Franken

Der Wanderwegerfinder

Johann Bialdyga: Der Wanderwegerfinder aus Heigenbrücken - Foto: Georg Magirius

Was Johann Sebastian Bach für die Musik ist, ist Johann Bialdyga fürs Wandern. Nämlich eine Art Komponist, ein Wanderwegegerfinder. Bialdyga, Wegewart des Spessartbunds aus Heigenbrücken im Hochsprssart, hat dort den Panoramaweg angelegt, aber auch den Sieben-Grotten-Weg. Der Rundweg verbindet sieben Mariengrotten, ist 23 Kilometer lang ist und geht meist über Trampelpfade, über Moos, Wurzeln und Waldboden. Also bewusst nicht auf „Waldautobahnen“, wie der Wegewart geschotterte Wege nennt. „Die sind nicht angenehm“, meint Wanderwegerfinder Bialdyga im Bayerischen Rundfunk. Und zwar in der Sendung „Zu Fuß zur Weihnachtsfreude. Winterwanderungen durch Franken“ von Georg Magirius, die am 4. Dezember 2022 auf Bayern2 von 8.05 bis 8.30 Uhr zu hören ist. Als Podcast hier kostenfrei hören.

600 Wegmarkierungen

Bialdyga ist nicht nur Komponist, sondern – um im Bild des Musikalischen zu bleiben – auch so etwas wie der Dirigent seiner eigenen Komposition. Dabei geht es ihm ums Gleichmaß, eine möglichst fließende Interpretation des von ihm angelegten Werkes. Ihm ist also nicht nur die Existenz seiner Komposition wichtig, sondern dass sich bei der Aufführung möglichst nie das Gefühl einstellt, den Weg oder gar das Gefühl der Sicherheit zu verlieren. Mehr als 600 Mal findet sich daher leicht sichtbar als Markierung das weiße M in blauer Raute auf weißem Grund.

Unterschiedliche Markierungen an einem Platz

Einer guten Orientierung dient auch eine Neuerung, für die er sich entschieden eingesetzt hat: Dass sämtliche Zeichen unterschiedlicher Wanderwege zum Beispiel an Kreuzungen an einer Stelle gemeinsam zu sehen sind. Denn verstreute, an diversen Pfosten oder Bäumen angebrachte Markierungen verwirren leicht, weiß er. Weil es sofort zu der Frage führen kann, wenn man Markierungen sieht, aber die für den gewählten Weg nicht gleich entdeckt: Habe ich mein Zeichen verloren, bin ich falsch?  

Exakte Länge von Wanderetappen im Spessart - nach einer Idee aus den Karpaten von Johan Bialdyga

Karpatenkarte im Spessart

Und noch etwas hat Bialdyga im Spessart eingeführt, damit ein Wanderer sich gut unterwegs fühlen darf: Überblickskarten aus Metall, die die exakte Länge der umliegenden Etappen anzeigt. Solche Karten hat er bei Touren in den Karpaten schätzen gelernt. Die auf Metall angezeigten Etappen ist er mit einem exakt messenden Entfernungsmesser abgegangen. Die tatsächliche Länge eines Wegstücks unterscheidet sich nämlich manchmal frappierend von dem, was man beim Blick in eine Wanderkarte vermutet. Ein Weg im Spessart ist schließlich selten eben. Anstiege, Gefälle und Windungen beeinflussen die Länge. Der Vorteil solch einer Längenkarte: Man kann leicht wählen, welchen der möglichen Wege man zu seinem Ziel geht.

Blick fürs Machbare

Doch zurück zum Grottenweg, der 2004 eröffnet wurde. Die Idee dafür begann bei Bialdyga zu reifen, als er noch von seinem Wohnort Frankfurt aus in Heigenbrücken wiederholt Urlaub machte. Bei Wanderungen fielen ihm die vielen Standbilder zu Ehren der Gottesmutter auf. „Ich bin halt katholisch“, begründet er sein Werk lapidar, das er realisierte, als er nach Heigenbrücken gezogen war. Er hat außerdem Bänke am Weg postiert, eine Krippe, einen Erinnerungsort zur Wahl des Papstes gestaltet und sogar eine der sieben Grotten mit Rudolf Wenzel und Gerhard Hollfelder angelegt. Und zwar als Schutzhütte aus Holz, in der Maria als Herzogin von Franken und Patronia Bavaria gleichermaßen dargestellt ist. Dabei hat Bialdyga bei aller Frömmigkeit stets den Blick fürs Machbare im Auge. „Wenn ich die Hütte als Holzgrotte angemeldet hätte, weiß ich nicht, ob das genehmigt worden wäre.“ Das Phänomen einer Schutzhütte hingegen berge in der Logik der Genehmiger doch erheblich weniger Potenzial für Irritationen.

Wandernadel und Gebet

Aber abgesehen von der Frage, wann Spiritualität und das Genehmigungswesens miteinander harmonieren, einander irritieren oder zumindest zeitweise auf unterschiedlichen Planeten zu Hause sind: Die Wanderer scheinen sich in der Schutzhütte geschützt zu fühlen. Und beschützt. Ein Buch liegt aus, in dem Grottenweggeher Gedanken, Wünsche oder Gebete eintragen. Außerdem gibt es eine Wandernadel, für die kein Preis festgelegt ist. Nur wieviel gibt man dann?  

Johann Bialdyga: So viel kostet eine Wandernadel

Eine Münze nach eigenem Ermessen. Und was ist erstaunlich? Die Wandernadeln werden nicht einfach genommen und nichts ist drin.

Johan Bialdyga

Willkommene Störung

Die Kosten fürs Anschaffen der Nadeln kommen wie selbstverständlich wieder herein. Das freie Spiel von Geben und Nehmen hat womöglich mit dem zu tun, was ein aufmerksamer Geher und somit vielleicht sogar auch musisch begabt zu nennender Grottenweggänger insgesamt erfahren kann: Eine Spiritualität, die nicht den Geist der Anordnung folgt, sondern einfach nur mal wieder dem eigenen Atem und dem des Spessartwaldes lauschen will. Wie er großzügig und unkompliziert musiziert, weil endlich einmal niemand da ist, der sagt, wie das Atmen meditationstechnisch korrekt durchzuführen ist, damit es einen religiösen Mehrwert hat. Das stete Gehen, Schritt für Schritt, ergibt sich von selbst. Und könne nicht weniger sein als ein Gebet, findet Bialdyga. Wenn er in der Natur unterwegs sei, spüre er jedenfalls Freiheit. Und finde Ruhe, die allenfalls von Vögeln gestört werde, wobei das kaum als Störung zu verstehen ist. Denn: „Das ist dann eben die Natur.“

Johann Bialdyga: Gehen in der Natur

Das Gehen in der Natur ist für mich eine Art Wallfahrt. Und ob ich jetzt mit einer Prozession irgendwo gehe oder individuell: für mich ist das gleich.

Johann Bialdyga im Bayerischen Rundfunk, BR2, 4. Dezember 2022, 8.05-8.30 Uhr