poeten ein Traumbild vom Himmel entwickelt und öffentlich macht. Dass sie es wagt, kann für eine Theologin durchaus zu einem Problem werden. Denn in den Kirchen scheint es eben oft diese Angst zu geben, wenn es ums Jenseits geht. Gemeint ist nicht die Angst vor Höllenqualen! Sondern umgekehrt: dass die Kirchen damit ihren Glauben an das Schöne zeigen. Dadurch nämlich kann es passieren, dass sie als Vertrösterinnen und Verfechterinnen eines irdischen Jammertals gelten. So sind Pfarrerinnen und Theologen heutzutage auf eine oft sehr aktive und doch heillos überfordert wirkende Weise damit beschäftigt, fast schon allen Trost ins Diesseits zu platzieren. Das tun sie womöglich auch, weil es in den Augen der aufgeklärten Welt peinlich ist, wenn man von Auferstehung, Leben nach dem Tod, Paradies, Jenseits spricht.

Zweite Naivität

All das aber dürfte eines der würdigsten Terrains der Hoffnung sein, auf dem man von Theologen etwas erwarten darf. Crüwell tut diese Erwartung nicht ab, sondern wagt sich in ihrem Essay auf das Feld der großen Hoffnung. Sie tut es auch, weil sie einen vorzeigbaren Gewährsmann findet, der ihr erlaubt, der Sehnsucht nachzugehen, ohne deshalb womöglich in Kollegenkreisen als naiv oder – mag es auch kurios klingen – zu hoffnungsstark zu gelten. Es sei, schreibt sie, ein gutes Modell, das der Philosoph Paul Ricoeur anbietet, nämlich die “Zweite Naivität”.

Die Sprache der Poesie

Dieser Gedankengang im Zusammenhang mit Himmelsträumen findet sich wiederum ganz ähnlich bei Georg Magrius, nämlich in seinem Buch “Schmetterlingstango” oder klickbequem in der Datei mit Namen Zweite Naivität. Das Anliegen von Theologin Henriette Crüwell, mehr Fantasie zu wagen, überzeugt. Gewiss keine Schwächung ist es, dass sie dafür den Blickwinkel von Georg Magirius einnimmt, der erstmals deutlich erkennbar bereits 1997 in seinem Vanilleeis-Beitrag für den Evangelischen Pressedienst hervortritt. Das Essay “Wie sieht’s im Himmel aus?” von Henriette Crüwell ist ein geglücktes Beispiel dafür, dass das Hoffen stärker wird, wenn die Theologie sich vor der Sprache der Poesie verneigt und sich von ihr inspirieren lässt. Die Rechte am Foto von Gabriele Wohmann und Georg Magirius liegen bei der Heilspraxis, fotografiert hat es Annika Schulz. Das Schmetterlingsfoto stammt von (c) Adina Voicu, Pixabay.

Anfang des Träumens (Nachtrag)

Begrenzt wäre ein Nachdenken über das Hoffen auf ein Leben nach dem Tod, falls man die von Paul Ricoeur ins Spiel gebrachte “Zweite Naivität” als Strohhalm begreift, um dadurch überhaupt noch mit so etwas wie Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod intellektuell-theologisch verantwortbar zurechtzukommen. Man sagt dann dazu Modell, Methode, Arbeitsmöglichkeit. Vielleicht ist es als Modell sogar modultauglich? Oder die Arbeitsmethode ist – wer weiß – technisch gekonnt einsetzbar, lern- und lehrbar und bald auch prüfungsrelevant? Dann würde die Annäherung an den Himmel wieder üblich, angenehm akademiekompatibel und mutlos sein.

“Das ist doch etwas Schönes!”

Nicht nur begrenzt, sondern traurig wäre das deshalb, weil in dieser Logik die kindliche, die erste Naivität abgetan ist. Der Kinderglaube gilt ja theologisch betrachtet fast als Schimpfwort. Er ist dann gerade noch eine Negativfolie für das, was überwunden werden muss. Womit ein Kind kurz vor dem Sterben wohl kaum etwas anfangen kann, das sich auf den Himmel freut und damit sogar Zurückbleibende tröstet. Von solch einem durch Kinder weitergegebenen Trost wird manchmal erzählt. Aber auch das Erzählen ist ja keine Methode, kein Modul oder Modell, auch keine dritte Naivität, sondern naiv ganz ohne Zahlwort, indem es berührt. Selbst eine sogenannte Anwendung der Zweiten Naivität ist womöglich also nur ein erster Schritt eines Sich-Öffnens, wenn es um das Suchen nach einer lebendigen Sprache des Hoffens geht. Darauf deutet hin, dass jemand doch nicht gerade Ungebildetes wie der mit zwei Doktortiteln und vielen Preisen ausgezeichnete Schriftsteller und Theologe Arnold Stadler jenseits aller theologischen Anwendungsakrobatik sagen kann:

Da kehre ich dann doch lieber intellektuell vielleicht unabgesichert, aber vielleicht auch mystisch begabt zurück. Kinderglaube, ja, das ist doch etwas Schönes! Ich weiß nicht, wie man etwas Abwertendes mit dem Wort Kind verbinden könnte. Kinderglaube, das ist eine Auszeichnung.

Arnold Stadler, Ein kindlich kluger Glaube, Deutschlandradio Kultur