Die Vernichtung der Mandarinentorte

Ann-Kristin Schäfer (c) Foto von Stefanie Brandenburger - Schwarzkopf VerlagWarum sollte man ein Buch schreiben, wenn man darin weniger als ALLES erfassen wollte? Ann-Kristin Schäfer hat sich fürs Schreiben entschieden. Ihr Roman handelt nicht hübsch von einem Teilbereich, sondern erzählt von dem, was endlos zu wenig ist. Es geht um die Sehnsucht nach dem Unteilbare Vielen, es ist einen Roman über Religion, Liebe, Politik und das, was sinnvoll ist. “Johanna und die Sache mit dem Sinn des Lebens” heißt ihr Buch, ein sogenannter Jugendroman, der allerdings aus dem ihm zugewiesenen Genre purzelt und beunruhigend-beglückend in der Hand eines jeden liegen kann, “der über kein abgeschlossenes Sinnkonzept verfügt, weil beispielsweise das Leben selbst dieses gerade wieder einmal auf jugendliche Weise aufgebrochen hat.” So urteilt Georg Magirius in “Die Kirche”, der evangelischen Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz vom 10. Januar 2016. Schäfer finde eine Möglichkeit für das Unmögliche, eine Sprache für das eigentlich Nicht Benennbar Berührende und Tief Beruhigende, indem sie extremistisch viel Gefühl mit extremistisch viel Reflexion verknüpfe.

Sinnkern

Aus der Maximierung von Kräften, die gemeinhin als Gegensatz gesehen werden, ergebe sich ein Sinnkern: Zum Beispiel ein Augenblick, den man nicht verdrängt, sondern zulässt, selbst wenn er nicht verwertbar ist: Nämlich jemanden anzusehen, der angstvoll ist, ohne dass er eigens als offizieller Randgruppenteilnehmer ausgewiesen werde müsste. Dieses Schauen ist kein Schaffen, sondern eine sanfte, aber nicht lahme Menschlichkeit, der Blick für den gar nicht Fernen oder das Nächstliegende – wie etwa den Gedanken, dass Sinn und Glück in der real existierenden Welt möglich sind, solange daraus nicht der AnfangBuchcover des Romans JOHANNA UND DIE SACHE MIT DEM SINN DES LEBENS - Ann-Kristin Schäfer eines neuen Planes wird. Der Sinn des Lebens? Er beginnt damit, einen Geburtstag erleben zu dürfen, an dem die Mandarinentorte aus der Tiefkühltruhe vernichtet wird. Die Besprechung des Romans in der Zeitung “Die Kirche” >>> lesen. Redaktion: Amet Bick.

Ann-Kristin Schäfer, Johanna und die Sache mit dem Sinn des Lebens, 352 Seiten, Schwarzkopf und Schwarzkopf, Berlin, ISBN 978-3-86265-248-8,16,95 EUR.  Zur Website der Autorin:  Foto : Stefanie Brandenburg (1).

Zwischen Liebestutor, Sinn und Satan

Ann-Kristin Schäfer widmet sich in ihrem Roman “Johanna und die Sache mit dem Sinn des Lebens” großen Angelegenheiten wie Marxismus, Liebe, Gott, Satan, Sex und der Einverleibung beachtlicher Mengen Alkohol. Überraschend jedoch: Vor allem setzt die 24-Jährige in ihrem literarischen Debüt das vermeintlich Unbedeutende ins Recht. So geht sie etwa der Frage nach, wie man als Jugendliche eigentlich seinen Geburtstag mit Eltern, Oma und einer fabrikgefertigten Mandarinentorte aus der Tiefkühltruhe überstehen kann. (Georg Magirius’ Beitrag in Deutschlandradio Kultur vom 29. Juni 2014 lesen >>> hören, Redaktion: Philipp Gessler, Aufnahmeleitung und Ton: Antonia Reinecke).

Sehnsucht nach mehr

Ann-Kristin Schäfer, die derzeit beim Nachrichtenmagazin Focus in München volontiert, schickt ihre Protagonistin Johanna auf die Suche nach einem Land, in dem Langeweile, Mandarinentorten und Durchschnittlichkeit ausgebürgert sind. „Sie will mehr“, sagt Schäfer im Interview im Deutschlandradio: „Johanna will etwas Besonderes sein, nicht wie alle anderen, sondern etwas Sinnvolles machen, etwas, das später Spuren hinterlässt.“ Die 17-Jährige gerät per Zufall in eine christliche Gemeinde, wie man sie in vielen Freikirchen, aber auch in nicht unbedeutenden Teilen der Volkskirchen antreffen kann. Die Autorin, die selbst Erfahrungen mit entschieden frommen Gruppen hat, zeichnet ein Bild, das so profiliert ist, wie es soziologische Studien vermutlich niemals könnten.

Lässt sich ein Kuss christlich-ethisch systematisieren?

Johanna spaziert durch die ihr neue Welt des Glaubens mit Skepsis und Sinn für Gefühl. Angezogen ist sie vom Enthusiasmus musikalischer Gottesdienste, lässt sich leiten von dem Wunsch, ganz und gar aufgehoben zu sein. Bald jedoch stolpert sie über ein Regelwerk, in dem die Lust an der Überraschung als Instrument des Satans gilt. Doch Johanna will sich ihre Sehnsucht nicht regulieren lassen, sondern das Unendliche am liebsten ergreifen und zu sich ziehen – oder ihren Freund schlicht und einfach einmal heftig umarmen, ohne Gott oder den ihr zugeordneten Liebestutor um Erlaubnis bitten zu müssen. Wobei ohnehin klar ist, dass beide „Veto“ sagen würden. Ann-Kristin Schäfer: „Ich glaube, dass man Leuten nicht zu viel reinquatschen sollte. Ich würde jetzt keinem reinquatschen, der – was weiß ich – den ersten Kuss vorm Traualtar haben will. Es ist ja nicht meine Sache. Aber das Problem ist, dass man das dann als den einzigen richtigen Weg sieht und das dann jedem aufdrängen muss.“

Junger Marxismus und Vereinsmeierei

Weil Johanna das Fragen nicht lassen kann, entwindet sie sich den kirchlichen Enthusiasten. Und engagiert sich jetzt politisch, und zwar extrem links. Und alles ändert sich! Endlich lebt sie frei, auch in Liebesdingen ist der Regelwahn verschwunden. Allerdings: „Im Prinzip wiederholt sich vieles“, sagt Schäfer: „Aber eben im Gegenteil. Und das ist ihr erst einmal nicht bewusst. Mit der Zeit fällt ihr aber auf, dass es zwischen ihrem früheren Umkreis und dem neuen Umkreis auch wieder Parallelen gibt, obwohl es auf den ersten Blick das absolute Gegenteil war.“ Da herrschen Kleinkariertheit, Eitelkeit und Machtgelüste – mal mehr und mal weniger kaschiert von der coolen Jacke der anvisierten totalen Weltverbesserung. So klettert Johanna erneut aus der Schublade, in der sie sich selbst hineinbegeben hatte. Aber was ist nun mit dem Sinn? Doch, dem sei sie näher gekommen, nur anders als erwartet … – sagt die Autorin im Deutschlandradio Kultur: >>> lesen >>> hören,

Ann-Kristin Schäfer, Johanna und die Sache mit dem Sinn des Lebens, 352 Seiten, Schwarzkopf und Schwarzkopf, Berlin 2013, ISBN 978-3-86265-248-8,
16,95 EUR
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Zur Website der Autorin:  Fotos (c): Georg Magirius (1), Stefanie Brandenburg (1).