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Die Religiosität der Zukunft

Die Religiosität der Zukunft ist das Thema von Stefan Seidels Buch "Nach der Leere"

Stefan Seidel ist Psychologe, Theologe, Leitender Redakteur der in Leipzig angesiedelten Wochenzeitung “Der Sonntag” und Autor von Büchern. Wer das Leben als etwas versteht, bei dem man möglichst viele Trümpfe auf den Tisch zu hauen hat, würde vermutlich sagen, er sei „gut im Geschäft“. So klingt das im Jargon derer, denen es darauf ankommt, „gut aufgestellt“ und „vorne dran“ zu sein, um “eine gute Performance” abzuziehen. Charakteristisch an seinem jetzt im Claudius Verlag verlegten Buch „Nach der Leere“ ist aber gerade nicht das fortwährende Ausspielen von Trümpfen in eigener Sache. Stattdessen hat Seidel den Mut, weit über das Eigene hinauszudenken. Es ist ein “Versuch über die Religiosität der Zukunft”, wie sein Buch im Untertitel heißt.

Stark und frei

Seidel präsentiert sich also nicht selbst, stampft nicht auf, schreibt kein Pamphlet, schreit, zetert, jubelt nicht. Er schwenkt nicht heldenhaft die Fahne. Und das siegessichere Lächeln ist ihm fremd. Vielmehr ist sein Werk über die Religiosität der Zukunft eine Verbeugung. Das nicht zu greifende Paradox daran: Der Autor wird dabei nicht etwa kleiner, sondern entfaltet sich, ist groß. Das Buch klingt stark und frei.

Recht auf spirituelle Selbstbestimmung

Wovor aber verbeugt sich Seidel? Vor jenen, die sich mit der Leere nach dem Abschied der Religion aus der Moderne nicht arrangieren können. Ohnehin sei die angebliche Leere schon lange keine Wüste mehr. Allerdings vermittelten marktkonforme esoterische Angebote kaum Trost. Und der auf Eindeutigkeit zielende Fundamentalismus sei eine Verzerrung von Religion. Auch wollen die von Seidel vorgestellten Sucher nach einer lebendigen Religiosität keine Wiederkehr einer alt gewordenen Kirchlichkeit, die Göttliches ordnen und gebieten will. Diese Art des Glaubens fessele nicht mehr. Denn Kirchen in Gestalt tonangebender Organisationen hätten sich erübrigt. Sofern sie Vorschreiber bleiben wollen, werden sie laut Seidel sogar zu Gegnern einer Suche nach vitalen Formen von Religiosität. Denn dann verletzten sie „das spirituelle Selbstbestimmungsrecht“.

Tiefe Ruhe von anderswoher

Seidel verbeugt sich nicht vor Kirchen, sondern vor Lyrikerinnen, Philosophen, Künstlerinnen, Juristen, Nobelpreisträger, Ordensfrauen, Randfiguren. Das geschieht, indem er von ihnen Worte und Gedanken vorstellt. Es handelt sich um enthusiastische, empfindsame, scheue oder skupelhafte Menschen. Sie sind bereit, sich rühren und berühren zu lassen. Etwas fühlen können – das verstehen sie als Begabung. Und nicht als Grund, sich aus einer mechanisierten Gesellschaft exmatrikulieren, exkommunizieren oder exorzieren zu lassen. Diese Menschen äußern etwas von sich, entäußern sich, bringen anderen etwas nahe. Und das kann aus breit getretenen Denkbahnen herausstolpern und aufmerken lassen. Es überrascht, lässt eine tiefe Ruhe ahnen, die von anderswoher kommt.

Die Religiosität der Zukunft: gebrochen, indirekt und fremd

Seidel zeigt sich also, indem er auf selbstbewusste Weise zurückzutritt. Mit Sympathie, prägnant, aber nie beiläufig stellt er andere nach vorn. Und mit ihnen religiöse Erfahrungen, die auf dem ersten Blick nicht religiös erscheinen. Aber gerade das können sie aufgrund ihres Tastens und Sehnens sein: Ahnungen des Göttlichen, die „unklar, gebrochen, paradox, fremd und indirekt bleiben“. Überliefertes sei deswegen nicht ausgeperrt, doch erscheine es in ungewohnten Licht. Unbestimmt seien solche religiöse Erfahrungen und könnten in „geheimnisvoll-entzogene Tiefen“ führen. Nicht dass das Buch „Nach der Leere“ deshalb nun verwaschen, sorgfaltslos und lässig klänge! Nur ist für den Essayisten die Religiosität der Zukunft eben keine Ansammlung von Glaubensgegenständen und Nutzobjekten. Sie zeigt sich eher so, wie der Autor schreibt.

Mut zum Konjunktiv

Seidel wagt es nämlich, Worte wie „möglicherweise“ und „vielleicht“ zu verwenden – und das nicht nur einmal. So ist das Buch eins der seltenen Werke, die ohne Ohropax lesbar sind. Da ist ein Theologe am Werk, der kein Lautsprecher ist und diese auch nicht braucht, um den Worten ihren Klang zu lassen. Er hat den Mut zum Konjunktiv. Und weiß es eben nicht. Will es gar nicht wissen, weil das doch unmöglich sei: Gott wissen wollen, wiegen, etikettieren, abhaken, einpferchen, versiegeln oder im Schilde führen.

Im Wald

Folglich weiß der Autor auch nichts besser. Aber er spürt und sucht und schaut. Und schaut dann noch einmal: Denn die Formen der Religiosität der Zukunft seien da. Nur versteckt, auf einem zweiten oder dritten Blick erkennbar. Vielleicht. Und manchmal so, dass man gar nichts machen kann. Oder wie es der Lyriker Tomas Tranströmer formuliert hat: „Mitten im Wald liegt eine unerwartete Lichtung, die nur von dem gefunden werden kann, der sich verlaufen hat“.

Weite Kreise

Licht zeige sich, wenn jemand, der sich vielleicht nie als religiös bezeichnen würde, Schuld empfinde, schreibt Seidel. Und diese dann nicht abdränge, sondern zur Sprache bringe. So habe etwa das Pflichtpraktikum auf dem Schlachthof eine Veterinärmedizinstudentin zu dem Gefühl gebracht, sich “besudelt” zu haben. Tatenlos habe sie mitangesehen, wie Menschen maschinell perfektioniert unablässig Tiere töteten. Ihr Empfinden eines “heiligen Taburaums” sei eine von vielen Spuren. Sie vereisen auf eine Heiligkeit, die sich überraschend ereigneten. Es sind Versuche, “die Kreise der Liebe möglichst weit zu ziehen“.

Entfesselt

So führt Seidel durch eine unbändig zarte und urtümlich wilde religiöse Landschaft der Zukunft. Die schon angebrochen ist. Das zeigen nicht zuletzt seine eigenen Formulierungen, mit denen er die Spuren neuer Religiosität zu einem Bild zusammenfügt, das er bewusst andeutungshaft und unabgeschlossen hält. Darunter findet sich eine wie entfesselt wirkende Passage. Mit ihr tritt der Autor, der so eindrucksvoll anderen Raum zu geben vermag, selbst nach vorn, weil er niemanden und nichts zitiert. Aber auch hier gibt Seidel nicht den Triumphator in eigener Sache. Dafür wirken diese Sätze so erfrischend scharf, lustvoll und kampfeslustig gegenüber dem gegenwärtigen Dogma zur Formung des eigenen Selbst, dass sie die Ahnung geben: Auch die Wut gehört zur Liebe, die der Weg ins Leben ist.

Vom Anti-Leben zwischen Coach und Couch

Ist nicht eine der Triebfedern der vorherrschenden Beschleunigungskultur die Vorstellung vom Ungenügen des Menschen? Er ist nie fertig, hat nie genug, genügt nie den Ansprüchen, muss immer weiter und höher, muss ständig an sich arbeiten und selbst optimieren – am besten gleich heute noch den nächsten Selbstentwicklungs-Workshop buchen, sich selbt neu erfinden und den neuesten Dreh zu mehr Glück, Geld und Gesundheit finden.

Was wir heute erleben, scheint eine Art moderner Schuldkultur zu sein, wie womöglich in der Geschichte gnadenloser nie gewesen ist. Die moderne Ablassindustrie boomt. An jeder Ecke gilt es, auf einen Coach zu hören, auf einer Couch zu landen, den nächsten Entwicklungsschritt zu machen, noch mehr seiner Möglichkeiten auszuschöpfen und an der Vervollkommung des eigenen Lebens hart zu arbeiten. Dazu stehen Kurse, Gurus, Ratgeber, Therapien, Diäten und Präparate zum Konsum bereit. Die Botschaft lautet: Du bist nie genug; du hast nie genug; wer stehen bleibt, verliert: wer zufrieden ist, betrügt sich selbst. (aus: Stefan Seidel, Nach der Leere)

Stefan Seidel - Nach der Leere

Stefan Seidel, Nach der Leere – Versuch über die Religiosität der Zukunft, 160 Seiten, 18 Euro Claudius Verlag. Weitere Informationen hier. Foto (c): Claudius Verlag.