Religion und Poesie

Du und ich – mehr nicht

Du und ich - mehr nicht: Zum 65 Geburtstag von Arnold Stadler. Foto von Georg Magirius

Was ist es, das seinem Schreiben solch ungewöhnliche Resonanz beschert? Die Romane von Arnold Stadler, der am 9. April 2019 seinen 65. Geburtstag begeht, erreichen mehrere Auflagen. „Die Menschen lügen. Alle“, seine Übertragung biblischer Psalmen ins Deutsche, befindet sich sogar in der 14. Auflage. Dem Schriftsteller, der ursprünglich Theologie studiert hat, ist mit dem Georg-Büchner-Preis die im deutschsprachigen Raum renommierteste literarische Auszeichnung verliehen worden. Dazu hat er viele weitere Preise erhalten. Zu seiner Promotion in Germanistik gesellt sich eine Ehrendoktorwürde in Theologie.

Doppelter Doktor und Ehrenbürger

Und nun gilt der Prophet auch noch in seiner nächsten Umgebung etwas. Aus Anlass seines Geburtstags wird Stadler doppelter Ehrenbürger, nämlich von Meßkirch, wo er geboren und zur Schule gegangen ist. Und von Sauldorf, zu dem Rast gehört. In diesem Dorf ist er aufgewachsen und lebt dort auch heute noch, wenn er sich nicht gerade in Sallahn im Wendland oder in Berlin befindet. Im Meßkircher Schloss werden vom 12. bis 14. April 2019 auf einem Symposion Germanisten, Historiker und Theologen durch seine Werklandschaft spazieren. Ein Film von Anita Eichholz über ihn ist zu sehen. Und so unterschiedliche Kollegen wie Martin Walser, Gaby Hauptmann oder Andreas Maier lesen an einem Abend aus ihren Werken.

Stille

Warum aber ruft sein Werk denn nun dieses Echo hervor? Es dürfte damit zu tun haben, dass der Grund von Arnold Stadlers Schreiben einen überraschend anderen Charakter als ein vielstimmiges Symposion hat. Es kommt auch nicht aus seiner ungewöhnlichen Begabung zum Geselligen – wenigstens nicht allein. Stattdessen gründet es in der Stille, die manchmal so etwas wie Einsamkeit oder sogar Isolation sein kann. Oder nein! Genau genommen handelt es sich um eine Form der Stille, die eine höchst intensive, aber intime Form der Begegnung ist.

Hören

Sie lässt Schönheit erfahren. Vor allem Schreiben war bei ihm das Hören – etwa in der Heiligen Messe oder vor dem offenen Grab. Auf Latein hörte der ministrierende Junge Worte der Heiligen Schrift, hat er im Hessischen Rundfunk einmal erzählt. Das Gesagte habe er nicht verstanden, aber gerade dadurch mehr erkannt, weil ein Nicht-Verstehen viel tiefer gehen könne als ein Verstehen-Wollen, das die Sprache zu einer Transportmaschinerie von Informationen degradiere. Eher ging es bei dieser Spracherfahrung um Sehnsucht, die sich wie Erfüllung anfühlt.

Ein Buch und zwei Augen

Das kann auch beim Lesen möglich werden. „Es ist wie bei der Liebe. Du und ich. Ein Buch und zwei Augen. Mehr nicht“, schreibt Stadler in seiner im Juni 2019 bei Herder erscheinenden Veröffentlichung über Stille. Sie sei für ihn allerdings nicht über ein High Tech Gerät erfahrbar, in dem alle Bücher der Welt abrufbar seien. Stattdessen ist es etwas Leises, fast Abwegiges, „etwas Einsames, Großes.“

Grundlegendes

Arnold Stadler in Sallahn Foto von Georg Magirius

Aus diesen Zeiten der Abkehr und Einkehr entfaltet sich sein Schreiben. Dass er auch abseits des Verlages veröffentlicht, in dem seine Romane auflagenstark erscheinen, irritiert daher kaum. Gerade dieses weniger bekannte Terrain seines Schreibens ermöglicht einen starken Zugang zu seinem Werk. Denn es führt dorthin, wo es immer wieder seinen Anfang nimmt: in einer Intimität, die zuweilen an ein Gebet erinnert. Auch wenn das in den Augen mancher womöglich als vernachlässigbar gilt, als nicht nachvollziehbar exzentrisch, zu leise, nebensächlich, peinlich, fromm oder provinziell, so handelt es sich dabei jedoch um eine Berührung mit dem Grundlegenden.

Provinz und Welt

So hat Stadler den Essay “Da steht ein großes JA vor mir” über die Verhüllung eines Kruzifixes in einer Kirche veröffentlicht. Oder ein Buch über den Maler Jakob Bräckle, in dem sich eine erschütternde Annäherung an dessen Absteigen in die unkontrollierbare Tiefen der Stille findet. Und in dem Fotoband „Pfrunger-Burgweiler Ried“ von Wolfgang Veeser schreibt Stadler, dass der Mensch das Wort “Provinz” wie früher der Teufel das Wort “Weihwasser” fürchte. Doch in Zeiten der Globalisierung, Vernetzung und Verstrickung gebe es keine Provinz mehr. „Sondern nur Welt. Das Wort ‚Provinz‘ hat ausgedient, wer das noch nicht gemerkt hat, ist tatsächlich provinziell.“