Neues Leben
Was uns Zukunft gibt

Manchmal muss man sich dem vermeintlich Fernen widmen, um dem Eigenen auf die Spur zu kommen. Darauf macht die Poltikwissenschaftlerin und Slawistin Juliane Niklas aufmerksam. Mit ihrer jüngst im Berliner Metropol Verlag veröffentlichen Studie „Musealisierung des zweiten Weltkriegs in Kyïv und Minsk“ begibt sie sich in Gefilde, die manche womöglich für abseitig halten. Allerdings landet sie gerade so auf erstaunliche Weise in der Gegenwart und bei dem, was Zukunft gibt.
Skepsis
Aber wie soll es denn um Zukunft gehen, wenn ein Krieg im Zentrum eines Buches steht, der seit mehr als 80 Jahren abgeschlossen ist? So mögen skeptische Stimmen einwenden. Dazu geht es auch noch um die Reflexion musealer Darstellungen, das kann zu weiteren Vorbehalten führen. Schließlich gelten Museen nicht wenigen als etwas Zusätzliches, als Luxus, etwas bloß Ornamentales: eine Option zur Gestaltung von Freizeit. Also kaum der Rede wert, sagen jene, die sich als aktivitätsstrotzend inszenieren. Als Menschen der Tat, die tiefe Furchen durch die Gegenwart in Richtung Zukunft pflügen. Und dann handelt die Studie der deutschen Wissenschaftlerin auch noch von der Musealisierung in Belarus und der Ukraine, was Argwöhnischen sicher gehen macht: das hat nicht den geringsten Erkenntnisgewinn für die eigene nationale oder persönliche Identität.
Keim des Zukünftigen
Die Wissenschaftlerin, die mit ihrer Forschungsarbeit in Neuer Geschichte promoviert wurde, widerlegt solches Anfragen nüchtern und mit einer fast schon ins Beiläufige gehenden Unaufgeregtheit. Einfach dadurch, dass sie darauf hinweist: Realität ist vielschichtig, ein Geflecht. So lasse sich Altes, Neues, Aktuelles, Zukünftiges, Eigenes und Fremdes kaum wie ein aus mehreren Fäden bestehendes Wollknäul auflösen, um dann ordnungsfroh Faden für Faden in schönem Abstand voneinander zu platzieren. Stattdessen trage Vergangenes “bereits den Keim das Zukünftigen in sich und verschwindet nicht vollständig, sondern bleibt mit seinen Nachwirkungen im Gegenwärtigen ebenso wie im Zukünftigen weiterhin präsent.“
Abbild
Das bestätigt sich dadurch, dass Museen in der Ukraine und in Belarus unterschiedlich auf den zweiten Weltkrieg schauen lassen. Die aktuelle politische Situation beeinflusst Altes, dessen museale Darstellung. Also könne es im Umgang mit Vergangenem auch nicht so etwas wie Wahrheit im Sinn einer objektiven Historiografie geben. In Anlehnung an Anja Wohlfromm stellt die Autorin fest: Ein Muesum ist immer Abbild des Selbstverständnisses einer Gesellschaft, in der es existiert.
Nicht zu sportlich
Trotz der unterschiedlichen Kriegsdarstellungen in beiden Ländern gibt es auch Gemeinsamkeiten: Einiges bleibt ungesagt, taucht nicht auf. Etwa dass es im Krieg bewaffnete Frauen gegeben hat. Auch die Shoa wird nahezu ausgespart. Das Erinnern der Shoa ist wiederum in Deutschland ausgeprägt. Die Autorin warnt davor, deshalb in einen zuweilen fast schon irritierend sportlich wirkenden Wettbwerb einzutreten – nach dem Motto: Unser deutsches Erinnern dieses beispiellosen Verbrechens an der Menschheit sei vorbildlich, in anderen Ländern defizitär und müsse dort deshalb mal gefälligst in die Gänge kommen. Denn gleichzeitig „bleibt jedoch die museale Aufarbeitung deutscher Verbrechen in der Sowjetunion – der ‘Holocaust by Bullets’ etwa oder die Blockade von Leningrad mit ihrer Aushungerungspolitik – in Deutschland als Land der Täter selbst randständig“, konstatiert die Wissenschaftlerin, die aktuell in dem im Institut für Zeitgeschichte angesiedelten Zentrum für Holocaust-Studien in München tätig ist. Und zwar im Projekt H-Diaries, das sich dem Erforschen von Tagebüchern jüdischer Opfer der Shoah widmet.
Abseits des Kreislaufs
Was methodisch durchgehend auffällt: Die Arbeit geht souverän, beinahe elegant mit den Erfordernissen historisch-kritischer Präzision um. Gerade wegen einer kaum genug hervorzuhebenden Aufmerksamkeit für Details tritt verblüffend grundlegend zutage, worauf es ankommt, wenn es um ein förderliches Zusammenleben in Gegenwart und Zukunft geht. Dass es nicht weiterhilft, wenn man Kriegsschrecken und Verstrickungen aus der Vergangenheit – mitunter auffallend unablässig – als erledigt abtut. Allein durch dieses unaufhörliche Abtun wirken diese umgekehrt umso präsenter, ohne dass das eine Erweiterung oder Verschiebung des Blicks auf sie ermöglicht. Anregender können Museen sein, die auf ganz eigene Weise vor Augen stellen, wie Vergangenes in die Gegenwart hineinreicht. Dort gezeigte Dinge lassen nämlich laut Niklas aufgrund ihres paradoxen Charkaters aufmerken. Sie sind einerseits aus dem ökonomischen Kreislauf herausgenommen, andererseits werden sie als „besonders geschätzt und als wertvolle Gegenstände betrachtet.”
Schrecklich polierte Schönheit
Museen heilen keine Kriegsschrecken. Auch lassen diese sich durch Ausstellungen nicht abarbeiten. Sie werden vielleicht noch nicht mal erträglicher, weil es sich als verharmlosend bis hilflos entpuppen kann, wenn man hofft, vergangenes Grauen harmonisierend in Gegenwart und Zukunft auszudünnen. Aber womöglich erlauben Museen eine Form oder Ahnung von Linderung? Gerade dadurch, dass das Grauen des Krieges infolge einer in Museen gar nicht zu umgehenden „Ästhetisierung von Gewalt“ nicht geleugnet wird. Darin kann sogar ein Moment des Aufatmens liegen, weil man freimütig darauf reagiert, dass Vergangenes nicht abgeschlossen oder abgerundet werden kann. Kriegsmuseen seien vielmehr Orte eines „schrecklichen Fests“, an denen sich Kultur und Barbarei untrennbar verbinden. Denn die schreckliche Schönheit der polierten Muesumsdinge offenbare ein Fest, “das dem Tod gewidmet ist.“
Was wachsen will
Die Studie von Juliane Niklas kann auf den Gedanken bringen, ob ein musealer Blick auf den Krieg auch für den Umgang mit Leid insgesamt inspirieren kann. Dann müsste man sich nicht mehr darum bemühen, erlittenen Schrecken zu überwinden, aufzulösen oder handhabbar zu machen, wie es oft gefordert wird. Die Erfahrung von Tod und Schmerz erhielte stattdessen einen gleichsam musealen Blick. Dieser akzeptierte engagiert die Macht des Vergangenen. Zugleich erlaubte er durch den Abstand des Zeigens und Darstellens doch auch einen Moment gnädiger Distanz. Solch ein Umgang wäre dann kein Übergehen, sondern ein kreatives Anerkennen des Alten. Und lenkte den Blick auf das, was wachsen will. „Denn das Laub der Vergangenheit ist gefallen, aber es ist nicht verschwunden – es bedeckt in seiner Verwesung den Boden, auf dem die Zukunft wächst.“

Das Buch
Juliane Niklas, Musealisierung des Zweiten Weltkriegs in Kyïv und Minsk. Sowjetisches Erbe und nationale Identität, 431 Seiten, Metropol Verlag, Berlin 2025