Der Niederschlag war weich

Der Mensch ist ein Wanderer, hört man oft, ein Pilger! Durchs Leben geht er und auch in die Ferne, wo besondere Orte neue Kraft bescheren können. Manchmal aber überrascht das ungreifbar Neue in der Nähe – exakt in dem Moment, da sich das Geplante aufzulösen beginnt: Es war der letzte Tag der Sommerzeit des Jahres 2012, als 13 Tagespilger nicht weit von Lohr und doch schon abseits der gewohnten Dächer im Hochspessart spazieren gingen. Unter Leitung von Angela Ruland, Regina Westphal und Georg Magirius wandelten sie in ein unaufhörliches Niedergleiten hinein, das den Herbstwald überraschte. Braun, rot, gelb und moosig-grün war es und über und in allem: Schnee.

Jenseits des Tempolimits

Und das Wunder nahm seinen gemächlichen Gang. All das das Schöngerede, das mühsam Zurückgehaltene, das verkampft Verschwiegene, Verdrückte und Bedrückte samt der hektisch übergangenen Enttäuschungen war plötzlich abgemeldet. Und selbst die eigentlich doch nie zur Ruhe kommenden Sätze frei von jedem Witz, gesprochen im kommunikativen Normalverkehr bei steter Einhaltung des Tempolimits – selbst sie! Ja, was war mit ihnen? Auch sie waren für einen zauberhaften Moment zu Hause geblieben. So widerfuhr dem Wanderer, diesem Menschlein, das sich in den abgezirkelten Sträßlein des Sich-Behaupten-Sollens so oft abgemeldet fühlt: Es wurde frei, es wurde Mensch – im Schnee, der zwischen Wiesthal und Heigenbrücken im dunklen Spessartgefallen war.

Der Nieder-Schlag war weich

Bitte auf dem Boden bleiben! Warnte Pädagogin Angela Ruland. Und servierte im kühlen Weiß zur Mittagszeit etwas zu essen: Eine Suppe, die wärmte. Darin als Zutat: Ein Stein. Der nicht im Magen liegt, sondern einen Boden zeigt, der müde Füße gleiten lässt. Was an diesem Tag geschah, war also keine Flucht, die die Mühen des Alltags versteckt. Nein, sie wurden zum Ausgangspunkt für die Zuflucht in eine Geborgenheit hinein, zu der der Himmel sich entschied, da er auf die Erde niederschlug. Und dieser Nieder-Schlag war weich, unmerklich und dann doch auch wieder merkbar zart.

Was ist der Mensch, dass der Schnee seiner gedenkt?

Und alle Geschäfte ruhten. Es herrschte ein Schweigen, das nichts befahl. Ein aussprechbarer Klang dafür, dass das Leben nicht zu Ende ist, nie zu Ende gehen kann, sondern in dem Augenblick beginnt, da der kleine oder klein gemachte Mensch bekennt – nur was? Dass er nichts zu melden hat, sich überhaupt nicht anzumelden und damit auch nicht abzumelden braucht. Warum? Weil in diesem Schneemoment das gesamte Meldewesen zum Erliegen kam. Und es wurde wahr, was keine Zeitung als Meldung bringt: Der Mensch ist zuweilen von Schnee bedeckt, der aufdeckt, wie groß und liebenswürdig er doch ist.

Wo es nicht mehr dunkel ist

Und die katholisch hochverehrte Jungfrau spricht, so sprach die evangelische Pfarrerin Westphal an der großen Mariengrotte zu Heigenbrücken, als sie die Hände zum Segen hob: Wanderer, selbst wenn du im Leben keine bergenden Arme erfahren solltest, so bist du doch von einer Umarmung umgarnt, die dorthin gehen lässt, wo es nicht mehr dunkel ist. – Die Route ist dem Buch “Mystische Orte” entnommen. Mehr zur Reihe GangART hier.

About Buero Magirius

Über spirituelle Spaziergänge und andere Tritte des Schriftstellers Georg Magirius.
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