Allgemein, Neues Leben
Neue Diener braucht das Land

Pfarrer – von Beruf selbständig? Ist das nicht einer der größtmöglichen Widersprüche? Denn von Pfarrerinnen und Theologen erwarten viele das Gegenteil. Kein Selbermachen, weder Freiheit noch Eigentändigkeit. Sondern? Pflichterfüllung, eine kompromisslose Dienerschaft für Kirche und die Nächsten. Tatsächlich gibt es Theologen, die den Beruf des Pfarrers gelernt haben oder es auch sind, aber auf keinem kirchlichen Gehaltszettel stehen. Sie sind in die Selbständigkeit gegangen, schreibt Kunsthistorikern, Dozentin und Redakteurin Rieke C. Harmsen in ihrem Feature für den Evangelischen Pressedienst (epd) vom 6. Oktober 2026. Ihr Beitrag zeigt am Beispiel der freiberuflich tätigen Theologen Daniel Dietzfelbinger, Werner “Tiki” Küstenmacher und Georg Magirius: Dienen ist nicht zwangsläufig deckungsgleich mit Unselbständigkeit. Stattdessen kann ein Mensch durchaus den Wunsch verspüren, Beauftragung nicht als Eliminierung von Selbstverantwortlichkeit, kreativem Denken und Tun zu verstehen. Oder anders gesagt: Neue Diener braucht das Land.
Ich sagen
Das Ideal eines Dienens im Sinne einer pflichterfüllenden Unselbständigkeit ist schon mit Blick in die Evangelien hinterfragbar: So war Jesus kein Pfarrer einer Kirche, gehörte noch nicht mal einer an und gründete auch keine (sie kam erst später). Gleichwohl gehört zu Jesus auf charakteristische Weise sein eigenwillig unabgesichertes und freizügiges Umherwandern. Das spielte sich genau in jenen Monaten seinens Lebens ab, auf die sich Kirchen und Theologen oft berufen. Auch der Status einer Kindschaft Gottes wurde schon vor Jahrzehnten innerhalb der Theologie als veraltet angesehen, sofern man darunter eine denkfreie Ergebung versteht. Theologe Friedrich Gogarten und von ihm angeregt, aber – wie könnte es anders sein – selbständig weiterdenkend auch die Theopoetin Dorothee Sölle sprachen stattdessen vom Menschen nicht als Kind, sondern als Sohn und Tochter Gottes. Was bedeutet: Der Mensch hat doch tatsächlich das Zeug oder auch den Auftrag, auf eigenen Füßen zu stehen oder durchs Leben zu gehen. Er braucht sich also nicht lebenslang als unmündiges Baby Gottes durch die Gegend tragen zu lassen, ohne dabei auch nur ein einziges Mal “ich” gesagt zu haben.
Mündig
Reformator Martin Luther sprach einige Jahrhunderte zuvor zwar davon, dass ein Christenmensch ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan sei. Im gleichen Atemzug sei eben dieser Mensch aber auch und sogar noch davor ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Was für Luther heißt: Ein christlich inspririertes Dienen und das Rufen froh machender Worte ist bei weitem und vor allem nicht zwanghaft an ein kirchlich organisiertes oder gar zu überwachendes pfarramtliches Geschehen gebunden. Stattdessen könne prinzipiell wirklich jeder Prediger sein. Und jedes, sogar angeblich auch banale Tun im Alltag zur Verkündigung werden. Ein erkennbar aufmunterndes Sprechen und Tun kann sich also überall ereignen. Und selbst die moderne, immer exzessivere Kontroll- und Verwaltungs-Unkultur, die auch die Kirchen bei ihrem gut organisierten Rückbau offensivhtlich perfektionieren wollen, wird diese Urkraft nie entgeisten, bändigen und einhegen können.
Bestimmen

Sollen Theologen und Pfarrerinnen also heute unabhängier werden? Krativer? Kritischer? Selbstbewusster? Mutiger? Lauter? Frecher? Weniger – wie das etwa manche sogenannte Schäfchen noch immer oder vielleicht sogar heute vermehrt wünschen – sich unauffällig ins offiziell Gewünschte einreihend? Aber wo kommen wir dann hin? Ist das Verrat, Sünde – oder beides zugleich? Oder ist es womöglich konstruktiv, eine sonderbare Dynamik, die Autor Georg Magirius einmal als „25 Pause machen“ bezeichnet hat? Tatsächlich war für Pfarrer Werner „Tiki“ Küstenmacher als Cartoonist und Karikaturist ein starker Impuls zur Selbständigkeit, heißt es im epd-Feature, „nicht mehr jeden Morgen mit dem Köfferchen ins Büro“ gehen zu wollen. Viel gearbeitet habe er aber schon, kümmerte er sich doch um Haushalt, zwei kleine Kinder und zeichnete, illustrierte und veröffentlichte Bücher. Unabhängigkeit und Freiheit seien zwei wichtige Faktoren, die er in seinem Leben suche, sagt auch Daniel Dietzfelbinger. So ist für den Pfarrer das Schöne an der Selbständigkeit als Unternehmensberater: „Ich bin mein eigener Chef.“
Feiner Unterschied

Die Verbindung zur Kirche ist bei den drei Theologen trotzdem da, resümiert Rieke C. Harmsen. Zumal das Können als Theologe merkbar im beruflichen Tun außerhalb der Kirche helfe. Und der Blick von selbständigen Theologen kann wiederum inspirierend für die Kirche sein. Wobei es dabei womöglich gar nicht einmal so sehr um die Kirche als Organisation geht, sondern – man beachte den feinen Unterschied – noch viel mehr um jene Sphäre, auf die die Kirche doch verweisen will, sagt Magirius. Er fühlt sich mit seinem beruflichen Tun jedenfalls „als Partner, nicht als Diener oder Servicekaft, wenn, dann als Servicekraft Gottes“.
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Den Beitrag von Rieke C. Harmsen für epd hier kostenfrei lesen. Sie ist Chefredakteurin von Sonntagsblatt online. Das Freiheits-Foto stammt von (c) Klappe (Pixabay). Screenshot und Porträt von (c) Sonntagsblatt.de.