Liebesgeschichten

Frucht der Lippen

Allen Zensurwünschen kirchlich-theologischer Sachverwalter zum Trotz findet sich noch immer ein Schönheitswort wie “Frucht der Lippen” im Neuen Testament. Offensichtlich ist solch ein Wort unkündbar, lässt sich nicht in Ruhestand versetzen oder in eine von Regulationsakribie zeugende Begrifflichkeit transformieren. Es weist auf eine Macht hin, “die immer wieder neu auf dumme Gedanken bringen kann, die womöglich aber nur die klugen sind, wenn es etwa darum geht, dass die Haut – also nicht nur die der Lippen – berührbar ist”. Das schreibt Georg Magirius am 5. Oktober 2014 zum Erntedankfest im Sonntagsgruß. Dabei handelt es sich um eine Zeitschrift im Gütersloher Verlagshaus. Die Redaktion hat Monika Hovell.

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Woran denken Sie, wenn Sie das Wort Lippen hören? Vielleicht dass diese im Moment trocken sind, weil nun wieder die Zeit gekommen ist, in der die Heizung angestellt wird. Dadurch wird der Luft Feuchtigkeit entzogen – und auch der Mundumran-dung, sodass diese ruhig einmal mit einem Pflegestift angefeuchtet werden könnten. Woran denken Sie, da wir nunmehr über das Thema Trockenheit zum Thema Feuchtigkeit weitergeschritten sind, und das wiederum in Zusammenhang mit Lippen gebracht ist? Genau! Die Antwort lautet: Mit feuchten Lippen lässt es sich unkomplizierter sprechen, weil man dann nicht ständig damit beschäftigt ist, die Lippen mit der Zungenspitze anzufeuchten.

Frucht der Bibel

Wo sind wir aber nunmehr gelandet, da mit den Lippen nun auch noch das Wort Zunge beziehungsweise Zungenspitze in Verbindung gebracht sind? Wir sollten, bvor wir auf dumme oder besonders schöne Gedanken kommen, jetzt schleunigst in den Bibeltext schauen, den es in der Rubrik, die Sie lesen, auszulegen gilt. Sonst gerate zumindest ich in eine kaum mehr zu kontrollierende Unruhe infolge all der Überlegungen in Verbindung mit dem Wort Lippen, das dem Bibeltext nämlich entnommen ist. Und Sie und ich wollen schließlich – wie unsere Zeitschrift im Untertitel verspricht – nicht in Unruhe geraten, sondern einen Sonntagsgedanken für ruhige Momente ans Herz gelegt oder auch ins Ohr geflüstert bekommen.

Liebe im Neuen Testament

Los geht’s, machen wir uns also an die Arbeit und schauen über die bereits zitierten Lippen hinaus in den Bibeltext. Er ist dem Neuen Testament entnommen. In diesem Testament, heißt es oft, könne man anders als im Alten Testament kaum in Liebeslieder oder Liebesszenen abdriften, in denen Frauen von Königen beim Baden betrachtet werden, wo von Feigen, Äpfeln, Elfenbeinhaut und Honiglippen die Rede ist, es süß und herb und stürmisch zugeht, also überhaupt nicht trocken. Nein, darum wird es in einem neutestamentlichen Text nicht gehen, lässt sich vermuten, zumal er überdies einem Brief entnommen ist.

Sinnesglut

O, die Briefe im Neuen Testament! Sie gelten als theologische Schwergewichte. Einen Pulsbeschleuniger, der hungrig-ästhetische Regungen hervorruft, wird man in ihnen kaum entdecken. Ohnehin, was soll das denn hier eigentlich die ganze Zeit? Extrem jung ist vermutlich keiner mehr von uns, auch wenn das noch lange nicht Verzicht bedeuten muss. „Es gibt auch eine Befriedigung, die sich im Kopf abspielt“, hat die Schriftstellerin Gabriele Wohmann einmal gesagt.

Allerdings: Bei dem neutestamentlichen Brief, der zu einem Sonntagsgedanken für ruhige Momente inspirieren soll, handelt es sich um den Hebräerbrief. Der Name lässt ahnen: Er ist nicht fern vom hebräischen Gedankengut, dieser alttestamentlichen Sinnesglut, die immer wieder neu auf dumme Gedanken bringen kann, die womöglich aber nur die klugen sind, wenn es etwa darum geht, dass die Haut – also nicht nur die der Lippen – berührbar ist.

Frucht der Lippen – Lippenspiele

Davon ist im Hebräerbrief in Zusammenhang mit Lippen freilich nicht die Rede, wenigstens nicht direkt. Stattdessen von der Frucht der Lippen. Woran lässt das denken? Woran denke ich? Über all die Dinge, die in Wahrheit keine Dinge sind, ist kaum andächtig zu sprechen. Es lässt sich nicht in klug parlierende Denkprozesse transformieren. Frucht der Lippen: Das lässt sich besser ersehnen und erträumen, darüber kann man fabulieren, am ehesten ist es zu genießen und zu erahnen. Am besten lässt es sich tun, man kann es geschehen lassen. Die Frucht der Lippen jedenfalls ist laut Hebräerbrief ein Opfer, mit dem wir Gott loben. Eine Frucht, die durch Bewegung der Lippen möglich wird. Dazu gehört wirklich nicht zuletzt, woran wir mit schöner Scham denken. Auch die Scham ist etwas, mit der wir Gott loben und danken. Aber wofür? Dass der Mensch ein geliebtes und zu liebendes Wesen ist.