Spirituelle Wanderungen

Unerreichbar und abgeschieden

Georg Magirius im Vordergrund und Pilger und Wanderinnen im Hintergrund. Tour der Reihe GangART im Odenwald, in dem man unerreichbar und abgeschieden sein kann. Foto von Petra Mathein

Wir schreiben den 29. April des Jahres 2017. Ungeheuerliches geschieht in Bad König, einem Kurort, der im Odenwald liegt. In einem Mittelgebirge, das die Unverfrorenheit besitzt, von keiner einzigen Autobahn durchschnitten zu werden. Vielleicht auch deshalb wirkt der Samstagvormittag in dem Kurort nicht auf schreiende Weise geschäftig. Aber nun, um exakt 10.41 Uhr geschieht etwas noch viel Unverfroreneres: 20 Wanderer und Pilgerinnen sagen in diesem Augenblick selbst noch dieser fast gelassenen Betriebsamkeit Adieu. Unter Leitung des Frankfurter Theologen und Schriftstellers Georg Magirius kappen die Tagespilger auf der Tour der Reihe GangART sämtliche Leitungen. Sie werden unerreichbar und abgeschieden durch die Landschaft gehen.

Stilleweg - unerreichbar und abgeschieden

Abseits der Aufgeregtheit

Denn was nun beginnt, ist „Das Ende der Erreichbarkeit“. So lautet das Thema der Tour. Die Pilger begeben sich auf einen Weg, den viele Zeitgenossen für ein Abenteuer halten, das nach menschlichem Maßstab nicht zu überstehen sei. Und selbst wer aus diesem Abenteuer ins gewöhnliche Leben zurückkehre, werde schwer gezeichnet sein, heißt es. Denn die Frage ist, ob man sich nach solch einer Erfahrung jemals wieder frei von Komplikationen in die sogenannte “Community der Aufgeregtheit” eingliedern will.

Unerreichbar und abgeschieden: Alle Nervosität bleibt im Tal

Rast mit Aussicht Eiche Momart

Schon haben sich die Abenteurer der Asphaltgrenze von Bad König angenähert. Und nicht nur das, sie gehen einfach über sie hinweg! So wandern sie dem Anspruch davon, am besten immerzu erreichbar zu sein. Das Ideal, sekundenschnell zur Stelle zu sein, haben sie gleich für mehrere Stunden ausgehebelt. Und alle Nervosität bleibt zurück im Tal.

Das Gewichtige fällt ab

Es geht den Berg hinauf, hinein in die Landschaft der Abgeschiedenheit. Und was geschieht? Der Weg aus der Unabkömmlichkeit heraus ist trotz aller Steigungen leicht und heiter. Denn die sich öffnende Weite ruft, piept und klingelt nicht. Stattdessen gibt sie jenen, die sich von ihr betören lassen wollen, die Gewissheit, nun endlich einmal nicht mehr wichtig sein zu müssen. Das also ist das Wichtige dieses Augenblicks: alles Gewichtige fällt ab.

Ausblick Eiche Momart

Wellengang

Da sind die Pilger vom Galgenberg hinabgewandert und schauen an der Eiche Momart in die Wellenkämme einer fernen Hügellandschaft. Die Wellen geben selbst bei eingehendster Betrachtung nicht den geringsten Anlass zu der Vermutung, sich jemals von irgendetwas oder irgendjemandem aufwühlen zu lassen. Von solcher Art sind also die Nachrichten, die die vom geschäftigen Weg Abgekommen nunmehr erreichen.

Frei von Getöse

Leicht und heiter bergan

Diese Nachrichten stammen aus keinem Gerät, von keinem Menschen. Stattdessen ist da der Gesang der Vögel. Oder auch das helle Grün eines endlos wirkenden Heidelbeerstrauchmeers im Wald bei Weiten-Gesäß. Auch dieses Meer benötigt übrigens kein Getöse, um wahrgenommen zu werden. Es drängt sich nicht auf, öffnet sich freilich jedem, der den Mut hat, seine Schritte endlich einmal wieder im eigenen Rhythmus zu setzen: leicht und heiter, unerreichbar und abgeschieden.

Die Reihe GangART

Georg Magirius begründete GangART 2009. Es ist eine fortlaufende Reihe Spiritueller Tageswanderungen durch Steigerwald, Fränkisches Weinland und Rhön. Aber auch durch Spessart,Haßberge und Odenwald. Bei 45 Touren nahmen fast 1000 Wanderer teil. Informationen zu aktuellen Terminen sind hier. Die Fotos stammen von Georg Magirius, Heike Herwig, Petra Mathein.