Shoppen und Beten

„Das Shopping spielt um die Kirche herum die entscheidende Rolle“, sagt Werner Schneider-Quindeau, Stadtkirchenpfarrer an der Katharinenkirche in Frankfurt am Main im Deutschlandradio Kultur vom 28. Dezember 2014 (>>> lesen >>> hören) Die Kirche liegt am Eingang der Zeil, einer der umsatzstärksten Einkaufsmeilen in Deutschland.  „Die Besucher sind wegen des Konsums da, aber sie unterbrechenStadtkirchenpfarrer an St. Katharinen - Pfarrer Werner Schneider-Quindeau den Konsum, wenn sie in die Kirche gehen.“ Sie hoffen auf eine Atempause, eine Unterbrechung, sagt der 65-Jährige, für den das Gegensatzpaar Ruhe und Unruhe eine Leitlinie seiner Arbeit darstellt.

Gregorianisch gegen den Lärm

An der Eingangstür der Kirche fahren fast unablässig Autos, Lieferwagen, Mopeds vorbei. In der Kirche wird während einer Woche der Stille schon mal die Lautlosigkeit in Szene gesetzt, indem “Still bewegte Bilder” gezeigt werden, eine Videoinstallation. Dazu wird ein Gottesdienst gegen das stete Ansteigen des Fluglärms gefeiert. Als Schneider-Quindeau 2008 Stadtkirchenpfarerr wurde, war seine erste Tat, das “Gebet für Frankfurt” ins Leben zu rufen. Es basiert auf dem gregorianischen Psalmodieren. “Das ist eine meditative Haltung, die durch das Ausatmen und das Einatmen bestimmt wird”, sagt Helmut Müller, Kantor des Gebets. “Die Pausen entstehen nicht zwanghaft, sondern aus einem steten Fluss, in dem das Meditieren des Textes geschieht, das in eine vollkommene Ruhe führt und auf tiefe Weise eingängig sein kann. ”

Kultur der Gastfreundschaft

Dieser Klang verletzt die Ruhe nicht, sondern zieht seine Kraft aus ihr – und kann sich auch in eine fromme Unruhe verwandeln. Das ist die Idee Schneider-Quindeaus, der das alte Psalmodieren mit gesellschaftlichen Anliegen verknüpft, etwa der Eröffnung einer Ausstellung über fairen Handel. Überhaupt seien in der Kirche all jene willkommen, die nicht immer fair behandelt werden. Zum monatlichen Brunch für Bedürftige nach dem Sonntagsgottesdienst kommen 250 bis 300 Leute in die Kirche. Den Glauben nicht im Privaten lassen, das ist bei Werner Schneider-Quindeau biographisch begründet. Er ist in Gönnern aufgewachsen, im hessischen Hinterland, erlebte dort den Glauben häufig als “evangelikal, verlogen, exklusiv”. Ihn allerdindgs hätten politische Pfarrer geprägt, in den Familien mütterlicher- und väterlicherseits habe Distanz zu den Nazis geherrscht. Vater und Großvater waren Sozialdemokraten, der Großvater hat die SPD, als sie noch nicht flächendeckend organisiert war, in seinem Bezirk gegründet.

Ende der Erstarrung

Im Philosophie- und Theologiestudium kommt das Interesse für Literatur, Theater, Oper, Kino hinzu. Denn die kirchlich gebräuchlichen Formeln seien vielleicht richtig, könnten viele aber nicht bewegen, erlebt er. Seit 27 Jahren ist er Vorsitzender der Jury der evangelischen Filmarbeit, die regelmäßig den Film des Monats bestimmt. „Moving pictures! Das ist der Punkt: Du wirst durch eine Geschichte bewegt, nicht allein auf der Ebene des Intellekts, sondern alles darf sein, da sind Freude, Lachen, Tränen. Das Kino geht ins Auge – im wahrsten Sinne des Wortes.“ Um Doppelbedeutungen wie diese drehe sich seine Arbeit. Er will nicht einengen, sondern Mehrdeutigkeiten und Widersprüche zulassen.

Der Trost der Trostlosen

So suchten viele in der Katharinenkirche Ruhe, stoßen dabei aber auch auf ihre Lebensfragen, die sie nicht in Ruhe lassen. Dann kommt er nicht mit lösungsorientierten Plattheiten. Sondern was im Leben ins Auge gegangen ist, soll das Recht haben weh zu tun. Woher aber kommt sein Mut, Fragen zuzulassen, auf die es manchmal keine Antwort geben kann? Am meisten habe die Arbeit des 65-Jährigen, der Ende 2014 in Ruhestand geht, ein weit weit zurückliegendes Ereignis bestimmt: der Tod seines ersten Kindes, das kurz nach der Geburt starb. „Durch diese tiefe Erfahrungen hindurch hat das, was ich frohe Botschaft nenne, noch einmal ganz anders und neu zu sprechen begonnen. Das Evangelium ist gerade für die Trostlosen gemeint, also für die, die nicht gleich Trost parat haben. Sie ist für die Hoffnungslosen, für die, die in ihrer Absurdität stecken. Und sie ist für die Gottlosen, die meinen: Brauche ich alles nicht! Das deutlich zu machen, wäre unsere Aufgabe.“

Fromme Unruhe: Ein Porträt über Werner Schneider-Quindeau von Georg Magirius in Deutchlandradio Kultur, 28. Dezember 2014, Religionen, Ton: Steffen Zeise. Redaktion: Philipp Gessler, Ralf Bei der Kellen - >>> >>> lesen >>> hören.

About Buero Magirius

Über spirituelle Spaziergänge und andere Tritte des Schriftstellers Georg Magirius.
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