Biblisches, Religion und Poesie

Boxkampf mit Gott

Der Theologe und Schriftsteller Georg Magirius erlebt Momente einer fantastischen Erleichterung, indem er sich zugesteht, nicht immer ausgeglichen sein zu müssen. Das schreibt er seinem Spiritprotokoll „Boxkampf mit Gott“ in Publik-Forum vom 12. Februar 2021. Die Redaktion hat Eva-Maria Lerch.

Spiritueller Ausweg

Jetzt, in der Krise, höre er kaum ein Wort, das aufbaue, schreibt Magirius. „Keins, das sich der Krankheit und dem Tod mit Macht entgegenschleudern könnte. Stattdessen studiere ich Tabellen und Zahlen, die so beeinflusst werden sollen, dass das System nicht kollabiert.“ Oft höre man nun spirituelle Ermutigungen: “Trotz allem lässt sich Gutes sehen.” “Es gilt, das Kleine zu achten.” “Nach jeder Dunkelheit kommt ein Morgen.” Oder: “In Jesus Christus hat Gott unwiederrufbar sein Wort der Liebe in der Welt hinterlegt.”

Spirituell unlogisch

Wenn er solche Ermunterungen höre, schreibt Magirius, werde er tatsächlich munter. Aber anders als von den Hilfestellern erhofft: „Ich rege mich kolossal auf, was nicht gerade spirituell und friedlich wirkt. Starke Gefühle wie diese Empörung gelten in vielen spirituellen Traditionen als Anfängerfehler. Denn der Weg zur Ausgeglichenheit soll bereits ausgeglichen beschritten werden. Klingt logisch. Aber offenbar bin ich spirituell unlogisch veranlagt. Oder einfach nur Realist und schaue viel zu oft in die Welt hinaus, in der ich selbst mit bester Absicht nicht immer das Gute sehe.“

Ich kann nicht klagen? Die Psalmen können es

Magirius hät sich an eine andere spirituelle Tradition, an die Psalmen. „Bei diesen uralten Gebeten handelt es sich um Lieder, oft um wahre Gefühlsexzesse. ‚Ich kann nicht klagen‘, hört man oft. Die Psalmen können es. Und sie haben allen Grund dazu. Da sind viele Feinde. Der größte Gegner aber ist manchmal niemand Geringeres als Gott. Ihm trauen sie Schlimmes zu. ‚Denn deine Pfeile stecken in mir, und deine Hand drückt mich.‘“

Wie Fahrradfahren

Georg Magirius erlebt dank der Psalmen eine fantastisch Erleichterung, schreibt er in Publik-Forum.

Vor Jahren habe er die Psalmen studiert, manche auswendig gelernt, ihre Worte gesungen. „Heute bescheren sie mir noch immer Momente des Friedens, weil sie friedlos wirken. Ich blättere in ihnen, finde Splitter, Sätze, die mich augenblicklich eine ungeheure Kraft erfahren lassen. Das ist womöglich wie beim Fahrradfahren oder Schwimmen. Hat man es einmal gelernt, geht es selbst nach längeren Pause wie von selbst. ‚Ich bin wie ein zerbrochenes Gefäß‘, ‚hingeschüttet wie Wasser‘, ‚versinke in tiefem Schlamm‘, bin in Quarantäne, zu Lebzeiten leblos: ‚Ich liege unter den Toten verlassen, wie die Erschlagenen, die im Grabe liegen, derer du nicht mehr gedenkst und die von deiner Hand geschieden sind.‘ Das ist zu wahr, um schön zu sein. Das ist kein billiger Trost. Da offenbart sich Verzweiflung, der Schrei nach Gott.“

Boxkampf mit Gott

Die Psalmen erlaubten dem Autor des Psalmenbuchs „Gesänge der Leidenschaft“ die Hilflosigkeit nicht krampfhaft mit Munterkeit zu überspielen. „Es ist eine Spiritualität, die aufbegehrt, sich nie zensiert, die Wut nicht auf den Index setzt. Ihre Bilder spinne ich fort, fordere Gott zum Boxkampf auf. Denn er tut nicht, was er versprochen hat: sich den Menschen freundlich zuzuwenden. Ich will ihn rütteln, schütteln, schreie ihn an.“

Umverschämtes Drängen

Allerdgins sei es nicht einfach, mit Gott in einen Kampf zu treten. Er schläft nämlich, vermuteten die Psalmen. „Wer schläft, ist aber nicht tot. Sondern erwacht wieder. Wann das sein wird? Darauf haben die Psalmen keine Antwort. Darauf gibt es keine Antwort. Aber ich trommle an Gottes Tür, um seinen Schlaf zu stören. So solle man beten, sagte Jesus einmal: fordernd, unverschämt und heftig.“

Fantastische Erleichterung

Vor der Spirituatlität der Psalmen werde heut oft gewarnt, weil es sich um einen wilden Pfad handle. „Manche warnen, dieser Weg sei unkontrollierbar, riskant, gestrig und gefährlich. Doch mir beschert er Momente einer fantastischen Erleichterung. Auch wie Jesus sprach, klingt in meinen Ohren anders als dieser schrecklich korrekte Theologensatz, er sei das unwiderrufbar hinterlegte Wort der Liebe Gottes. Jesus verlor sich nicht wie viele Theologen in Spekulationen über Gott, sondern sprach ihn an. Er betete ja selbst die Psalmen, war ein Anhänger dieser rebellischen Spiritualität. Alles Verkrampfte löst sich in mir, alles fühlt sich richtig an, wenn ich mit den Psalmen rufe: ‚Wache auf! Warum schläft du, Herr?‘“

Gesänge der Leidenschaft

Gesänge der Leidenschaft - Cover des Buches von Georg Magirius über die Psalmen

Der Beitrag ist inspiriert von Georg Magirius’ Buch “Gesänge der Leidenschaft – Die befreiende Kraft der Psalmen”. Er hat das Buch im Claudius Verlag veröffentlicht. Es hat 160 Seiten und kostet 12 Euro 90. Heide Warkentin und Dr. Dietrich Voorgang haben es übrigens lektoriert. Und die ISBN-Nummer lautet 978-3-532-62467-8. Weitere Informationen, Pressestimmen und Bestellmöglichkeit sind hier.