Religion und Poesie

Literaturunterricht als Kür

Buchcover des Buches "Spur der Stimmen" von Johannes Bobrowski und Christian Fabritz - das stellt den Literaturunterricht als Kür vor

Deutschlehrer bedauern es manchmal. Aber was denn? Dass die moderne Literatur in der Schule infolge zentral gestellter Abiturprüfungen auf eine kleine Schar von Büchern zu schrumpfen droht. Einfalt also statt Vielfalt – wie da etwa wäre: die ewige “Kassandra” von Christa Wolf. Dass es anders geht, belegt der Band “Spur der Stimmen”, der den Literaturunterricht als Kür versteht. Denn der Band widmet sich dem im Unterricht eher stiefmütterlich behandelten Johannes Bobrowski (1917-1965). Trotzdem handelt es sich bei ihm um eine bedeutende, vielfach ausgzeichnete Stimme. Im Zentrum seines Schaffens stand, das Verschwiegene zur Sprache zu bringen. Erinnern ist also laut “Spur der Stimmen” kein Keulenschlag, sondern trägt den Charakter von Aufrichtigkeit und Freiheit in sich. Der Band bietet eine sorgfältige Auswahl an Lyrik, Kurzprosa und Romanauszügen. Aber auch Material zu Leben, Werk und Wirkung des Dichters, außerdem viele Abbildungen. Und gezielt formulierte Arbeitsaufträge.

Auch Christa Wolf hätte sich gefreut

Christian Fabritz - der Pädagoge zeigt, dass Literaturunterricht als Kür verstanden werden kann

Der von Maria Behre, Andreas Degen und Christian Fabritz bearbeitete Band verkürzt die Unterrichts-Vorbereitungen extrem. Dennoch geht deshalb die Tiefenschärfe nicht verloren. Das zeigt sich beispielhaft an dem religiösen Untergrund im Werk Bobrowskis, den herauszuarbeiten ein Verdienst von Christian Fabritz sein dürfte. Der Germanist und Theologe unterrichtet in Bielefeld am Gymnasium Deutsch, aber auch biblisches Hebräisch. Der Band ist bei aller Intensität leichtgewichtig und handlich. Und allein schon wegen seines Preises (5,90 Euro!) für Bobrowski-Neugierige auch jenseits des Unterrichts geeignet. Ein Band, der zeigt: Literatur in der Schule hat eben nicht nur etwas mit Pflicht zu tun. Sie kann Kür-Charakter haben. Wogegen auch die ewige Pflichtautorin Christa Wolf nichts einzuwenden gehabt hätte, schrieb sie 1989 doch: “Bobrowski verführte mich nicht zur Nachahmung, sondern dazu meinen eigenen Ton zu finden.”

Literaturunterricht als Kür: Die Daten zum Buch “Spur der Stimmen”

Johannes Bobrowski, Spur der Stimmen, Ausgewählte Texte aus dem Werk, bearbeitet von Maria Behre, Andreas Degen, Christian Fabritz, Schrodel Verlag, 208 Seiten, 5,90 Euro, ISBN: 978-3-507-47432-1. Die Entstehung des Bandes hat unter andere die Johannes-Bobrowki-Gesellschaft unterstützt.