Neues Leben

Wie man das alte Muster überwindet

Wie man alte Muster überwindet - Altes erscheint im neuen Licht - Paar geht spazieren am glitzernden See im Park Schönbusch in Aschaffenburg

Wer neu beginnt, spürt neben Aufbruchslust oft auch Bedenken, Zweifel und Skepsis. Was tun, wenn sich das sogenannte “alte Muster” bemerkbar macht? Muss man sich völlig neu erfinden? Oder kann man Altes mit ins neue Leben nehmen? Der Theologe und Schriftsteller Georg Magirius antwortet in der Osterausgabe der Evangelischen Zeitung vom 20. April 2014, wie man das alte Muster überwindet. Die Redaktion hat Sven Krizio.

Der Beitrag “Wie man die alten Muster überwindet”

Ein Lottogewinn kann das Leben vor Freude auf den Kopf stellen, um es später jedoch in Armut oder Einsamkeit enden zu lassen. Die Beispiele dafür sind Legende. Ostern erinnert gewiss nicht in jeder Hinsicht an einen Millionengewinn. Doch auch die Auferstehung ist ein kaum glaubhaft riesiger Gewinn: Die Grabesluft ist weggepustet, aus Zerstörung wird das Gegenteil. Das ist so fantastisch, dass die Freude verstören kann. Rasch sind da wieder Zweifel, Vorsicht, Skepsis. Und man ist ins sprichwörtliche „alte Muster“ zurückgefallen.

Manche fühlen sich überfordert, weil gerade eben noch Verzweiflung herrschte. Wohl nicht zufällig kommt es an Ostern, wenn das Leben einen frischen Anlauf nimmt, zuweilen auch zu Gefühlsausbrüchen der nicht so fröhlichen Art. Denn im Licht stellt sich eine vielleicht nie ganz abzulegende Trauer manchmal umso markenter vor Augen.

Die Macken dürfen bleiben

Da kann entlasten: Auch jene, die zuerst von der Auferstehung hörten, hatten Angst. Es ist das Gefühl der Furcht, mit dem das älteste Evangelium schließt, das Markusevangelium. Oft trifft der Auferstandene auf Ungläubigkeit und Erschrecken. Das wirkt, als ob da kaum jemand das neue Leben wirklich wollte. Warum nur diese Scheu? Es könnte sich um die Angst handeln, mit dem alten Muster auch das Liebgewordene aufgeben zu müssen. Verliert man im Neuen gar seine Identität und wird sich selbst zum Fremden? Wer also zuweilen ins alte Muster fällt, sollte sich nicht als defizitär betrachten. Eher handelt es sich dabei um den berechtigten Wunsch, nicht ohne seine Macken ins neue Leben starten zu dürfen.

Vermutlich wussten die biblischen Autoren um diese Angst. Jedenfalls gibt es viele Bilder und Symbole, die das himmlische Leben eröffnen, ohne das Vorherige zu erledigen. Der Übertritt von dem einen Leben ins andere ist eine Verwandlung, keine Abkehr. Auch keine Vernichtung. Das Schmerzhafte kann sogar zum Erkennungszeichen des Neuen werden. Jedenfalls sind Jesu Wunden nicht verschwunden, dank ihnen ist der Auferstandene identifizierbar. Nur: Das alte Muster tut jetzt nicht mehr weh. Weil Thomas es berühren kann, bekennt er schließlich den Glauben so euphorisch wie kein anderer. Das neue Leben ist vollkommen, aber es ist eine verletzte Vollkommenheit. Sie befreit, weil keiner seine Wunden verstecken muss.

Guter alter Wein, der himmlisch schmeckt

So wird das Vorherige ins Neue hinübergenommen. Adam, der alte Mensch, hat einen natürlichen Leib, sagt Paulus. In Christus aber hat der Glaubende einen geistlichen Leib. Der Mensch verwandelt sich, trotzdem hat er noch immer einen Leib. Auch das Essen, zu dem nicht zuletzt die – wie passend ist doch der Begriff – Leibspeisen zählen, ist ein Symbol des neuen Lebens. Jesaja schwärmt von einem rauschenden Fest mit Wein, der auf irdische Weise schmackhaft ist. Nur wird der Wein auch wieder himmlisch sein. Denn es ist jetzt reiner Wein, keine Hefe ist mehr in ihm. Und auch Jesus, der Auferstandene, ist nicht nur an seinen Wunden erkennen, sondern auch, indem er das Brot bricht, Fisch isst oder beides über einen Kohlenfeuer brät.

Der Glaube regt sich in den Tiefenregionen

Ganz der Alte darf man im neuen Leben sein und sich aufgehoben fühlen. Nur schillert das Alte in neuem Licht. Kein Mensch kann dieses Schillern erzeugen, der Blick dafür lässt sich jedoch schärfen. Es ist der Glaube, dass die Auferstehung einen immer wieder auf die Beine kommen lässt. Dieser Glaube aber ist gefährdet. Man müsse täglich in die Taufe kriechen, hat Martin Luther gesagt. Auch die Taufe ist ein Symbol, das für das Neue steht und das Alte in sich aufnehmen kann. Im Element des Wassers sind Tod und Leben geheimnisgroß miteinander verschlungen. Wasser schlagen über den Täufling zusammen. Aber er ist nicht für immer abgetaucht, denn im Wasser steckt die Kraft des Auftriebs. Und selbst wenn man das Gefühl hat, den Tiefenregionen einfach nicht entkommen zu können, sagt der Glaube doch: „Das ist nicht normal! Bis in alle Ewigkeit soll es so nicht sein.“

Wie man das alte Muster überwindet: Der Atem kommt von selbst

Um täglich in die Taufe zu kriechen, kann man die Bibel lesen, beten, die Taufkerze entzünden – oder im Freibad vom Drei-Meter-Brett hüpfen. Rasch dringt man ins Wasser ein, sinkt immer tiefer in jenes Reich, wo es keine Chance aufs Atmen gibt. Dann spürt man, wie das Wasser bremst, man langsamer wird. Kurz steht man still. Und von nun an beginnt man aufzutauchen, gewinnt an Fahrt, aufwärts, immer weiter geht es nach oben. Und der schönste Moment ist der kurz bevor. Man denkt, jetzt müsste es doch kommen, aber es kommt noch nicht. War man wirklich so tief unten? Dann flutscht man hinaus, muss gar nichts tun. Der Atem kommt von selbst. Und man beginnt zu schwimmen: Das Wasser kann herrlich weich und zärtlich sein! Es ist wie eine Freundin, ein treuer Gefährte. Und dann ahnt man, wie aus dem Tod heraus das Leben kommt, ohne das Vorherige zu leugnen. Denn es ist das Wasser selbst, das über Wasser hält.