Spirituelle Wanderungen

Wanderers Tanz

Wanderers Tanz - kurz vor der Gotthardskapelle in Amorbach - Foto von Georg Magirius

Es war ein Gang ins Unerwartete hinein. 35 Wanderer wagten sich an einen Platz, der wirklich nicht intakt zu nennen ist. Doch gerade dadurch entfaltete er einen Zauber, es kam sogar zu einer Szene, die als Wanderers Tanz beschrieben werden kann. Unter dem Motto „Geheimnis der Leere“ jedenfalls war die Ruine auf dem Gotthardsberg bei Amorbach im Odenwald das Ziel. Die Tour leiteten die Diplompädagogin Angela Ruland von der Evangelischen Erwachsenenbildung Offenbach, Pfarrerin Regina Westphal von der Evangelischen Kirchengemeinde in Seligenstadt und Mainhausen und der Theologe und Schriftsteller Georg Magirius von der Reihe GangART. Der Verein Andere Zeiten förderte die Tour, die eine Reihe von sechs Tages-Wanderungen eröffnete, bei denen man stets einem geheimnisvollen Ort näher kommt. Am Anfang der Tour zum Gotthardsberg legte sich ein Labyrinth vor Augen, jenes religionenübergreifende Symbol, das auch in manchen Kirchen wie etwa der Kathedrale in Chartres zu finden ist.

Waldmeisterduft

Die Diplom-Pädagogin Angela Ruland liest aus "Die Wand" von Marlen Haushofer an der Fuspilshütte

In Amorbach zeigte es sich auf einer Wiese, und der verschlungene Pfad zur Mitte war von bemoosten Steinen markiert. „Zur zentralen Kraft des Lebens kommt man kaum auf einem Weg, der stur geradeaus verläuft, sondern auch Kurven und Kehren kennt“, sagte Magirius. Labyrinthisch ging es den Sommerberg hinauf, in vielen Wendungen, schwitzend und zuweilen schmerzhaft schnaufend, bestäubt von idyllischen Augenblicken: „Ich rieche Waldmeister“, sagte eine Teilnehmerin. „Da ist ein Feld von Vergissmeinnicht!“, freute sich eine andere. Auf dem Sommerberg lockte Angela Ruland Windung um Windung tiefer ins Geheimnis der Leere hinein.

Wie ein Rosenzüchter unter Automechanikern

Sie las aus Marlen Haushofers Roman „Die Wand“. Eine Frau wird schockartig von ihrem alten Leben abgeschnitten – infolge einer unsichtbaren Wand. Auf die andere Seite kann sie schauen, nicht aber dorthin zurück. Aber seltsam: Eines Tages fühlt sie sich in der Leere wie angekommen, jenseits sei sie sich ohnehin stets „wie ein Rosenzüchter auf einem Kongress von Automechanikern“ vorgekommen. Nun flaniere sie auf waldigen Wegen. Und die Menschen auf der anderen Seite scheinen ihr wie versteinert oder auf aufgedreht-gehetzte Weise tot.

Kirch- und Knirschgang

Wanderers Tanz in der Gotthardskapelle

Lebenslustig, schweigend und im Stil von Rosenzüchtern gingen die Wanderer durch den maigrünen Wald hinab, an uralten Eichen vorbei und wieder nach oben – auf den Gotthardsberg. Seit 300 Jahren ist die dortige Basilika zerstört. Wo Fenster oder Türen waren, ist nichts. Auch gibt es weder Kirchenbänke noch Altar. Das Ruinöse aber hat man erhalten, es mit einem Dach gesichert. Wispernd gibt das Gebäude seine zarte Botschaft preis: Dass an diesem Ort selbst wirres Gehen ein Wohnrecht hat. So zogen die Wanderer in die Ruine ein. Kein gewöhnlicher Kirchgang war das, sondern ein Knirschgang über Kies: Wanderers Tanz am mystischen Ort, ein vielfüßiges Drehen, Suchen, Wenden, Warten, Kreisen und stilles Schauen. „Dieser Ort ist gar keine Ruine“, sagte Pfarrerin Regina Westphal. „Sie ist lebendiger als viele Kirchen, die vielleicht intakt und schön, dafür aber oft auch sehr verschlossen sind.“

Wanderers Tanz: Angeregt vom Buch Mystische Orte

Die Wanderung ist inspiriert von dem im Echter Verlag erschienenen Buch “Mystische Orte. Wanderungen durch Unterfranken” von Georg Magirius  und Regina Westphal.  Mehr zu Spirituellen Wanderungen der Reihe GangART und aktuelle Termine hier.