Biblisches

Galoppierende Gefühle

Georg Magirius plädiert für eine befreiende Maßlosigkeit im Sonntagsgruß vom 30. Januar 2011. Dabei handelt es sich um eine Zeitschrift im Gütersloher Verlagshaus. Die Redaktion des Beitrags “Galoppierende Gefühle” hat Monika Hovell.

Der Beitrag “Galoppierende Gefühle”

Es gab in meinem Leben Tage, da kaufte ich mir nicht nur ein Eis, sondern zwei oder drei – oder waren es sogar noch mehr? Heute lächelt man über solch kindliches Übermaß, schämt sich vielleicht auch ein wenig dafür, weil ja viele empfehlen: »Auf das richtige Maß kommt es an, nicht nur beim Eisverzehr. Nicht zu viel und nicht zu wenig, so findet man sich im Leben zurecht.«

Aber wie ist das eigentlich mit dem rechten Maß, wenn das Leben hohe Wellen schlägt? Dann wird es schwer, maßvoll zu reagieren. Einmal, wird in der Bibel erzählt, erlebten Jesu Freunde eine Angst, die unbezifferbar gewaltig war. Sie befanden sich im Sturm – allein! Alles war dunkel, dazu Gegenwind, dem Boot drohte der Untergang. Und Schwimmwesten gab es damals nicht. Jesus hatte seine Jünger indirekt auch noch in diese Lage gebracht, sie nämlich angetrieben, endlich einmal ohne ihn in die Welt hinauszugehen beziehungsweise in See zu stechen. Das Höchstmaß an Schlimmen war jedoch noch nicht erreicht: Die Jünger erfuhren ein Grauen, unheimlich ungreifbar, da steuerte nämlich ein Wesen aus der Nacht heraus auf sie zu, das kam immer näher.

Nach den Rezepten vieler Lebensberater hätten die Bedrängten die Situation jetzt entemotionalisieren müssen. Zum Beispiel so: »In Leben gibt es auch mal ungünstige Stunden. Freude und Leid wechseln einander ab, alles hat seine Zeit. Keine Nacht wird ewig dauern.« Die Jünger aber waren in diesem Augenblick nicht fähig, ihre Gefühle in eine sie beruhigende rationale Stimmungslage hinüberzuführen. »Ein Gespenst!«, schrien sie. Es war dieser Gefühlsausbruch, der das vermeintliche Gespenst sagen ließ: »Ich bin’s.« So wurde aus dem Grauen das Gegenteil: Trost.