Unerschrockene Frauen

Es gibt Frauen, die erschrecken und begeistern. Aber wieso? Weil sie den Weg gehen, den sie für richtig halten, lässt das gerade veröffentlichte Buch “Unerschrockene Frauen” vermuten. In ihm porträtiert Dieter Wunderlich elf eigenwillige Frauen aus dem 18. Jahrhundert bis heute. „Es gibt einen Teil von mir, der es heimlich genießt, Leute zu verärgern”, wird Pop-Star Madonna zitiert, “denn ich weiß, dass man oft die richtigen Dinge tut, wenn man die Leute verärgert.“ Aber nicht nur sie ist geschickt im Stören. Vor gut 100 Jahren beeindruckte die Schriftstellerin Colette, weil sie sich mit ihrem Ehemann eine Geliebte teilte. Die rauschhaft kluge Denkerin Lou-Andreas Salomé tat einige Jahrzehnte zuvor noch viel Schockierenderes: Sie heiratete unter der Bedingung, dass ihr Mann auf jede sexuelle Annäherung verzichten werde.

Erotisch, sparsam, exzentrisch

Was sie nicht davon abhielt, als 36-Jährige ihre wohl ersten sexuellen Erfahrungen zu machen, und zwar mit dem fast 15 Jahre jüngeren Rainer Maria Rilke. Auch von Nina Hagen, Madonna oder Hildegard Knef gibt es allerlei in diese Richtung zu erzählen, wobei sich zwei der Genannten nicht allein um Männer kümmerten. Noch exzentrischer war da nur noch Rosemarie Nitribitt: Sie kaufte – und das in den doch nicht gerade luxuriösen 1950er Jahren! – einen Mercedes, obwohl sie für denselben Preis vier VW-Käfer hätte besitzen können. Sonst allerdings sei sie sparsam gewesen.

Ungewöhnliche Mission

Es geht freilich nicht nur um Autos und (junge) Männer oder Frauen, denen sich die Frauen nähern. Sondern? Um Arbeitseifer: Mit ihm erkämpften, erspielten oder erschrieben sich etwa Margaret Thatcher, Hildegard Knef oder George Sand den Status des Besonderen. Der Autor porträtiert mit Sympathie, verklärt jedoch nicht. Klar stellt er etwa das Nichtwahrhaben-Wollen des Schrecklichen heraus, dem Leni  Riefenstahl mit Energie anhing. Auch wird deutlich: Betörend starke Frauen haben mitunter nichts anderes im Blick als ihre Mission,  die etwas völlig Unverwechselbares zum Inhalt hat. Nämlich? Sich selbst. Nur sympathisch wirkt das nicht, aber auch nicht unsympathisch: Solche Missionarinnen verfallen nicht in hündischen Gehorsam.

Angenehm unaufgeregt

Hervorzuheben an dem Buch ist der Stil. Dieter Wunderlich ist Diplompsychologe, hat viele Jahre im Management eines großen Unternehmens gearbeitet und mehrere Werke über Frauen veröffentlicht, etwas “WageMutige Frauen” und “AußerOrdentliche Frauen”. Angenehm: Die Extravaganz der Proträtierten versucht er nicht mit wie auch immer gearteten sprachlichen Verrücktheiten zu doppeln. Die Darstellung Evitas beginnt etwa so: „Eva María Duarte – die spätere Evita Perón – wurde am 7. Mai 1919 in Los Toldos, einem kleinen Ort 250 Kilometer westlich von Buenos Aires, als fünftes Kind der 25 Jahre alten unverheirateten Hausangestellten Juana Ibarguren geboren.“ Und das ist nur der Anfang! Akribisch hat der Autor Informationen und Begebenheiten zusammengetragen. Überdies arbeitet er mit einer Montage-Technik, die an Filme denken lässt. Pointiert und kurzweilig verknüpft er Zitate – von den Porträtierten selbst, von Zeitgenossen und Biographen. Es ist seinem auf kluge Weise ruhig gehaltenen Tonfall zu verdanken, dass die Tollkühnheiten dieser Frauen zum Leuchten kommen. Zu dem Buch hier.

About Buero Magirius

Über spirituelle Spaziergänge und andere Tritte des Schriftstellers Georg Magirius.
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