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Freier Seelenklang

Der Kulturjournalist Heinrich Koch hat in der Webgazette Xanthias Bettina Linck porträtiert. Mit freundlichen Dank an Xanthias übernimmt Heilspraxis Aktuell den Beitrag “Freier Seelenklang”.

Ein Porträt über die Harfenistin Bettina Linck. Ein freier Seelenklang sei der Grund ihres Spiels, urteilt der Autor Heinrich Koch.
Bettina Linck – Foto: Friederike Schaab

Was man klassischerweise vom Instrument der Harfe erwartet, wird auch an Bettina Lincks Spiel hervorgehoben, nämlich das Angenehme und Verträumte: Von „über­irdischen Klängen“ spricht das Main Echo. Ähnlich das Darmstädter Echo: „Ihr zuzuhören, heißt die Erdenschwere zu verlassen.“ Das Zarte hervorzuheben, wäre aber eine Reduktion: Bettina Linck kann aus ihrem Instrument zwar wispernde, aber auch schräge und überbordende Klänge locken. Es ist nicht anderes als ein freier Seelenklang. Das Instrument will rufen, manchmal wirkt es wie ein Schreien. Es singt mit so großem Atem, dass man sofort bemerkt: Ihr Spiel ist nichts Verträum­tes, keine Flucht vor einer unangenehmen Realität in liebliche Konzertgefilde.

Nicht nur nett und schön

Selbst das Schwebende ist von einer Intensität getragen, die ahnen lässt: Ihr Spiel verweist auf auf eine Kraft, die letztlich nicht benennbar ist, sich jedoch als Klang entfaltet. Bettina Linck berührt diese Kraft, geht in sie hinein, bahnt anderen einen Weg zu ihr, legt die Dynamik frei. Das ist nicht nur nett und schön, sondern kann verstören. Es wühlt auf, kann gut versteckte und vermeintlich weggesteckte Enttäuschungen freilegen, um dann allerdings in eine Ruhe zu weisen, die grundlegend ist. Und Sekunden später? Da hat womöglich schon wieder das Ge­räu­schemachen die Arena des Alltags erobert – und das Unerschütterliche hat sich davongestohlen. Denn die Geste des Auftrumpfens ist dieser geheimnisvollen Stille ihres Spieles fremd.

Freier Seelenklang: Berührend und anrührend

Die Rhein-Neckar-Zeitung hat das das einmal so beschrieben: „Sehnsucht, verlangen, Leidenschaft, alles legt Bettina Linck in ihr traumhaftes Harfenspiel, mit dem sie die Zuhörer bis in die Tiefen der Seele berührt.“ Wer sie hört, wird das bestätigen kön­nen, falls er ein Wort wie Seele noch nicht aus seinem Sprachwortschatz gestrichen hat. Der Hörer jedenfalls fühlt sich angerührt, aufgeweckt und aufgehoben, er kann die Ahnung bekommen: Der Mensch ist verletzlich, im Grunde jedoch heiter und schön – auch oder gerade dann, wenn er im Leben schon einmal gestolpert ist.

Fröhlich, exzentrisch, intim

Bettina Linck hat an der Würzburger Musikhochschule bei Prof. Gisèle Herbet aus Paris Konzertharfe stu­diert und mit Auszeichnung abgeschlossen. Sie hat bei den Nürnberger Symphonikern, der Neuen Philharmonie Frankfurt und in der Staatskapelle Weimar gespielt. Sie tritt mit Ensembles wie dem Trio Saphiro auf. Hörfunksender wie Deutschlandradio Kultur oder der Mitteldeutsche Rundfunk haben ihren Klang weitergegeben. Doch ihr erzählendes Musizieren findet stets ins Solospiel zurück: So war sie bei der Würzburger Residenznacht oder den Seligenstädter Klosterkonzerten zu hören.

Immer ist sie es, die beginnt

Der Konzertbesucher staunt: Immer ist sie es, die beginnt. Sie wartet also nicht erst ab, bis das Publikum sich bequemt ihr zuzu­hören. Sie benötigt keine äuere Ruhe, sondern weist vielmehr denen, die es nötig haben, einen Weg in eine tiefe Konzentration hinein. Freilich ist ihr Spiel nicht vordergründig meditativ, sondern wirkt oft wie ein exzentrischer Tanz, ist eine ungeheuerliche Entfesselung, die sich abrupt in einen intimen Dialog zwischen Instrument und Instrumentalistin verwandeln  kann. Es ist ein Paradox: Aus der Schwere der Konzertharfe erweckt sie eine ungeahnte Schwerelosigkeit.

Wer spielt, lässt sich nicht archivieren

Bettina Linck spielt: Freier Seelenklang. Foto von Gabriele Lermann
Bettina Linck – Foto: Gabriele Lermann

Angesichts des Beifalls, den die in der Nähe von Aschaffenburg Aufgewach­­sene für ihr Solospiel einheimst, fällt auf: Es gibt keine Aufnahme von ihr, allenfalls im Internet verstreut sind Mitschnitte ihres Spiels zu finden. Sie geben allerdings nur einen ungefähren Eindruck davon, wie sie ein Publikum in Bann zu ziehen vermag. „Eine CD nehme ich auf, wenn ich wirklich gut bin“, sagt die 25-Jährige. Das klingt nach Under­state­ment. In diesen Worten fin­det sich aber auch der Wunsch nach Perfektion. Also wird sie weitergehen, inspiriert  von   der   Sehn­sucht nach Voll­kommen­heit. Diese allerdings wirkt nicht kalt, sondern ist womöglich nichts anderes als ein Sich-Verneigen vor dem Seelenklang ihres Instruments. Der lässt sich ohnehin nicht archivieren, sondern kommt frei und befreit – im Augenblick.  – Einige Aufnahmen von Bettina Linck lassen sich auf ihrer Website hören.  Foto oben: Friederike Schaab, Foto unten: Gabriele Lermann.