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Was Zukunft bringt

Was Zukunft bringt  -Foto (c) Georg Magirius

Manchmal muss man sich dem vermeintlich Fernen widmen, um dem Eigenen auf die Spur zu kommen. Darauf macht die Poltikwissenschaftlerin, Slawistin und promovierte Historikerin vom Münchner Institut für Zeitgeschichte aufmerksam. Mit ihrer kürzlich im Berliner Metropol Verlag veröffentlichen Studie „Musealisierung des zweiten Weltkriegs in Kyïv und Minsk“ begibt sie sich in Gefilde, die manche womöglich für abseitig halten. Allerdings landet sie gerade so auf erstaunliche Weise in der Gegenwart und bei dem, was Zukunft bringt.

Skepsis

Aber wie soll es denn um Zukunft gehen, wenn ein Krieg im Zentrum eines Buches steht, der seit mehr als 80 Jahren abgeschlossen ist? So mögen skeptische Stimmen einwenden. Dazu geht es auch noch um die Reflexion musealer Darstellungen, das kann zu weiteren Vorbehalten führen. Schließlich gelten Museen nicht wenigen als etwas Zusätzliches, als Luxus, nur Ornamentales: eine Option zum eher passiv wirkenden Verbringen von Freizeit. Also kaum der Rede wert, sagen jene, die sich als aktivitätsstrotzend inszenieren. Als Menschen der Tat, die tiefe Furchen durch die Gegenwart in Richtung Zukunft pflügen. Und dann handelt die Studie der deutschen Wissenschaftlerin auch noch von der Musealisierung in Belarus und der Ukraine, was Misstrauische sicher macht: das hat nicht den geringsten Erkenntnisgewinn für die eigene nationale oder persönliche Identität.

Keim des Zukünftigen

Die Wissenschaftlerin, die mit ihrer Forschungsarbeit in Neuer Geschichte promoviert wurde, widerlegt solches Anfragen nüchtern und unaufgeregt. Einfach dadurch, dass sie darauf hinweist: Realität ist vielschichtig, ein Geflecht. So lasse sich Altes, Neues, Aktuelles, Zukünftiges, Eigenes und Fremdes kaum wie ein aus mehreren Fäden bestehendes Wollknäul auflösen, um diese dann ordnungsfroh Faden für Faden in schönem Abstand voneinander abzulegen. Stattdessen trage Vergangenes “bereits den Keim das Zukünftigen in sich und verschwindet nicht vollständig, sondern bleibt mit seinen Nachwirkungen im Gegenwärtigen ebenso wie im Zukünftigen weiterhin präsent.“

Abbild

Das bestätigt sich dadurch, dass Museen in der Ukraine und in Belarus unterschiedlich auf den zweiten Weltkrieg schauen lassen. Die aktuelle politische Situation beeinflusst Altes, dessen museale Darstellung. Also könne es im Umgang mit Vergangenem auch nicht so etwas wie Wahrheit im Sinn einer objektiven Historiografie geben. In Anlehnung an Anja Wohlfromm stellt die Autorin fest: Ein Museum ist immer Abbild des Selbstverständnisses einer Gesellschaft, in der es existiert.

Nicht zu sportlich

Trotz der unterschiedlichen Kriegsdarstellungen in beiden Ländern gibt es auch Gemeinsamkeiten: Einiges bleibt ungesagt. Etwa dass es im Krieg bewaffnete Frauen gegeben hat. Auch die Shoa wird ausgespart. Das Erinnern der Shoa ist wiederum in Deutschland ausgeprägt. Der Autorin leuchtet es nicht ein, deshalb in einen zuweilen fast schon sportlich wirkenden Wettbwerb einzutreten. Nach dem Motto: Unser deutsches Erinnern dieses beispiellosen Verbrechens an der Menschheit sei vorbildlich, in anderen Ländern defizitär und müsse dort deshalb mal gefälligst in die Gänge kommen. Denn gleichzeitig „bleibt jedoch die museale Aufarbeitung deutscher Verbrechen in der Sowjetunion – der ‘Holocaust by Bullets’ etwa oder die Blockade von Leningrad mit ihrer Aushungerungspolitik – in Deutschland als Land der Täter selbst randständig“, konstatiert die Wissenschaftlerin, die im Zentrum für Holocaust-Studien des Instituts für Zeitgeschichte gegenwärtig im Projekt H-Diaries arbeitet, das sich dem Erforschen von Tagebüchern jüdischer Opfer der Shoah widmet.

Abseits des Kreislaufs

Was methodisch durchgehend auffällt: Die Arbeit geht souverän, beinahe elegant mit den Erfordernissen historisch-kritischer Präzision um. Gerade wegen einer kaum genug hervorzuhebenden Aufmerksamkeit für Details tritt verblüffend grundlegend zutage, worauf es ankommt, wenn es um ein förderliches Zusammenleben in Gegenwart und Zukunft geht. Dass es nicht weiterhilft, wenn man Kriegsschrecken und Verstrickungen aus der Vergangenheit – mitunter auffallend unablässig – als erledigt abtut. Allein durch dieses unaufhörliche Abtun wirken diese umgekehrt umso präsenter, ohne dass das eine Erweiterung oder Verrückung des Blicks auf sie ermöglicht. Anregender sind Museen, die auf ganz eigene Weise vor Augen stellen, wie Vergangenes in die Gegenwart hineinreicht. Dort gezeigte Dinge lassen nämlich laut Niklas aufgrund ihres paradoxen Charkaters aufmerken. Sie sind einerseits aus dem ökonomischen Kreislauf herausgenommen, andererseits werden sie als „besonders geschätzt und als wertvolle Gegenstände betrachtet.”

Schreckliches Fest

Museen heilen keine Kriegsschrecken. Auch lassen diese sich durch Ausstellungen nicht abarbeiten. Sie werden vielleicht noch nicht mal erträglicher, weil es sich als verharmlosend bis hilflos entpuppen kann, wenn man hofft, vergangenes Grauen in Gegenwart und Zukunft auszudünnen. Aber womöglich erlauben Museen eine Form oder Ahnung von Linderung? Gerade dadurch, dass das Grauen des Krieges infolge einer in Museen gar nicht zu umgehenden „Ästhetisierung von Gewalt“ nicht geleugnet wird. Darin kann sogar ein Moment des Aufatmens liegen, weil man freimütig darauf reagiert, dass Vergangenes nicht abgeschlossen oder abgerundet werden kann. Kriegsmuseen seien vielmehr Orte eines „schrecklichen Fests“, an denen sich Kultur und Barbarei untrennbar verbinden. Denn “die schreckliche Schönheit der polierten Muesumsdinge” offenbare ein Fest, “das dem Tod gewidmet ist.“

Was wachsen will

Die Studie von Juliane Niklas kann auf den Gedanken bringen, ob die Darstellung von Krieg in Museen auch für den Umgang mit Leid insgesamt inspirierend sein könnte. Dann müsste man sich nicht mehr darum bemühen, erlittenen Schrecken zu überwinden, aufzulösen oder handhabbar zu machen, wie es oft fordernd empfohlen wird. Die Erfahrung von Tod und Schmerz erhielte stattdessen einen gleichsam musealen Blick. Dieser akzeptierte engagiert die Macht des Vergangenen. Zugleich erlaubte er durch den Abstand des Zeigens und Darstellens doch auch einen Moment vielleicht sogar gnädig zu nennender Distanz, eines präsenten Zurücktretens und Hinschauens in einem. Solch ein Umgang wäre dann kein Übergehen, sondern ein kreatives Anerkennen des Alten. Und lenkte den Blick auf das, was wachsen will. „Denn das Laub der Vergangenheit ist gefallen, aber es ist nicht verschwunden – es bedeckt in seiner Verwesung den Boden, auf dem die Zukunft wächst.“

Das Buch

Juliane Niklas, Musealisierung des Zweiten Weltkriegs in Kyïv und Minsk. Sowjetisches Erbe und nationale Identität, 431 Seiten, Metropol Verlag, Berlin 2025