Fünf Vorteile einer stillen Lebensweise

Miroslava Stareychinska Zeitz 2019 Foto Matthias KeilholzDas Konkurrieren um die krachendsten Töne überlässt sie anderen. Trotzdem hat die Stille ungewöhnliche Kräfte. Nähere man sich ihr mit Musik, könne sie zu einer Entschleunigung führen, schreibt René Weimer in der Mitteldeutschen Zeitung vom 23. Februar 2019 anlässlich “einer wunderbaren Klanglesung” in Zeitz, zu der “rund 80 Gäste in das Evangelische Gemeindezentrum Luckenau gekommen” waren. “Sie lauschten der Harfenmusik von Miroslava Stareychinska und den Worten von Schriftsteller Georg Magirius.”

Ein Lob auf die Schlaflosigkeit

Georg Magirius Zeitz 2019 Foto Matthias KeilholzDie Stille beruhige nicht nur das Lebenstempo, schreibt Matthias Keilholz auf noezz.de vom 23. Februar 2019 über den Abend zu Ehren einer oft vergessenen Lebenskraft. Sie führe auch zur Wachheit: “Sie kann so leise sein, dass man nicht schlafen kann.” Ohne Worte stimme die Stille zuweilen ein Loblied an, könne den Alltag verzaubern und Verborgenes offenbaren. Das also sind fünf Erkenntnisse einer stillen Lebensart: Das Langsame, das Erwachen, das Loben, die Verzauberung des Alltags und der Respekt vor dem Verborgenen. Fotos: Matthias Keilholz.

Am 28. Juni 2019 erscheint im Herder Verlag das von Georg Magirius herausgegebenen Buch “Stille erfahren” mit Beiträgen von Arnold Stadler, Bernardin Schellenberger, Ann-Kristin Rink, Georg Magirius, Uwe Kolbe, Manuela Fuelle und Amet Bick. Lektorat: Dr. Esther Schulz.

Die Rebellion der leisen Töne

Ständig scheint das Lebenstempo zunehmen. Um nicht abgehängt zu werden, gilt es, möglichst immerzu erreichbar sein. Die Harfenisten Miroslava Stareychinska und der Schriftsteller Georg Magirius setzen in einer Klanglesung am 22. Februar um 19 Uhr im Gemeindezentrum Luckenau in Zeitz bezaubernd leise Töne gegen das Gebot gegenwärtiger Aufgeregtheit.    Klanglesung mit Georg Magirius und Miroslava Stareychinska in Zeitz

Im Land der Stille

Dank der spirituellen Worte und Klänge wird der innere und äußere Lärm allmählich abgestreift. Und wie von selbst öffnet sich die Tür ins Land der Stille. Dort wartet ein Frieden, der unkündbar ist – und sei es nur für eine Stunde. Die international tätige Konzertharfenistin Miroslava Stareychinska spielte bei den Berliner Philharmonikern, dem Radiosinfonieorchester Stuttgart und im Opern- und Sinfonieorchester der Stadt Plowdiw, der europäischen Kulturhauptstadt 2019. Immer wieder ist sie als Jazzmusikerin zu hören, etwa mit der hr-Bigband,  den Red Hot Hottentots, mit Pablo Peredas oder der Bassistin Lisa Wulff.

Im Haus der Krimikracher

Evangelisches Gemeindezentrum Luckenau Foto von Matthias KeilholzDas evangelische Gemeindezentrum Luckenau hat im Burgenlandkreis und der Region Zeitz als Veranstaltungsort einen exzellenten Ruf. In ihm werden Hochzeiten, indische Abende, Geburtstage, Worte der Bibel und und andere dramatische Texte gefeiert. Zu erleben sind zum Beispiel das Geheimnis der dunklen Truhe, Krimikracher wie “Arsen und Spitzenhäubchen” – und nun eben die rebellische Macht der leisen Töne. Die Leitung des Abends hat Pfarrer Matthias Keilholz. Fotos: Rüdiger Döls, Matthias Keilholz, Simon Zimbardo. Plakatgestaltung: Dr. Daniel Thieme.

Ein Rückblick auf die Klanglesung mit Fotos findet sich >> hier.

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Gabriele Wohmann
Ein netter Kerl
(1978)
Ich habe ja so wahnsinnig gelacht, rief Nanni
in einer Atempause. Genau wie du ihn be-
schrieben hast, entsetzlich.
Furchtbar fett für sein Alter, sagte die Mutter.
Er sollte vielleicht
Diät essen. Übrigens, Rita,
weißt du, ob er ganz gesund ist?
Rita setzte sich gerade und hielt sich mit den
Händen am Sitz fest. Sie sagte: Ach, ich glaub
schon, daß er gesund ist. Genau wie du es er-
zählt hast, weich wie ein Molch, wie Schlamm,
rief Nanni. Und auch die Hand, so weich.
Aber er hat dann doch auch wieder was Liebes,
sagte Milene, doch, Rita. ich finde, er hat was
Liebes, wirklich.
Na ja, sagte die Mutter, beschämt fing auch sie
wieder an zu lachen:
recht lieb, aber doch
gräßlich komisch. Du hast nicht zuviel ver-
sprochen. Rita, wahrhaftig nicht. Jetzt lachte
sie laut heraus. Auch hinten im Nacken hat er
schon Wammen, wie ein alter Mann. rief Nan-
ni. Er ist ja so fett, so weich, so weich. Sie
schnaubte aus der kurzen Nase, ihr kleines
Gesicht sah verquollen aus vom Lachen.
Rita hielt sich am Sitz fest. Sie drückte die Fin-
gerkuppen fest
ans Holz.
Er hat so was Insichruhendes, sagte Milene.
Ich find ihn so ganz nett. Rita, wirklich, komi-
scherweise.
Nanni stieß einen winzigen Schrei aus und
warf die Hände auf den Tisch; die Messer und
Gabeln auf den Teller klirrten.
Ich auch, wirklich, ich find ihn auch nett,
rief sie. Könnt ihn immer ansehn und mich
ekeln.
Der Vater kam zurück, schloß die Eßzim-
mertür, brachte kühle nasse Luft mit herein.
Er war ja so ängstlich, daß er seine letzte
Bahn noch kriegt, sagte er. So was von ängst-
lich.
Er lebt mit seiner Mutter
zusammen
, sagte Rita.
Sie platzten alle heraus, jetzt auch Milene.
Das Holz unter Ritas Fingerkuppen wurde
klebrig. Sie sagte: Seine Mutter ist nicht ganz
gesund, soviel ich weiß.
Das Lachen schwoll an, türmte sich vor ihr
auf, wartete und stürzte sich dann herab, es
spülte über sie weg und verbarg sie lang genug
für einen kleinen schwachen Frieden. Als er-
ste brachte die Mutter es
fertig, sich wieder zu
fassen.
Nun aber Schluß, sagte sie, ihre Stimme zit-
terte, sie wischte mit einem Taschentuch-
klümpchen über die Augen und die Lippen.
Wir können ja endlich mal von was anderem
reden.
Ach, sagte Nanni. Sie seufzte und rieb sich den
kleinen Bauch, ach ich bin erledigt, du liebe
Zeit. Wann kommt die große fette Qualle denn
wieder, sag, Rita, wann
denn? Sie warteten al-
le ab.
Er kommt von jetzt an oft, sagte Rita. Sie hielt
den Kopf aufrecht.
Ich habe mich verlobt mit ihm.
Am Tisch bewegte sich keiner. Rita lachte
ver-
suchsweise und dann konnte sie es mit großer
Anstrengung lauter als die anderen, und sie
rief: Stellt euch das doch bloß mal vor; mit
ihm verlobt! Ist das nicht zum Lachen!
Sie saßen gesittet und ernst und bewegten vor-
sichtig Messer und Gabeln.
He, Nanni, bist du mir denn nicht dankbar,
mit der Qualle hab ich mich verlobt, stell dir
das doch mal vor!
Er ist ja ein netter Kerl, sagte der Vater. Also
höflich ist er, das muß man ihm lassen.
Ich könnte mir denken, sagte die Mutter ernst,
daß er menschlich angenehm ist, ich meine,
als Hausgenosse oder so, als Familienmit-
glied.
Er hat keinen üblen Eindruck auf mich ge-
macht, sagte der Vater.
Rita sah sie alle behutsam dasitzen, sie sah ge-
zähmte Lippen. Die roten Flecken in den Ge-
sichtern blieben noch eine Weile. Sie senkten
die Köpfe und aßen den Nachtisch.
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Worterklärungen
Z. 10: der Molch = eidechsenähnliches, hässliches Wassertier
Z. 15: beschämt = peinlich berührt
Z. 20: die Wamme = die Fettschwarte
Z. 41: herausplatzen = hier: laut loslachen
Z. 48: etwas fertig bringen = etwas schaffen
Z. 56: erledigt = hier: erschöpft

Z. 57: die Qualle = die Meduse / glockenförmiges, weiches Meeresti

Drei Wege zu einer neuen Glaubenssprache

Wortwerkstatt Foto von Matthias KeilholzWie findet man eine Sprache für das Unfassbare? Wie lässt sich sprechen von dem, was als intim und allumfassend gilt, als verwandlungskräftig, winzig und unerreichbar groß, ein Himmels-Traum und Sehnsuchtsraum – Gott? Das war das Thema der Wortwerkstatt am 4. Mai 2017 auf dem Klausurkonvent des Kirchenkreises Naumburg-Zeitz. Unter Leitung des Schriftstellers Georg Magirius und der Konzertharfenistin Isabelle Müller fahndeten Pfarrerinnen, Gemeindepädagogen und Kirchenmusiker nach ungewohnten Wegen zu einer Sprache des Glaubens.Der Leitfaden bei dieser Suche lautete: Wortfreiheit.

Staunen und Stottern

Wortwerkstatt mit Isabelle Müller und Georg Magirius - Foto von Matthias KeilholzWortfreiheit – das kann bedeuten, die kindergroße Freiheit zu haben, biblische Texte aus der Gewohnheit herauszureißen und anzustaunen, sich über sie zu wundern, zu ärgern und zu lachen. Das gewohnte Reden jedenfalls dürfe ins Stolpern kommen, sagte Magirius. Ein Vershaspeln helfe, dem Lebendigen und Nicht-Festgelegten näher zu kommen. So wurden in der Werkstadtt statt theologischer Richtigkeiten persönliche, oftmals in der Kindheit begründete Erfahrungen und Bilder zu Tage befördert und schließlich mit dem Bibeltext zum Sonntag Kantate verknüpft, der Kindergeplärr als angemessene Sprache für das Sprechen vom Unbegreiflichen anzubieten scheint. Das wiederum mündete in die Sprache der Harfe, des vielleicht biblischsten Instrumentes überhaupt. Eine Wortfreiheit im ganz konkreten Sinn – ein Sprache frei von Worten.

Lachen und locken

Georg Magirius Foto von Matthias KeilholzKombiniert wurde die Wortwerkstatt mit einer Konzertlesung, die biblische Liebesgeschichten in die Gegenwart hinübertrug. Georg Magirius las aus aus “Traumhaft schlägt das Herz der Liebe”, durchflochten vom Spiel Isabelle Müllers. “Er – ein Meister der Worte, der leisen und der lauten, der humorvoll-ernsten und der ernsthaft-humorvollen”, urteilt Pfarrer Matthias Keilholz in seinem Blog “Keilis Sicht”. Magirius’ “Geschichten lassen leise schmunzeln und kräftig lachen. Sie locken in die Stille, beflügeln, erden, verführen, bleiben haften.”

Glitzern und Rauschen

Isabelle Müller Foto von Matthias KeilholzAuf der anderen Seite Isabelle Müller: “Sie – eine Meisterin des Instrumentes der Könige und Hirten. Brillant und klar erklingen die Töne ihrer Konzertharfe, sie fegt über die Saiten, zaubert Klangfülle, lockt und versteckt Melodien, lässt Sterne glitzern und Flüsse rauschen, lässt hören, was keine Worte hat.” Gemeinsam hätten sie unter dem Titel “Sieben tote Ehemänner” biblische Liebesgeschichten erzählt: “Töne umspielen Worte. Worte fordern Klänge heraus. Und vor Augen und Ohren entstehen Bilder in prächtigen Farben.”

Alle Fotos stammen von Matthias Keilholz. Weitere Fotos im Blog >> Keilis Sicht.