Ein Traum vom Sommer ohne Rasenmähen

Hubert - Sommergäste - edition überland - Grafik von André MartiniWie wäre das, wenn man noch einmal ganz anders leben könnte? Dann behielte man, was einem Orientierung gibt. Sagte aber Nein zu dem, was einschränkt und beschränkt.

Faible für Birnbäume

Von solch einer Verwandlung handelt die in der edition überland veröffentlichte Erzählung „Sommergäste“ von Barbara Handke. Im Mittelpunkt Hubert, 31. Er arbeitet bei der Post, steht um vier Uhr morgens auf. Und am Nachmittag und Abend unterstützt er seine Mutter, die eine Pension betreibt. Gerade damit ist er aber nicht recht im Reinen. Zu oft hat er den Rasen zu mähen, ständig gilt es Gäste zu grüßen. Lieber ginge er häufiger angeln, kletterte im Birnbaum herum. Oder führe mit Vera, einem der Gäste, ans nahe Meer: „Sie ist nett, aber dumm, und ich freue mich schon, wenn sie ihren Bikini anzieht.“

Fahrrad mit Rückspiegeln

Allerdings ist Vera verheiratet. Hubert ist oft sehr direkt, dann wieder umständlich und zögerlich. Er kann sehr gut rechnen, hat die Geburtsdaten und Adressen sämtlicher Gäste im Kopf und ein Faible für komplizierte Wörter. Weshalb er aber noch lange nicht der zu der einseitig kognitiv ausgerichteten Spezies Mann gehört, die Probleme damit hat Gefühle zu haben oder sie zu zeigen. Hubert hat fast kindlich große Wünsche! Da ist der Traum von einem blauen Fahrrad mit Rückspiegeln. Oder der in einer kleinen Hütte im Wald mit einem Hund zu leben. Und sein Freund wohnt in einer anderen Hütte im Wald, „sodass wir uns immer besuchen können.“

Wider die Lebensverkleiner

Barbara Handke - Foto (c) von Kristin Stock, LeipziIndem Barbara Handke (Foto: Kristin Stock) die Geschichte eines Sommers aus der Sicht von Hubert erzählt, sagt sie auf raffinierte Weise Nein zu all jenen, die sich von nicht ganz fügsam wirkenden Menschen zum Herumdoktern herausgefordert fühlen: Psychologinnen, Aktions-Journalisten mit Sinn für die sogenannten weichen Faktoren des Lebens, Medizinerinnen, Soziologen und Pädagoginnen fürs Soziale. Sie küren einen sich vom Grau abhebenden Menschen gern zum Gegenstand ihres wohlmeinenden Interesses. Sie verteidigen oder problematisieren ihn, wollen ihm fortlaufend helfen, ihn besser verstehen lernen, wie sie sagen. Und dank ihres systemischen Blicks aufs angespannte Geflecht der Gesamtsituation zur Entlastung und Optimierung des Hilfsobjekts beitragen.

Feierabend

Dabei ist Hubert einfach „ein bisschen anders als andere“, sagt seine Mutter: „normal, aber eben anders“. Worin aber besteht das Andere? Dass Hubert an seinem Lebensziel festhält. Er wünscht, immer wenn er mit seiner Arbeit bei der Post fertig ist, „dass ich Feierabend habe und machen kann, was ich will.“ Barbara Handkes Erzählung “Sommergäste” hat die Kraft, im Leser die Sehnsucht nach Freiheit wach zu halten und vielleicht sogar eines Tages so normal und ein bisschen anders zu werden wie Hubert.

Barbara Handke, Sommergäste. Erzählung, Hardcover, Gestaltung: André Martini, 144 Seiten, ISBN 978-3-948049-01-0, 18 Euro, edition überland, Leipzig 2019.

About Buero Magirius

Über spirituelle Spaziergänge und andere Tritte des Schriftstellers Georg Magirius.
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