Neues Leben
Alle Macht geht von den Unbeteiligten aus

Die Freiheit hat in Deutschland noch viel Luft nach oben. Denn eine direkte Beteiligung auf Bundesebene ist den Bürgerinnen und Bürgern fast nur bei der Bundestagswahl möglich. Daher brauchen sie, der Souverän, mehr direkten Einfluss auf Bundesebene. So ginge mehr Macht von den derzeit überwiegend Unbeteiligten aus. Und der AfD würde erheblich Wind aus den Segeln genommen, weil sie davon lebt, gegen “die da oben” zu wettern. Das hat Theologe, Bürgerrechtler und Bundessprecher des Netzwerks „Mehr Demokratie“, im Gespräch mit dem Theologen und Journalisten Georg Magirius gesagt. Und zwar während dessen Recherchen für das halbstündige Feature „Freiheit gesucht“ im Bayerischen Rundfunk. Das Feature als Podcast jetzt hier in der Audiothek hören.
Nur zugucken?
Welche Möglichkeiten haben wir denn, auf der Bundesebene die Politik zu beeinflussen? Herr Söder stellt sich hin: Diese Bundesregierung sei die letzte Patrone der Demokratie. Und vollzieht dann, angelehnt an die Migrationspolitik einen massiven Rechtsruck, um uns vor dem Rechtsruck bewahren zu wollen, der da kommen könnte, wenn die autoritären Populisten an die Macht kommen. Und welche Möglichkeiten habe ich denn dann, der ich bei dieser Bundestagswahl eine Stimme abgegeben habe, dieses politische Spiel, das da vorgeführt wird, zu beeinflussen? Ich bin auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, zuzugucken und das zur Kenntnis zu nehmen: Friss oder stirb.
Ralf-Uwe Beck
Gähnende Demokratie
In den Kommunen und auf Landesebene in Deutschland ist die Demokratie stärker, sagt Ralf-Uwe Beck.
Da können wir Bürgerbegehren starten, die sorgen vielleicht für Bürgerentscheide, Volksbegehren auf Landesebene, dann gibt es einen Volksentscheid. Da können wir die Macht, die wir in Wahlen delegieren mit unseren Stimmen, wieder punktuell zu uns zurückholen und beanspruchen: Diese Sachfrage, die klären wir jetzt in der Zivilgesellschaft. Aber auf Bundesebene geht das eben nicht. Ich kann Abgeordnete anschreiben und hoffen und warten, dass mir einer antwortet. Und ich habe viele Beispiele, wo das nicht passiert. Ich kann eine Petition einreichen, vielleicht wird sie auch zugelassen als öffentliche Petition, kann Menschen hinter mir versammeln. Dann gibt es eine Anhörung im Petitionsausschuss. Das läuft so ritualisiert ab, dass da einem die gähnende Langeweile ankommt. Und das war”s dann.
Ralf-Uwe Beck jetzt in der BR-Sendung hören
Direkter Einfluss

Ralf-Uwe Beck hat 2015 unter anderem für sein Engagement für Bürgerrechte das Bundesverdienstkreuz vom damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck erhalten. Das zeigt die Überzeugungskraft des Bürgerrechtlers, denn Gauck hat sich über Formen direkter Demokratie eher skeptisch und abwartend geäußert. Nun hat Beck 2026 im Münchner Oekom-Verlag das Buch „Souverän – Plädoyer für mehr direkte Demokratie“ veröffentlicht. In dem Essay beleuchtet er unterschiedliche Facetten von Freiheit. Deren samtenen Aspekte, etwa Konsum- oder Reisefreiheit, rückt er nicht in den Vordergrund. Stattdessen sei die Seite der Freiheit entscheidend, mit der sich die Verhältnisse verbessern lassen: die Gestaltungskraft.
Ohne Einfluss
Dieses Engagement mit anderen und für andere verleiht der Stimmung im Land Souveränität. Es ist überhaupt nicht anstrengend – oder manchmal vielleicht doch!? Nur handelt es sich dann um eine Anstrengung, die aufbauend und urdemokratisch sei. Denn sie zielt darauf, dass jede und jeder gefragt und gebraucht wird, dann also niemand mehr unbeteiligt bleiben müsse. Die Arbeit für dieses Ziel ist ein Genuss – verglichen mit dem, was Beck als Jugendlicher erlebt hat: In der DDR wurde sein Lebensweg verstellt, er war nicht nur unbeteiligt, sondern wurde benachteiligt.
Unsozialer Sozialismus
Das ist einer der massivsten Eingriffe in meine Biographie. Damit habe ich bis heute zu tun, das muss ich bis heute ausleben. Mir wurde verweigert, auf die Erweiterte Oberschule zu gehen und dort Abitur zu machen. Wegen schlechter Einstellung zum Staat – damals war ich in der 8. Klasse! Und weil die sozialen Bedingungen für ein späteres Studium aufgrund der Scheidung meiner Eltern nicht vorhanden sein könnten, ich war das einzige Scheidungskind in der Klasse damals und war einer der besten Schüler. Und alle anderen sind an mir vorbeigezogen und haben selbstverständlich ihren Platz auf der Erweiterten Oberschule bekommen, aber ich nicht. Das war eine Intrige. Ich habe damals zum ersten Mal den Staat und seine diktatorischen Mechanismen zu spüren bekommen und hatte keine Chance, mich dagegen zu wehren.
Ralf-Uwe Beck jetzt in ARDSounds hören
Angstfrei
In der DDR sei das Leben von einem alles bestimmenden Räderwerk der Angst bestimmt gewesen, habe “unter einer ideologischen Decke gesteckt, die alles erstickt” habe, erinnert sich Beck. Allerdings habe er als 15-Jähriger – ungetauft und ohne jede religiöses Wissen, ohne Erfahrung – eine Einladung in die Junge Gemeinde der Evangelischen Kirche erhalten. „Das war offene Jugendarbeit. Und völlig frei. Wir saßen in einem Raum, saßen mit einem Diakon zusammen und haben über alles geredet, es war völlig offen. Und alle, die in dem Raum waren, hatte ich das Gefühl, hatten die Möglichkeit ihr Räderwerk der Angst anzuhalten. Das war ein Befreiungserlebnis.” Eine Form von Kirche, die gerade deshalb glaubwürdig war, weil sie politisch war. Es habe in diesem Raum kein Unterdrücken, Bedrücken, keine Hierarchie gegeben, sagt Beck. Stattdessen war da eine Ahnung davon, dass „vor Gott alle Menschen gleich sind”.
Kirche der Ungetauften
Ich kann mich gar nicht erinnern, ob da ein Gebet war. Ob wir was gesungen haben. Es ist nur irre, dass aus dieser offenen Jugendarbeit damals – als ich da reingegangen bin, war das wochentags, am Dienstag Nachmittag, und später, war das dann samstags, sodass die Menschen, die dort aufgewachsen waren und dann zur Lehre oder irgendwohin gegangen sind, wiedergekommen sind. Wir haben uns dort in der Gruppe getroffen und das über Jahre durchgehalten. Und in dieser Gruppe, es waren vielleicht zwölf Menschen, vielleicht waren es fünfzehn, gibt es aber drei, die nicht getauft waren und Theologen geworden sind. Es ist ein unglaublicher Schnitt! Jede Landeskirche würde sagen: Wo ist das Konzept? Wie kann man das programmatisch aufsetzen, damit man solch einen Schnitt erreicht? Das ist schon irre.
Ralf-Uwe Beck jetzt in der Sendung “Freiheit gesucht” in der BR-Audiothek hören
Immer schon da

Ralf-Uwe Beck war Gründer der ersten freien Umweltgruppe in der DDR, arbeitete viele Jahre als Gemeindepfarrer und als Umweltbeauftragter der Evangelisch-lutherischen Kirche in Thüringen. Immer wieder einmal wird den Kirchen von politischer Seite aus empfohlen, sie sollten sich mehr oder ausschließlich ums Seelische kümmern, um die innere Religiosität. Denn Glaube sei Privatsache. Es sei nicht Aufgabe der Kirchen, eine theologische Reflexion in ein politisches Engagement münden zu lassen. Auch Theologe Beck wehrt sich gegen ein intensives theologisches Nachdenken als Motivation für ein politisches Engagement. Aber aus einem ganz anderen Grund: Das ausgiebige theologische Disputieren beeinträchtige das Handeln. Denn die Motivation sei immer schon da und viel zu klar, als dass man darüber diskutieren müsse.
Fenster auf!
Ich war ja mehrere Jahre Umweltbeauftragter der Landeskirche. Dann muss man schöpfungstheologisch gebildet sein und wird eingeladen zu irgendwelchen Podien und Vorträgen. Ich habe mich immer geweigert: Wozu soll ich das machen? Das verstehe ich nicht! Was wollt ihr von mir? Warum muss ich ein Umweltengagement schöpfungstheologisch begründen? Spinnt ihr? Ich brauche nur das Fenster aufmachen, zu DDR-Zeiten, halte meinen Kopf raus und weiß, was ich tun muss. Da muss ich nicht den Schöpfungsbericht lesen, sorry. Ich brauche keine theologischen Begründungen. Das befreit mich, weil es Aufgaben beschreibt. Das habe ich verinnerlicht, dieses „Vor Gott sind alle Menschen gleich“. Und dann muss man gucken, wo sich das überall findet: bei Gesetzen, bei unseren Wahlakten, bei dem Anspruch, den wir an Demokratie haben und von dem wir noch weit, weit entfernt sind, wenn man sich die Zustände anguckt. Aber ich brauche das nicht als Motivation, nicht als Begründungszusammenhang.
Ralf-Uwe Beck jetzt in der Sendung “Freiheit gesucht” in der BR-Audiothek hören
Die Sendung hören

Die Sendung “Freiheit gesucht. Wie Spiritualität widerstandsfähig macht” von Georg Magirius ist in der Reihe “Religion – Die Dokumentation” für Bayern2 produziert worden. Sie ist jetzt hier auf der Website von BR2 zu hören. Neben Ralf-Uwe Beck sind an der Sendung Meditationsanleiterin Karin Seethaler aus Regensburg und Schriftstellerin Sigrid Katharina Eismann aus Hanau beteiligt. Die Redaktion hat Dr. Matthias Morgenroth, Regie Sabine Kienhöfer. Sprecherin ist Julia Fischer, das Produktionsmanagement liegt bei Ingrid Schillinger. Die Fotos des Blogbeitrags stammen von (c) Georg Magirius und (c) Inga Hanke.