Brunnenbohrer

Geträumt, gelauscht, gestaunt, – das hat Bernhard Bergmann gewiss seit der Kindheit schon. Nun aber ist ihm mit seinem lyrischen Debüt „wasser der kindheit“ etwas gelungen, das wohl nur einem der Erde bis an die Schmerzgrenze Verbundenen möglich ist: Dieser Lyriker will mit seinen Worten nicht ins Schweben kommen, sondern eher das Gegenteil. Er bohrt. Der Germanist, Theologe und Journalist, Jahrgang 1971, ist im Odenwald aufgewachsen, um nach dem Studium dorthin zurückzukehren. Seine Sprache scheut auf souveräne Weise alles Artifizielle, lieber wühlt sie sich in die Erde hinein, durch Trockenheit, Enttäuschungen, Schichten der Liebe und die furchtbar banale Geschäftigkeit des Erwachsenenmilieus hindurch, auf eine manchmal abgrundtiefe Weise stark und ungeduldig geht es immer tiefer, bis sie auf das Lebendige stößt: das Wasser der Kindheit.

Zersplittert & lebendig

So sucht ein Bergmann unter Tage nach dem Kindheitslicht. Fundstücke dieser unstillbaren Suchsehnsucht sind an einem mehr als nur passablen Ort veröffentlicht, in der Heftreihe der Edition Toni Pongratz. Sie zählt mehr als 100 Bände, zu Bergmanns nunmehrigen Kollegen zählen Janosch, Reiner Kunze, Horst Bienek, Gabriele Wohmann, HAP Grieshaber, Peter Huchel, Peter Härtling, Siegfried Lenz oder Ulla Hahn. Aus dem sorgsam editierten Band weht einem also der Wind des literarischen Hochgebirges entgegen. Nur will Bergmann mit seinen Gedichten eben nicht hoch hinaus oder in die große Stadt, er bleibt lieber dort, wo Amsel, Kinderhand und Bäuerin irritierend einfach ihre kluge Sprache sprechen: im Odenwald. Da ist einer geblieben und womöglich gerade deshalb angekommen. Jenseits von Literaturstudium Leipzig, Filmhochschule München oder stipendiumgeschwängerte Autorenexistenz Berlin durchfurcht dieser Autor den Alltagsacker, dem er das vordergründig Gewöhnliche mit wenigen Worten abzustreifen weiß. In der angeblichen Provinz, zwischen Broterwerb und Müttern, die sich in den Himmel sehnende Kinder zurückrufen, hat sein Träumen Gewicht, es zerbricht. Zersplittert kann es lebendig bleiben: „ traum (für Hannah)/ als ich dich aus deinem bettchen hob / fiel ein traum hinab, zerbrach / in tausend scherben / habe sie aufgelesen / und mir ins bett gestreut / um damit wundzuschneiden / die hornhaut meiner / seelensohle“.

Bernhard Bergmann, wasser der kindheit, Originalausgabe, numeriert und signiert, Edition Toni Pongratz, Hauzenberg 2010 (Heft Nr. 106), 10 Euro, ISBN 978-3-931883-74-4, am besten direkt erhältlich über die Edition Toni Pongratz (Foto: Nina Nicklas-Bermann)

About Buero Magirius

Über spirituelle Spaziergänge und andere Tritte des Schriftstellers Georg Magirius.
This entry was posted in Allgemein and tagged , , , , . Bookmark the permalink.

One Response to Brunnenbohrer

  1. Linus says:

    Wirklich Nett! i like it!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *