Biblisches, Frankfurt

Männer ohne Lastenrad

Männer ohne Lastenrad - Gernot Gottwals - Foto von (c) Georg Magirius

Wann ist ein Mann ein Mann? Wenn er als Panzerfahrer Hindernisse durchbricht? Im extrabreiten Geländewagen alles Entegegenkommende zum Ausweichen zwingt, um eine Straßenecke weiter trotzdem im Stau zu stehen? Wenn er dank Lastenrad in Frankfurt-Sachsenhausen zwei Kinder zur musikalischen Früherziehung oder auch drei Bierkästen zur Skatrunde kutschiert? Michael Faust kommt zum Park des Frankfurter Liebighauses trotz Schneeregens mit einem gewöhnlichen Rad. “So bin ich fast immer pünktlich“, sagt der in Frankfurt arbeitende Fotograf aus Niederrad. Was nicht bedeutet, dass er auf “Jagd nach Licht, Linien, Eindrücken und Augenblicken” auch mal bis nach Namibia, Sri Lanka, Costa Rica oder Equador reist.

Männer gehen ihre Wege

Theologe und Schriftsteller Georg Magirius, Autor des gerade bei Coppenrath veröffentlichten Buchs „Leuchte. Wachse. Gehe deinen Weg“, hat zu Fuß in den Park gefunden. Und den Reporter Gernot Gottwals hat die U-Bahn gebracht. Das Dreiertreffen ist keine Skatrunde, sondern hat als Ergebnis den Beitrag „Ein Mann geht seinen Weg“, erschienen am 13. Februar 2026 in der Frankfurter Neuen Presse unter Redaktion von Stefanie Wehr.

Fotograf Michael Faust aus Frankfurt am Main - Foto (c) Georg Magirius

Laut und leise

Auch wenn Gottwals die U-Bahn nicht steuert, kann man ihm kein mangelndes Engagement nachsagen. Er nimmt sich drei Stunden Zeit, um im Café des Liebighauses – wie er sagt – „den tieferen Sinn des Buches“ von Georg Magirius zu erfassen. Sofort vermisst er im Buch das Inhaltsverzeichnis: “Das bitte beim nächsten Mal!” Gleich darauf forscht er nach dem Sinn des Vorworts, um dann Schritt für Schritt der Bedeutung jeder einzelnen der zehn biblisch inspirierten Weisheitsperlen nachzugehen, darunter Weisheitsperle drei: „Sei laut!“ „Können Sie bitte etwas leiser sein?“, fragt ein Mann, der mit seiner Begleiterin im vollbesetzten Café des Liebighauses still lesen will. „Ich probiere es“, entgegnet Gottwals: „Nur sagt die Erfahrung: Garantieren kann ich das nicht.“

Erfüllt

Dem Romanisten und Anglisten ist eine kaum zu dämpfende Begeisterung für den Beruf des Journalisten anzumerken. So findet er originelle Wege zu seinem Stoff. Er verbirgt sich nicht hinter einer Männern – zumindest klischeehaft – nachgesagten, kühl-distanzierten Art des Fragens. Stattdessen erzählt er von sich, was allein schon deshalb schwer erklärbar ist, weil er sich ungewöhnlich energiereich dem zu Interviewenden widmet, ihn fragt, der Antwort nachhorcht, um gleich schon wieder weiterzufragen. Ein von Gottwals Interviewter geht trotzdem nie ausgefragt im Sinne von ausgepresst und leer nach Hause, sondern mit Gewinn: angefüllt oder sogar erfüllt mit einer Unzahl an verblüffenden und bedenkenswerten Anekdoten, Details und sonderbaren Geschichten. Sie flechtet der auch als Bauchredner und Stadtführer arbeitende Reporter in sein nur scheinbar unablässiges Fragen ein.

Trostpreis

„Die neunte Perle behandelt die Verletztlichkeit und den abgeschriebenen Skispinger, der die Vierschanzentournee gewinnt. Und den verletzlichen Jesus, der dem Tod am Kreuz ins Auge sah“, pointiert Gottwals die vorletzte Weisheit. Bei der Recherche zum Sinn dieser Perle erzählt er von seiner Karriere auf zwei Brettern. Wie er auf einer Skifreizeit wegen seines Hinterherfahrens einmal den Trostpreis gewann: einen Schneetrainer, der das Überkreuzen der Skier verhindert. „Die anderen bekamen nichts, die haben mich beneidet.“ Allerdings sei der Gegenstand des Neids kaum erkennbar, aber doch aus Pappe und bald nicht mehr benutzbar gewesen.

Hauptgewinn

Einmal habe er dann doch den Hauptpreis gewonnen, erinnert er sich bei der Sinnerkundung der Weisheit “Wachse!” Magirius behauptet, dass bei einer Tombola vom winzigen Los zum Hauptgewinn ein beachtlicher Größengewinn möglich sei. Wie auch das von Jesus als Beispiel für das Reich Gottes genannte Senfkorn zur großen Staude werden könne. Der große Preis, den Gottwals gewann, war der Frankfurter Ikonen-Krimi „Im Eifer deines Dieners“. Kein unbedeutender Gewinn. Nur: “Den habe ich selbst geschrieben und vorher eingereicht, weil um Spenden für die Tombola gebeten wurde.”

Pizza und Thora

Wenn die Frankfurter Eintracht – dazu noch an seinem Geburtstag! – verliert, ist das für Gottwals überhaupt nicht lustig. Das nimmt er persönlich. Ansonsten hebt er Begebenheiten aus einem selten niederlagenfreien Alltag unmerklich und raffiniert ins Komische. Umgekehrt katapultiert er Bedeutsames, vielen aber arg abgehoben Erscheinendes ins Gewöhnliche: heiter und seriös zugleich. Wie die Weisung, den Nächsten, sich selbst und den Fremden zu lieben. Diese zentrale, ja tatsächlich in der Mitte der drei Weltreligionen verbindenden Thora platzierte Weisheit, dazu das Gebot der Feindesliebe aus Jesu Bergpredigt spitzt Gottwals folgendermaßen zu: „Gib dem anderen eine Chance! So wie Magirius dem ungeliebten Käse eine Chance gibt, denn sonst könnte er keine Pizza essen.“

Beweglich

Pizzaliebhaber Magirius ist, resümiert Gottwals, „ein Mann, der nach seinem Studium neu durchstartete, weil der Pfarrberuf nicht sein Weg war“. Doch auch Reporter Gottwals scheint ein Mann zu sein, für den Beweglichkeit kein Fremdwort ist. So ist er nach dem Gespräch auf dem Weg zur U-Bahn bereits schon wieder dabei, für eine nächste Reportage im Kommunikationsmuseum per Handy hörbar kommunikativ Informationen einzuholen. Dabei nutzt er die Gelegenheit, um viel weiter in den Abend reichende u d damit journalistenfreundliche Öffnungszeiten anzumahnen. Denn Gottwals arbeitet oft und leidenschaftlich auch dann, wenn andere längst schon Feierabend haben.

Gehe deinen Weg!

Georg Magirius hat das von Michael Faust und Gernot Gottwals in der Frankfurter Neuen Presse vorgestellte Buch “Leuchte. Wachse. Gehe deinen Weg” im Coppenrath-Verlag veröffentlicht. Es stellt zehn Weisheitsperlen der Bibel vor. Ursula Heeke ist die Lektorin des Buchs. Illustriert hat es Marie zu Dohna. Helene Hillebrand hat den Satz erstellt. Weitere Informationen zum Buch sind hier. Die Fotos des Blog-Beitrags stammen von (c) Georg Magirius.