Stille
Verlieren dürfen

Das christliche Symbol des Kreuzes ermöglicht es, das Auftrumpfen und Gewinnen-Müssen einmal zu unterbrechen und sich von ihm freizumachen. Darum geht es in der von Redakteurin Ute Heuser-Ludwig konzipierten und moderierten Sendung „Ewig und drei Tage“ vom 3. April 2026 auf der Hörfunkwelle “ERF Plus”. In der halbstündigen Ausgabe der Reihe “Lesezeichen” des Sinnsenders ERF sind Gedanken und Meditationen zum Leiden und Sterben Jesu zu hören. Dabei kommt es indirekt zu einem Zusammentreffen der Autoren Tobias Petzoldt und Georg Magirius, das nicht das erste ist: 2008, also 18 Jahre zuvor, traten beide schon einmal fast zeitgleich während der Leipziger Buchmesse auf die Bühne der Leseinsel Religion.
Fraglich

Damals stellte Georg Magirius sein Buch „Mit 100 Fragen durch die Bibel“ vor, über das Krimiautor Arthur Brown urteilt: “Georg Magirius hat, was Jesus hatte, aber vielen Kirchenoberen in Vergangenheit und Gegenwart abgeht – Authentizität.“ Tobias Petzoldt musizierte, sang eigene Texte und begleitete die Buchvorstellungen auf der Leseinsel – und damit auch die aus “Mit 100 Fragen durch die Bibel”.
Viel
Unterdessen ist Petzoldt mit einer Vielzahl an Büchern hervorgetreten. In den letzten Jahren hat der gebürtige Karl-Marx-Städter oder Chemnitzer und in Dresden lebende Autor mehr als ein Buch pro Jahr in der Edition Chrismon in Leipzig veröffentlicht. Darunter jedes Jahr einen Band zusammen mit den Pfarrerinnen und Wort-zum-Sonntag-Sprecherinnen Stafanie Schardien und Andrea Schneider. Auch sein jüngstes Werk “Ewig und drei Tage” habe bereits “viele Buchbestellungen und gute Rezensionen”, teilt der Autor auf Facebook mit. Heuser-Ludwig bescheinigt ihm im Lesezeichen ein Schreiben “mit geschliffenen Worten” und den Meditationen aus seinem aktuellen Werk „hochsprachliches Niveau“.
Sozial
Was nicht bedeutet, dass Petzoldt nicht weiterhin als Musiker tätig wäre. Und das mit sichtbarem Erfolg, was bei einer gesellschaftlich nicht immer begrüßten offenherzig akzentuierten christliche Ausrichtung durchaus ins Auge fällt: Mit seiner Formation zwischenFall ist er auf Kirchentagen, mehrfach im Jahr in Kirchen, Hochschulen, Gemeindehäusern zu hören. 1700 Menschen folgen ihm auf Facebook, mehr als 1100 auf Instagram. Das hindert ihn nicht daran, stetes Erfolgsstreben und ein Sich-Zeigen-Müssen zu hinterfragen: „Es dürstet eine trockene Welt zwischen Status, Storys, Streams nach dem Wasser des Lebens“, heißt es in seiner aktuellen Veröffentlichung.

Fünf
Auch Georg Magirius versteckt sich nicht. Seine letzte musikalische Lesung war nicht die vor 18 Jahren in Leipzig. Stattdessen war er gerade erst … na ja, seine letzte Lesung war vor zwei Jahren in Dietzenbach. Aktuell auffindbar ist er aber trotzdem, etwa in den Sozialen Medien. So hat er fünf Menschen, die ihm auf Instagram folgen. Seine jüngste Buchveröffentlichung ist von seinem Verlag als Geschenkband für Jugendliche konzipiert, deshalb in einer einfachen Sprache gehalten. Was in manchen Kreisen als verpönt oder Abstieg gilt: Jugendbuch-Autor. Trotzdem weiß er drei Monate nach der Veröffentlichung des Bandes von zwei Menschen, die ein Exemplar des Bandes bestellt und gekauft haben.
Selbst
Obwohl das Buch bewusst kurz ist, kommt es auf ein paar und (dadurch womöglich doch zu viele?) Worte. Verglichen mit sonst üblichen religiösen Geschenkbänden, die aus vielen Seiten zum angeleiteten Bemalen, Ankreuzen und sonstigem Eintragen bestehen. Oder in denen ein Kuvert eingeklebt ist zwecks stilvollen Überreichens eines achtenswerten Geldbetrags zum Glaubensfest, der Konfirmation oder Firmung. Damit die oder Beschenkte dann, wer weiß, zum Beispiel sich selbst ein Buch mit gar nicht so wenigen Worten kauft. Weil das Lesen für viele noch immer auf eine unausrottbar scheinende Weise eine der beglückendsten und wahrhaftigsten Formen des Selbst-Gestaltens ist. Schließlich ermöglicht stilles Lesen die Chance zur Super-Zeitlupe: dem verlangsamten, extrem genussvollen Lesen. Genauso ist ein fantastisches Beschleunigen möglich, ein Hin- und Herspringen, Wiederlesen, dieses von niemandem zum begrenzendes Fantasieren, kurzum: Lesen ermöglicht ein Weiter- und Andersdenken.

Regional
Aber Magirius’ Arbeiten soll nun hier nicht künstlich verkleinert werden. So schreibt er nicht nur für Jugendliche, sondern auch für Erwachsene. Wenigstens ist er 2023 als Autor eines Regionalbuchs hervorgetreten, wobei “hervortreten” nun doch auch wieder etwas übertrieben klingen kann. Schließlich geht es nicht – nur als Beispiel – um Sachsen, dem Ursprungsland der Reformation, mag der Großvater unseres Regionalautors im sächsischen Meerane als Pfarrer tätig gewesen sein. Stattdessen hat Georg Magirius, obwohl evangelisch, in “Frankenfreude” Wanderrouten im eher katholisch geprägten Unterfranken für den eher katholisch geprägten Echter Verlag aufgestöbert. Auch deshalb hat die Süddeutsche Zeitung – ach nein, kleine Verwechslung, es war das Höchster Kreisblatt, ihm gerade erst die Klassifikation „Wanderbuch-Autor“ verliehen.
Komisch
Auf je eigene Weise meditieren die Autoren Tobias Petzoldt und Georg Magirius nun im ERF-Lesezeichen das Geschehen am Kreuz, heißt es in der Ankündigung zur Sendung. Tatsächlich gibt es im Wirken der beiden Autoren bei vergleichbarer Themenwahl wohl noch die eine oder andere weitere unterschiedliche Pointierung. So ist Magirius bislang nicht als Kirchenkabarettist in Erscheinung getreten. Mag sein langjähriger Verleger Thomas Häußner ihm auch „einen feinen Humor“ bescheinigt haben, der „bei Theologen selten“ sei. Nur: Ist Magirius denn tatsächlich zu einem humorvollen Blick fähig? Darüber gehen die Meinungen auseinander. So soll eine erfahrene Pädagogin im Fach Deutsch zu ihm gesagt haben, wie wir von zwei seiner damaligen Weggefährten übereinstimmend in Erfahrung bringen konnten: „Magirius, Sie dürfen hier gern ironisch sein, nur müssen Sie dann auch selbstironisch sein. Aber über sich selbst lachen, das kriegen Sie nicht hin!“ Und doch hat Magirius sich wiederum einen Namen als einer der vielleicht sogar führenden Interpreten der sogenannten Komik des Scheiterns im Werk Gabriele Wohmanns gemacht. Die sogar – Achtung! – bei vielen Deutschlehrerinnen geachtet ist.
Elementar
Tobias Petzoldt ist übrigens nicht nur Autor, Musiker, Kirchenkabarettist, sondern außerdem Diakon und Geschäftsführer des Verbands Evangelischer Diakonen-, Diakoninnen- und Diakonatsgemeinschaften in Deutschland e.V. Magirius führt wiederum die Geschäfte der Heilspraxis, die letztes Jahr ein Jubiläum unter der Überschrift “25 Jahre Pause machen” feierte. Wegen seiner gelegentlich beanstandeten, aber womöglich von manchen auch staunend zur Kenntnis genommenen Begabung zum Pausemachen gilt er nicht nur als Wanderbuch-Autor, sondern laut Joachim Fildhaut von der Main Post noch elementarer als Wandersmann. Das könnte allein schon deshalb sein Arbeiten treffend charakterisieren, weil er das Status-Symbol, ab dem ein Mensch zumindest in Deutschland in der Regel überhaupt erst als achtenswert und netzwerkfähig gilt, auch in seinem 58. Lebensjahr noch immer nicht errungen hat: den Autoführerschein.
Fazit
Am Kreuz, schreibt Georg Magirius in seinem Buch „Leuchte. Wachse. Gehe deinen Weg“, hat Gott sich ein für alle Mal verletzlich gezeigt, alle Größe abgelegt. Für den Frankfurter Theologen bedeutet das für jeden Menschen die Chance, sich selbst auch ehrlich und verletzlich zeigen zu können.
Ute Heuser-Ludwig. Das Karfreitags-Lesezeichen im ERF jetzt hören.
