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Wildwüchsiges Christentum

Bei Büchner könne man ein wildwüchsiges Christentum entdecken, meint der Literaturwisschaftler Hermann Kurzke

Georg Büchner sei ein wilder Jesuaner gewesen, hat der Literaturwissenschaftler Hermann Kurzke  in Deutschlandradio Kultur gesagt. Den Beitrag von Georg Magirius vom 06. April 2013 lesen und hören. Büchner, der vor 200 Jahren geboren wurde, als tief religiös zu bezeichnen – damit dürfte Kurzke kaum euphorische Zustimmung ernten. Nicht in den Kirchen, die Gott oft als Anwalt von Wohlgefühl auf Gänseblümchenniveau zu kennen meinen. Aber auch unter denen, die Büchner als Agitator und Frühsozialisten für ihre engagierte Sache reklamieren, wirkt Kurzkes These vom frommen Büchner absurd. Natürlich, sagen diese, habe der Autor des Hessichen Landboten und des Woyzeck etwas mit Religion zu tun. Inwiefern? Indem er das Christentum verspottet habe, es entlarven und zerstören wollte. Kurzke allerdings meint, in Büchners Leben und Werk komme ein wildwüchsiges Christentum zum Vorschein.

Kurzke revolutioniert bisheriges Büchnerbild

So hat Hermann Kurzke auf der Büchnertagung “Entzündete Texte” der Evangelischen Stadtakademie Römer 9 in Frankfurt mit der Geste der Selbstverständlichkeit Büchner als religiös skizziert. Wer aber ist eigentlich Kurzke? Verfasser einer gerade erschienenen Büchnerbiographie, die seit April auf der SWR-Bestenliste steht und über die Friedmar Apel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung urteilt: “Er revolutioniert unser bisheriges Büchnerbild.” Der emeritierte Professor für Neuere Deutsche Literatur aus Mainz ist einem breiten Publikum durch Bücher zu Thomas Mann bekannt. Sein Vortragsthema “Büchner als Christ” hatte er nicht einmal mit Fragezeichen versehen. Allerdings: Unter Christentum versteht er eben auch keine Ordnungskraft, dank der man das Leben korrektheitseifrig absolviert.

Zwischen Trümmern Sinn gefunden

Hermann Kurzke auf Tagung in der Evangelischen Akademie

“Büchner war zu gescheit, um religiös zu sein, aber zu sehnsüchtig, um es nicht zu sein”. So lautet einer von Kurzkes wundersam schwebenden und unauflösbaren Sätzen aus seiner Biographie “Georg Büchner. Geschichte eines Genies”. Geniehaft sei auch Büchners Arbeit am Mythos gewesen, er habe zertrümmert, um zwischen den Trümmern Sinn zu finden. Extremistisch-poetisch sei seine Religosität gewesen. Außergewöhnlich auch: Der Schmerz habe bei ihm ein tiefes Recht gehabt, sei mehr gewesen als ein Sprungbrett zu einem Auf-höherer-Ebene-ist-dann-doch-wieder-irgendwie-alles-gut-Glauben. Für seine These führte der Germanist verblüffend einfache Indizien an: Nicht nur dass Büchners Werke voll christlichen Materials und religiöser Anspielungen seien. Die überwiegende Zahl der Freunde des im heutigen Riedstadt Geborenen seien Theologen oder Theologiestudenten gewesen, seine Verlobte Pfarrerstochter.

Und Jesus? Auch er war kein Bravheitsbürger

Außerdem müsse jemand, nur weil er sich innerhalb der christlichen Tradition bewege, noch lange kein Gehorsamsstreber oder unempfindlich gegenüber dem Feuer der Gerechtigkeit sein. Einer von Büchners theologischen Freunden habe zum Beispiel zu den widerspenstigen Waldensern gehört. Mehrere Theologen waren auch unter denen, die den Hessischen Landboten in Umlauf brachten. Und Jesus? Auch er sei kein Bravheitsbürger gewesen, meinte Kurzke.

Ein Korb für Büchners Lenz

Ralph Fischer - Theaterwissenschaftler

So führte Kurzke immer weitere überraschende Augenfälligkeiten an. Verblüfft waren jedoch auch die Teilnehmer der Tagung: So gesehen sei natürlich alles irgendwie christlich, meinte zum Beispiel der Bochumer Theaterwissenschaftler Jörn Etzold. “Auch der Atheismus ist eine christliche Erfindung. Keine andere Religion hat sich den Atheismus ausdenken können.” Anna Peschke, Regisseurin von Woyzecks Körper, fühlte sich durch den Vortrag an einen Korb erinnert, den Büchners Novelle Lenz einmal einstecken musste: “Kannste wieder haben, das ist ja so was von christlich!”, habe ein jüdisch-orthodoxer Freund gesagt, als sie ihm eine Hörversion des Lenz gegeben habe. Der Frankfurter Theater- und Kulturwissenschaftler Ralph Fischer zeigte sich von Kurzkes Sichtweise beeindruckt: Dass Büchners Religiosität keine Dekonstruktion oder Destruktion sei, sondern das Suchen nach einem neuen Christentum, einem – so Fischer – “modernen Christentum, das den Schmerz in neuer Form inkludiert.”

Der Beitrag “Wildwüchsiges Christentum” und die Kurzkes Büchner-Biographie

Deutschlandradio Kultur hat den Beitrag ” Wildwüchsiges Christentum – Georg Büchner und die Religion” von Georg Magirius am 6. April 2013 gesendet. Für den Ton verantwortlich ist Sigrid Pfeffer. Die Redaktion haben Ralf Bei der Kellen und Philipp Gessler. Das Manuskript ist hier. Der Beitrag ist außerdem hörbar hier. Hermann Kurzke hat die Biographie “Georg Büchner – Geschichte eines Genies” übrigens im C.H. Beck veröffentlicht. Sie hat 591 Seiten und kostet 29 Euro 95.