Gruppe 47: Ging es nur ums Besäufnis?

Vielen sei es bei den Treffen der Gruppe 47 ums anschließende Feiern mit Besäufnis gegangen, hat Gabriele Wohmann im Zusammenhang mit der in BR-Alpha gesendeten TV-Dokumentation „Vom Glanz und Vergehen der Gruppe 47“ gesagt (Fotos: Jule Kühn – © Büro Magirius/© Reiner Wohmann). Neben Wohmann haben weitere prominente Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur noch einmal auf dem legendären “elektrischen Stuhl” Platz genommen, um von Macht, Intrigen und nächtlichen Exzessen bei den Treffen der Gruppe zu erzählen, darunter Dieter Wellershoff, Günter Grass, Jürgen Becker und Alexander Kluge. Es wirken außerdem mit: Joachim Kaiser, Hildegard Hamm-Brücher, Michael Krüger und Maxim Biller.

Eine Gruppe von Mitläufern?

Von Hans Werner Richter 1947 gegründet, wurde das halbjährliche Schriftstellertreffen zur wichtigsten Vereinigung deutschen Geistes und deutscher Geister. Erklärtes Ziel war zunächst die Förderung der jungen Nachkriegsautoren. Wer eingeladen wurde oder dort gar einen Preis erhielt, hatte es im Nachkriegsdeutschland als Autor geschafft. Die Gruppe schrieb Literaturgeschichte, zwei Nobelpreisträger gingen aus ihr hervor. Auch Gäste und Kritiker waren eingeladen. Schriftsteller, die während der Nazizeit in Exil lebten, gehörten bis auf Ausnahmen allerdings nicht dazu. Das Schwärmen ihrer Kollegen wundere sie, sagt Wohmann, die als exponierteste deutsche Autorin der Short-Story gilt. „Im Nachhinein war es eine ziemlich brutale Angelegenheit. Und ich komme mir etwas mitläuferhaft vor, dass ich überhaupt dorthin bin.“

Literatur vom elektrischen Stuhl

„Es war eben die Chance bekannter zu werden und in die Feuilletons zu kommen.“ Jeder habe auf dem sogenannten elektrischen Stuhl lesen müssen. „Das war Hans Werner Richters Wortbildung. Nur ganz besonders enge Freunde von ihm mussten nicht lesen. Bei Einwänden von Kritikern durfte man kein Wort sagen.“ Die Spontanverrisse hätten manchem sehr geschadet, so dass er gelähmt gewesen sei und oft gar nichts mehr gemacht habe. „Ich hatte bessere Nerven, nur ein einziges Mal hat Hans Mayer gesagt: Schon wieder eine Dreiecksgeschichte! Und Dreiecksgeschichten seien längst obsolet. Das war in den 60er Jahren, als alles gesellschaftlich relevant sein sollte und Privates als Hauptsache nicht vorkommen durfte. Aber ich hatte auch Verteidiger.“ Später habe Mayer, Professor der Literaturwissenshaft, sein Urteil zurückgenommen.

“Besäufnis, Tanz und Schmusereien”

Zwar seien das mafiöse Zusammenhänge gewesen, das Cliquenartige unangenehm, aber bitterböse Erinnerungen habe sie nicht, sagt die in Darmstadt lebende Autorin, die ab den frühen 60er Jahren bis zum Ende der Gruppe 47 im Jahr 1967 auf den Treffen war. So sei die Verbindung zum Medium Fernsehen entstanden, für das sie Drehbücher schrieb und Regie führte. In ihrem Film „Entziehung“ (ZDF 1973) war die Autorin in der Hauptrolle als Laura zu sehen. Hans Werner Richter habe zu jedem Treffen persönlich eingeladen „Wenn die Postkarte kam, hat man sich gefreut. Eigentlich war die Gruppe 47 ein Freundestreffen. Ein wenig erbost hat mich, dass immer die Ehefrauen eingeladen wurden, aber nicht die Ehemänner, weil nämlich Frauenmangel war, es ging eben um das anschließende Fest mit großem Besäufnis und Tanz und Schmusereien. Das war für viele die Hauptsache. Mein Mann durfte nie mit, er war nie eingeladen, während alle Ehefrauen dabei waren wegen Damenmangels.“ Hans Werner Richter habe sich gern als Vaterfigur gesehen. „Aber ich hatte ja einen Vater.“

„Vom Glanz und Vergehen der Gruppe 47. Der Geheimbund Deutschen Geistes“, TV-Dokumentation von Andreas Ammer, BR-Alpha, 24. März 2013, Redaktion: Gábor Toldy. Von Gabriele Wohmann gerade erschienen: Eine souveräne Frau.

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Über spirituelle Spaziergänge und andere Tritte des Schriftstellers Georg Magirius.
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