Nur wer sie nicht begehrt …

Stille findet sich unerwartet, also nicht in Kirchen, Domen, Gottesdiensten oder auf Reisen zu asiatischen Klöstern. Wenigstens nicht nur! Denn es handelt sich dabei um ein „Phänomen, das alle Bewohner unserer lauten Welt betrifft“ – und überall dort könne sie sich ereignen. Das schreibt Ralf Julke, Redaktionsleiter der Leipziger Zeitung und Chefredakteur der Leipziger Internet Zeitung in seinem Beitrag „Warum es mit dem Geschenk der Stille genauso ist wie mit der Liebe“ vom 17. Juli 2019. Und verweist dabei auf das gerade von Georg Magirius herausgegebene Buch „Stille erfahren“.

Das Staunen

“Es ist so ein Ding, über das wir fast nie nachdenken”, schreibt Julke. “Nur manchmal, zum Beispiel an einem frühen Sonntagmorgen, wenn man auf einmal erstaunt feststellt, wie still eine Stadt wie Leipzig sein kann, wenn die üblichen Motorbenutzer alle noch schlafen. Kein Laubbläser, kein Rasentrimmer. Und das erste Auto hört man schon kilometerweit, auch wenn es sich anhört, als rase es gleich an einem vorbei. Lärmmachen hat in unserer Welt auch viel mit der rasenden Angst vor Stille zu tun.“

Geschäftiges Relaxen

Deswegen, überlegt Julke, mündet die Sehnsucht nach Stille oft ins Gegenteil, was dann komische Züge haben kann. Doch immer wieder neu treibt dieses selbstverständliche, dann aber doch auch wieder seltsam fremde Phänomen an. „Auch all jene, die in Scharen losziehen, um auch noch die letzten ruhigen Orte mit ihrem Lärm zu erfüllen, obwohl sie meinen, die Ruhe zu suchen oder gar ‚die Seele baumeln zu lassen‘. Selbst das Relaxen wird zu einem Akt der Selbstperfektionierung, zu komplett durchgeplanten Programmen, in denen für eines auf keinen Fall Zeit übrig bleibt: den Moment, in dem man einfach mal aufhört, geschäftig zu sein.“

Jenseits der gewohnten Kontexte

Die Still ist laut Julke nicht in bekannte kirchliche oder sonstige religiöse Kontexte einzuordnen, wo sich eine Vielzahl an Kursen, Modulen und spirituellen Angeboten finde. Und die Stille beginnt auch nicht einfach dann, wenn der Lärm verstummt. Was schon eine Unzahl an Heiligen und Eremitinnen erlebten: Die Krämpfe und Kämpfe begannen erst so richtig dann, wenn sie der lauten Welt entflohen waren. „Das erfahren auch die heutigen Suchenden, wenn sie aufbrechen und hoffen, in Wald oder Bergeinsamkeit endlich die Stille zu finden, die es in ihrem Leben nicht mehr gibt. Und dann merken sie entsetzt, dass der Lärm in ihrem eigenen Kopf sitzt, dass sie dort permanent im Gespräch sind und jetzt erst recht all das auftaucht, was sich im verlärmten Alltag kein Gehör verschaffen konnte.

Früh um zwei

Was in der Einsamkeit zu rumoren beginnt, sind selten beruhigende Fragen, Einsichten und Sorgen. “Mancher kennt das auch aus Nächten, in denen er hochschreckt, nicht wissend, was ihn aus dem Schlaf gerissen hat. War es die unglaubliche Stille, die es auch in Großstädten manchmal gibt früh um Zwei? Und dann? Dann melden sie sich meistens alle gleichzeitig zu Wort, all die Sorgen, vor denen man eigentlich ein paar Stunden vorher glücklich in den Schlaf geflohen war. Wenn man’s denn überhaupt geschafft hat.“

Frei von Plänen

Aber das gerade könne erleichtern: Das man die Stille nicht schaffen kann. „Sie ist kein künstlicher Zustand, sondern einer, der uns geschieht, wenn wir es schaffen loszulassen, uns ganz auf den Moment einzulassen, und dann spüren, dass wir jetzt in diesem Augenblick genau am richtigen Ort sind. Es ist ein Gefühl der Befreiung und der Ent-Spannung. Vielleicht gerade auf Reisen leichter zu finden als im durchgetakteten Alltag, verbunden mit dem Gefühl, dass wir jetzt gar nichts machen müssen, dass wir keinem Plan gehorchen müssen und uns nicht einmal bewegen müssen, um uns aufgehoben zu fühlen in einem ganzen Moment.“

Nur wer sie nicht begehrt

Am Ende verhalte es sich mit der Stille wie mit der Liebe, schreibt Julke. „Beides findet man nur, wenn man es nicht sucht. Und geschenkt bekommt man es nur, wenn man es nicht begehrt. Wenn man loslässt und aufhört, sich selbst für einzig und wichtig zu nehmen. Das ist paradox. So paradox, wie unser Leben wirklich ist. Denn wirklich Stille erfährt man erst, wenn man aufhört zu hadern, wenn man bereit ist, den Moment und damit auch sich selbst ganz so anzunehmen, wie sie sind. Etwas, wovon unsere Gesellschaft weit, weit entfernt ist. Deswegen suchen so viele nach Liebe und Stille. Und finden beides nicht.“

Heillos befreit

Der geeignetste Weg zur Stille ist womöglich, sich ihrer nicht vergewissern zu wollen. Deswegen kann sie sich nicht nur an besonderen, an heiligen oder als heilsam geltenden Kraftorten ereignen, sondern auch zu Hause, im Garten oder im Zug. Oder „auf der Bank im Park, auf der man sich eines Tages wundert, wie man da gelandet ist, ganz in Gedanken, eben noch auf dem Weg irgendwohin, und auf einmal heillos befreit, weil man in aller Fülle merkt, dass man gar nicht eilen muss. Dass alles ist, wie es ist. Und nichts sein muss. Weil wir in diesem Moment versöhnt sind mit uns selbst.”

Ralf Julkes vollständige Besprechung des Buches “Stille erfahren” in der Leipziger Internet-Zeitung lesen >> hier.

Georg Magirius (Hg.), Stille erfahren, mit Beirägen von Amet Bick, Manuela Fuelle, Uwe Kolbe, Georg Magirius, Ann-Kristin Rink, Bernardin Schellenberger, Arnold Stadler, 128 Seiten, gebunden, Lektorat: Dr. Esther Schulz und Jochen Fähndrich, ISBN: 978-3-451-34996-6, Herder Verlag 2019.

About Buero Magirius

Über spirituelle Spaziergänge und andere Tritte des Schriftstellers Georg Magirius.
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