Frankfurt

Grüne Soße ist das Markenzeichen des Kirchentags

Das Grüne-Soße-Denkmal ist Markenzeichen des Kirchentags. Es steht in Oberrad und zeigt die Sieben Kräuter der Soße. Jedem Kraut ist ein Kasten gewidmet.

Es geht um Begegnung. Nur anders als zuvor. Wie bei Kirchentagen üblich scheut auch der 3. Ökumenische Kirchentag vom 13. Bis 16. Mai 2021 in Frankfurt nicht die politische Kontroverse. „Schaut hin“ lautet sein Motto. Allerdings rückt das Glaubensfest auch in den Blick, was bei früheren Glaubensfesten kaum eigens hervorgehoben werden musste: die Begegnung mit anderen, sich selbst und Gott. Eine große Rolle spielt dabei das Frankfurter Nationalgericht. Denn die Grüne Soße ist das Markenzeichen des Kirchentags.

Skyline prägt das Programm

Spontanes Singen und Tanzen, Menschen mit Halstüchern in Straßenbahnen – all das wird fehlen. Aber dezentral, in vielen Gemeinden, sind reale Gottesdienste geplant. „Nicht nur in Frankfurt und der Umgebung, sondern weit darüber hinaus“, sagt Jan Lurweg von der Öffentlichkeitsarbeit des Ökumenischen Kirchentags. Außerdem wird ein Gottesdienst zum Auftakt als Live-Stream von einem hochgelegenen Parkdeck übertragen – mit Blick auf die Skyline. Und der Schlussgottesdienst an der Weseler Werft ist mit einer Live-Gemeinde geplant. Im Hintergrund wiederum die Skyline. “Keine andere Stadt in Deutschland hat so etwas“, sagt Lurweg. Frankfurt mit seinen Bankentürmen sei auch der Grund, dass „Finanzen und Wirtschaft viele Podien bestimmen werden“.

Begegnung an digitalen Stehtischen

Die Teilnahme an Podien, Gottesdiensten und Bibelarbeiten sei kein passives Schauen. Denn man habe neue Formen der Begegnung entwickelt, sagt Onlineredakteur Lurweg: „Zum Beispiel Kleingruppen, eine Art digitaler Stehtisch, an dem man mit anderen ins Gespräch kommen kann.“ Auch zehnminütige „Eins-zu-eins-Treffen“ gebe es, eine intensive Form des Austauschs. Wer auf wen treffe, sei nicht vorhersehbar. Worüber reden? Dafür gebe es keine Vorgagen. Die vorherige Live-Stream-Veranstaltung biete sich freilich als Thema an, falls beide diese verfolgt haben. „Solch ein Austausch traut sich nicht jeder zu“, vermutet Lurberg. Daher gebe es Begegnungen, bei denen die Schwelle niedriger liege: „An einer digitalen Pinnwand kann man zum Beispiel eine Textnachricht mit einem Foto hinterlassen.“

Immer wieder im Blick: Das Grüne-Soße-Denkmal

Wie wichtig Begegnungen sind, hat Lurweg erlebt, als er vor einem Jahr von Dortmund zur Vorbereitung des Kirchentags nach Frankfurt zog. „Und damit direkt ins Homeoffice.“ Seitdem sei er aber „viel mehr draußen“ als sonst, erkunde die Stadt zu Fuß oder mit dem Rad, besondere Orte wie den hochgelegenen Goetheturm im Stadtwald. Der Weg dorthin führt am Grüne-Soße-Denkmal vorbei. „Einer der Frankfurter Plätze, die als Foto beim digitalen Kirchentag immer wieder auftauchen werden.“

Denkmal des guten Geschmacks

Damit wird ein Frankfurter Ort zum Markenzeichen eines Kirchentags, den die meisten nicht direkt in Frankfurt erleben. Das Denkmal erinnert daran, dass die Welt noch um vieles größer ist als jede digital geführte Diskussion zur Bewältigung universaler Probleme. Wie groß? Exakt sieben Glaskästen. Und damit paradoxer Weise millionenfach kleiner als ein Netz, das unzählige Menschen an unzähligen Orten miteinander verbindet. Aber gerade diese lächerliche Reichweite des Denkmals macht seine Größe aus, ein Denkmal des guten Geschmacks. Die Grüne Soße ist eine regionale Kräuterkompositon, das Nationalgericht Frankfurts. Der Weg zu den Kästen in Oberrad führt an Gemüsebauern, Gärtnereien und Gewächshäusern vorbei. 1970 waren in Oberrad etwa 60 Betriebe tätig, heute noch ein gutes Dutzend. Trotzdem wird Oberrad noch immer Gärtnerdorf genannt, besteht doch fast die Hälfte der Fläche aus weitläufigen Feldern, auf denen Feldsalat wächst. Und die für die Grüne Soße notwendigen sieben Kräuter.

Kerbelkasten - Grüne-Soße-Denkmal Oberrad in Frankfurt am Main

Die Heiligen Sieben

Jeder Glaskasten des Denkmals ist einem der Kräuter gewidmet. Er nimmt den Grünton des Krauts auf, nachts sind die Kästen erleuchtet. Um auch Nicht-Kräuterfreaks einen Zugang zum Sinn des Denkmals zu ermöglichen, sind in die Sockel die Namen der Kräuter eingelassen: Borretsch, Kresse, Schnittlauch, Petersilie, Sauerampfer, Pimpinelle, Kerbel – das sind die Heiligen Sieben. Wer über die Grüne Soße philosophiert, befindet sich keineswegs auf einem Nebenpfad oder gar in der Sackgasse des Kirchentagsdiskurses. Sondern? In dessen Zentrum, nämlich beim Schwerpunkt „Schöpfung und Klimakrise“. Diesem Themenstrang widmen sich gleich mehere Podien, etwa das zur Verkehrswende und oder das zur ökologischen und sozialen Landwirtschaft.

Ein Kraut darf schon mal fehlen

Die Grüne Soße gehört nicht zu den Produkten, die an jedem Ort zu jeder Zeit zur Verfügung stehen will. Wie Aachener Printen oder Dresdner Christstollen steht sie unter dem Schutz der Europäischen Union. Sie besteht aus frischen Blättern, Blattstielen und Triebspitzen. Und wird per Hand gebunden. Nur bei saisonalen Engpässen darf zum Beispiel Petersilie auch mal eingeflogen werden. Ansonsten stammen die Kräuter aus Frankfurt oder der Nachbarschaft. Das vielleicht wichtigste zu nennende Kriterium für das Gelingen der Grünen Soße: Trotz der Vielzahl ihrer Kräuter lebt sie von einer Beschränkung. Ein Kraut darf schon mal fehlen. Entscheidend aber für den Schutz der emotionalen Ausgeglichenheit ihrer Esser: Niemals sollten Dill oder Zitronenmelisse hinein. Mit diesen Kräutern kann man sie in Kassel essen.

Ziel des Kirchentags

Auch wegen dieser Beschränkung passt die Grüne Soße zum Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt, der sich ebenfalls Schranken auferlegt. Er bietet Vielfalt, ist sich aber bewusst, dass nicht alles möglich ist. Außerdem korrespondiert das Kräuterdenkmal mit einem Kunstwerk, das während der ökumenischen Tage im Mai an der Hauptwache stehen wird: „Ein Tisch, der die Vielfalt der Religionen symbolisiert“, sagt Jan Lurweg. Der Tisch bestehe aus mehreren Teilen, im Ganzen sei er aber nur zu erfassen, wenn man mehrere Perspektiven einnehme. Anders gesagt: Dem Geheimnis des Lebens, Gottes, der Religionen oder der Grünen Soße kommen vermutlich am ehesten die auf die Spur, die nicht alles jetzt sofort haben, erfahren, leben und wissen wollen. Oder noch anders gesagt: Vom Kirchentag im Mai werden selbst die nicht exkommuniziert, die dann kein einziges Mal die Möglichkeit haben, die Frankfurter Grüne Soße zu genießen. Sondern erst später. Die Hauptsache, es wird in Frankfurt sein.

Mehr Grüne Soße gibt’s im Stillen Frankfurt

Huhn vor Frankfurter Skyline

Diese Vorschau auf den Ökumenischen Kirchentag ist angeregt von Georg Magirius’ Buch “Stilles Frankfurt – 13 Orte zum Staunen und Verweilen”. Er hat es im Echter Verlag veröffentlicht. Das Buch hat 85 Seiten und 73 Fotos. Es kostet 9 Euro 90 und die ISBN-Nummer lautet 978-3-429-05514-1. Thomas Häußner hat es lektoriert. Weitere Informationen, eine Leseprobe und Möglichkeiten zum Bestellen des Buches sind hier. Die Fotos von (c) Georg Magirius entstammen dem angezeigten Buch.