Kurz ist besser

Wer Winzigkeiten in allernächster Umgebung beleuchet, kann universal verstanden werden. Das hat die Lesung mit Gabriele Wohmann aus “Eine souveräne Frau” in Seligenstadt gezeigt. Als in Darmstadt lebende Autorin schreibe sie allerdings nicht über Darmstadt, sagt sie. Ihr Sujet sei detailierter und zugleich allgemeiner. Das von ihr beobachtete und beschriebene Geschehen zwischen Menschen könne überall in Europa spielen, auch in Amerika. „In Asien vielleicht nicht.“ Tatsächlich sind Bücher von Wohmann in 15 Sprachen übersetzt. Die weit über 100 Besucher waren zwar nicht von Übersee, aber bis von Siegen nach Seligenstadt gekommen. “Zweifellos zählt die vielfach Prämierte zu den profiliertesten deutschen Autorinnen der Gegenwart”, hatte die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 9. Mai 2014 den Abend in der Evangelischen Kirche angekündigt.

Seligenstadt – ein Ort in Asien?

Aber wo liegt Seligenstadt genau? Am Main, an der hessisch-fränkischen Grenze, mögen Topographen sagen. Literarisch betrachtet aber vielleicht doch eher in Asien? Nein. Das Publikum kommentierte gleich die Auftakterzählung „Verliebt, oder?“ mit Lachen und Beifall. „Sie haben die Geschichte also verstanden!“, stellte Wohmann fest. Und damit war klar, dass ihr schwarzer, am ehesten englisch zu nennender Humor in einer deutschen, nämlich zwischen Aschaffenburg und Offenbach gelegenen Fachwerkstadt angekommen ist. Den Hunger auf Regionales musste sich das transnational verständige Auditorium deshalb nicht versagen: “Ich lese jetzt die Erzählung Puddingkreppel”, sagte sie. Denn: “Sie habe sich sagen lassen, ‘das hier soll eine Fastnachtsstadt sein.’ Die Grande Dame der Kurzgeschichte kennt Seligenstadt kaum.  ‘Ein Fehler’, erklärt sie, das habe sie schon bei den ersten Schritten hier bemerkt. Echtes Kompliment oder Komik? Auf trockenen Humor, wenn nicht gar Ironie, muss man bei ihr immer gefasst sein.” (Sabine Müller, Offenbach-Post vom 14. Mai 2014)

“Romane? Geschrieben an einem Tag”

Auf Initiative des Pfarrers Martin Franke von der evangelischen Kirchengemeinde Seligenstadt und Mainhausen und Franz Preuschoff von der Volkshochschule Seligenstadt war Wohmann in die Einhardstadt gekommen. Besonders an dem Abend: Sie las nicht nur, sondern gewährte – von Frankes Fragen angeregt – überraschende Blicke hinter die Kulisse ihrer Arbeit. „Beim Schreiben darf man nicht zu viel überlegen“, sagte sie. Sie stelle keine Schreibpläne auf, auch bei ihren Romanen habe sie das nie gemacht, sondern möglichst in einem Zug durchgeschrieben. Habe sie denn einen Roman etwa innerhalb eines Tages geschrieben?, hakte Franke nach. „Aber ja“, bestätigte Wohmann.

Kurz ist besser

Geringfügig länger hat Georg Magirius an der Herausgabe ihrer Meistererzählungen gearbeitet. „Ich musste mich erst einmal orientieren, wie viele Erzählungen überhaupt veröffentlicht sind“, sagte der in Seligenstadt lebende Schriftsteller. Keine habe er übersehen wollen. “Dabei habe er festgestellt, dass manche Motive immer wieder auftauchen. ‘Aber sie sind nie gleich erzählt, entwickeln sich ständig anders'” (Barbara Scholze, Evangelische Sonntagszeitung, 1. Juni 2014) Alle ihre etwa 60 seit 1958 veröffentlichten Erzählungsbände seien in die Arbeit einbezogen worden. Resultat: “Eine souveräne Frau”, 26 Meistererzählungen aus mehr als fünf Jahrzehnten inklusive zweier aktueller Geschichten. Ganz nebenbei ist auch eine Liste mit ihren 636 bislang veröffentlichten Erzählungen entstanden. Sie zeigt, in welchen Bänden welche Erzählung zu finden ist. Wohmann wird zuweilen als die Schriftstellerin mit dem umfangreichsten Werk in Deutschland seit dem Krieg bezeichnet. Bekannt ist sie aber genauso für ihre Kunst der Verknappung. Pointiert schloss sie den Abend mit der Erzählung „Kurz ist besser“.

Gabriele Wohmann, Eine souveräne Frau. Die schönsten Erzählungen, herausgegeben von Georg Magirius, Lektorat: Dr. Angela Drescher, Aufbau Berlin 2012. Aktuelles zu Gabriele Wohmann.

Belletristik: Neuer Kontinent entdeckt!

Auf einen unbekannten Kontinent weist Andrea Rinnert in der aktuellen Ausgabe 5/2012 des Buchjournals hin, das vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels herausgegeben wird. Bislang habe man ja allseits angenommen, innerhalb der deutschsprachigen Literatur gebe es überhaupt nur einen Kontinent, nämlich den ROMAN. Jetzt aber sei man auf ein Gebilde mit Namen ERZÄHLUNG gestoßen. Die Entdeckung kommt offenbar so unerwartet, dass man das neue Terrain auf den Landkarten der Literatur noch gar nicht eintragen konnte, deshalb ist in der Onlineausgabe des Buchjournals der Hinweis darauf vermutlich auch unter der Rubrik “Roman” zu finden. Als beachtenswerte Ureinwohnerin wird “Eine souveräne Frau” von Gabriele Wohmann vorgestellt. Der Geschmack dieser avantgardistischen Ursprache erinnere an Pralinen, ganz so süß zergingen die Sätze aber dann doch nicht auf der Zunge: “Wer hier des Öfteren ins Stutzen gerät, möge bitte nicht an der eigenen Kognitionskraft zweifeln: Der Rätsel-Effekt ist gewollt”, wird die Leserin ermuntert, sich auf den unerschlossenen Kontinent zu wagen.

Immer ätzend, niemals schön

Rose-Maria Gropp hält die Erzählungen vom Rätsel-Kontinent nicht nur für kurz, sondern auch für unbändig und gefährlich gut (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. August 2012). In diesem Urwald dürfe man nicht aufräumen und so tun, als ob es sich um einen netten Garten handeln würde. Deshalb löse bei ihr der Titel “Eine souveräne Frau. Die schönsten Erzählungen” eine allergische Reaktion aus. Das verbindet sie mit der Literaturkritikerin Sylvia Schwab, die sagt: Die wahre Wohmann schreibe ätzend und niemals schön. (Hessischer Rundfunk, 21. Mai 2012)

Erste Stimmen vom Gefahren-Kontinent

Kritische frau fragt folglich, wie man die fortwährend böse blickende und herrlich antimännlich schreibende (und – ähm – warum eigentlich seit 59 Jahren mit einem Mann verheiratete?) Wohmann denn nur mit dem Wort ‘schön’ in Verbindung bringen könne. Nach Informationen, die der Redaktion von Magirius-Aktuell vorliegen, lautete der Titelvorschlag des Herausgebers (keine Herausgeberin?) für die Erzähl-Auswahl: “Rebellion ist besser. Meistererzählungen von Gabriele Wohmann”. Der Aufbau Verlag entschloss sich allerdings für den Tarntitel mit souverän-schönem Untergrund. Warum? Bei Erscheinen der Anthologie war die ERZÄHLUNG noch nicht entdeckt. – Erste Berichte vom Gefahren-Kontinent hier. Foto: Annika Schulz – (c): Büro Magirius

Gabriele Wohmann: Sämtliche Erzählungen

Alle publizierten Erzählungen von Gabriele Wohmann sind jetzt in einem alphabetischen Verzeichnis erfasst. Heute ist die 636 Geschichten umfassende Liste der Öffentlichhkeit zugänglich gemacht woren: Wer den Titel einer Wohmann-Geschichte kennt, kann nun leicht erfahren, in welchem ihrer mehr als 70 Erzählungsbände diese Erzählung zu finden ist. Gabriele Wohmann gilt als Meisterin der Short Story. Seit 56 Jahren veröffentlicht sie unaufhörlich Erzählungen. Zum 80. Geburtstag am 21. Mai 2012 hat Georg Magirius die schönsten ausgewählt. Sie erscheinen am Tag ihres Geburtstages unter dem Titel “Eine souveräne Frau” im Berliner Aufbau-Verlag, Lektorat: Dr. Angela Drescher. Die Erzählungen der in Darmstadt lebenden Autorin sind u. a. bei Piper, Aufbau, Luchterhand, Pendo, Rowohlt, Claassen und der Eremitenpresse veröffentlicht, zuvor oft auch in Zeitungen wie der FAZ oder der Zeitschrift “Akzente”. 1957 kam es dort mit “Ein unwiderstehlicher Mann” zur ersten Veröffentlichung von Gabriele Wohmann. Der “unwiderstehliche Mann” wird die Sammlung “Eine souveräne Frau” eröffnen. (Foto: Annika Schulz – © Büro Magirius)