Franken, Spirituelle Wanderungen

Entschlossen unverschlossen

Entschlossen unverschlossen - Burg Etzberg bei Thüngersheim - Foto von Georg Magirius

“Gibt es den Satan? Und wenn ja, wie ist er substanziell vorstellbar?” Durch das satte Grün Weinfrankens sind die Tagespilger im Mai 2024 der Reihe GangART unterwegs zum Rokokogarten in Veitshöchheim. “Hat der Mensch einen freien Willen? Und wenn nicht, ist er dann überhaupt für sein Handeln verantwortbar?” Das Motto der Spirituellen Wanderung lautet „Muße statt Müssen“. Womöglich ist es gerade dieser angestrebte Freiraum, der zu Fragen führt, die sonst nicht immer ein Forum finden: “Warum ist in der Bibel so viel von Gewalt die Rede?” Die Tour leitet der Theologe und Schriftsteller Georg Magirius. “Aber geht es Theologen überhaupt um die Suche nach Gott oder verstehen sie sich als Gebäude- und Sozial-Manager?”

Aufrichten

Ausgangs von Thüngersheim, wo die Tour begonnen hat, wird die Gruppe von einem Schnellwanderer überholt. Die Mußegänger versuchen erst gar nicht hinterherzuhechten, sondern biegen in einen feuchten, weichen Waldpfad ein. Schweigend geht es durch den Frühlingswald bergan. Mußeort eins, die Ruine der Burg Etzberg, ist erreicht. Nächste Frage: “Warum gibt es so viele religiöse Reden, die nicht aufrichten, sondern niederdrücken?”

Aufgeweckt

Weiter geht es durch den Günterslebener Sommerstuhl an verträumt gelegenen Rebenreihen, an Domina- und Silvanerblüten vorbei: ungewöhnlich überschaubare Weinfluren auf Muschelkalkboden. Zu ihnen gesellen sich Wiesen, Waldstücke und Hecken. Außer der kleinen Pilgergruppe keine Menschenseele. Dafür flankieren aufgeweckte Vogelstimmen den Weg der Mußesucher.

Rast

Friedensort zwei: Mittagsrast in einer Hütte, die die Sitzenden erneut animiert, das Fragezeichen zu ehren: “Warum hat ein auch heute angesehener Theologe wie Calvin Musik in der Kirche und das Tanzen verboten, dafür aber die Farbe Grau zur Kleidertugend ausgerufen? Und warum hat er Michael Servet auf den Scheiterhaufen zu Tode rösten lassen, der die Lehre der Dreieinigkeit mit ein paar Fragezeichen versah?”

Lärmfrei

Mainweg M führt an Rapsfeldern vorbei, durch kniehohes, blühendes Bärlauchgras. Das Gehen im Wald macht keinen Lärm, spielt sich nicht auf, gibt keine fulminanten Antworten.

Konkurrenzlos

Aber diese Gangart sorgt dafür, dass der Wald sich mit einem Mal öffnet. Zu sehen ist: das Maintal, das vielleicht deshalb betört, weil es erst gar nicht den Anspruch erhebt mit dem Rheintal konkurrieren zu wollen. Welch ein Frieden, der mitzuteilen scheint: Es gibt keine Frage, die ungehörig ist, weil das Fragen Audruck der Sehnsucht ist.

Entschlossen unverschlossen - das Maintal bei Erlabrunn - Foto von Georg Magirius

Entschlossen unverschlossen

Womöglich mündet alles Fragen sogar in einer und verzweigt sich dann wieder aus ihr: Warum tut das Leben manchmal kaum aushaltbar weh? Statt einer Antwort von oben herab, die die Kraft des Fragens übersehen würde, sind da jetzt Weite, Luft und Abstand, um einmal in aller Seelenruhe ins Tal zu schauen. Die Erlabrunner Weinberghänge, Wälder und Badeseen, Felder und der Volkenberg, die sich allesamt entschlossen zeigen, nicht verschlossen zu sein. Eine Kraft hat sie gelockt, die empathisch und mitreißend zugleich sein muss. Denn eine Gegend, die gerade eben noch – oder etwa nicht? – so viele Gründe hatte, um nichts als Winterbraun zu kennen, kann nicht anders als aufzublühen.

Die Reihe GangART

Die exakte Route der Tour findet sich dank Teilnehmer Benediktus Paul bei Koomot hier. GangART ist eine Reihe spiritueller Tagestouren durch Steigerwald, Taunus, Odenwald, Rhön, Spessart, Haßberge, Frankfurt, Taunus und Schwarzwald. Bei bislang 61 Touren gingen 1210 Pilger mit. Die Tour von Thüngersheim nach Veitshöchheim ist angeregt vom Buch Frankenfreude, das Georg Magirius unter dem Lektorat von Melanie Zeuß im Würzburger Echter Verlag veröffentlicht hat. Resonanz findet die Reihe GangART zum Beispiel im Hessen Fernsehen, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder in der Leipziger Zeitung. Die nächsten Touren führen am 2. Juni nach Kemberg bei Wittenberg und am 22. Juni 2024 auf dem Philosophenweg zum Naturfreibad Heigenbrücken im Hochspessart. Die Gruppe bildet sich immer neu. Aktuelle Pilger-Termine sind immer hier.

Weitere Fotos der Tour “Entschlossen unverschlossen”