Die Rebellion der leisen Töne

Ständig scheint das Lebenstempo zunehmen. Um nicht abgehängt zu werden, gilt es, möglichst immerzu erreichbar sein. Die Harfenisten Miroslava Stareychinska und der Schriftsteller Georg Magirius setzen in einer Klanglesung am 22. Februar um 19 Uhr im Gemeindezentrum Luckenau in Zeitz bezaubernd leise Töne gegen das Gebot gegenwärtiger Aufgeregtheit.    Klanglesung mit Georg Magirius und Miroslava Stareychinska in Zeitz

Im Land der Stille

Dank der spirituellen Worte und Klänge wird der innere und äußere Lärm allmählich abgestreift. Und wie von selbst öffnet sich die Tür ins Land der Stille. Dort wartet ein Frieden, der unkündbar ist – und sei es nur für eine Stunde. Die international tätige Konzertharfenistin Miroslava Stareychinska spielte bei den Berliner Philharmonikern, dem Radiosinfonieorchester Stuttgart und im Opern- und Sinfonieorchester der Stadt Plowdiw, der europäischen Kulturhauptstadt 2019. Immer wieder ist sie als Jazzmusikerin zu hören, etwa mit der hr-Bigband,  den Red Hot Hottentots, mit Pablo Peredas oder der Bassistin Lisa Wulff.

Im Haus der Krimikracher

Evangelisches Gemeindezentrum Luckenau Foto von Matthias KeilholzDas evangelische Gemeindezentrum Luckenau hat im Burgenlandkreis und der Region Zeitz als Veranstaltungsort einen exzellenten Ruf. In ihm werden Hochzeiten, indische Abende, Geburtstage, Worte der Bibel und und andere dramatische Texte gefeiert. Zu erleben sind zum Beispiel das Geheimnis der dunklen Truhe, Krimikracher wie “Arsen und Spitzenhäubchen” – und nun eben die rebellische Macht der leisen Töne. Die Leitung des Abends hat Pfarrer Matthias Keilholz. Fotos: Rüdiger Döls, Matthias Keilholz, Simon Zimbardo. Plakatgestaltung: Dr. Daniel Thieme.

Ein Rückblick auf die Klanglesung mit Fotos findet sich >> hier.

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Gabriele Wohmann
Ein netter Kerl
(1978)
Ich habe ja so wahnsinnig gelacht, rief Nanni
in einer Atempause. Genau wie du ihn be-
schrieben hast, entsetzlich.
Furchtbar fett für sein Alter, sagte die Mutter.
Er sollte vielleicht
Diät essen. Übrigens, Rita,
weißt du, ob er ganz gesund ist?
Rita setzte sich gerade und hielt sich mit den
Händen am Sitz fest. Sie sagte: Ach, ich glaub
schon, daß er gesund ist. Genau wie du es er-
zählt hast, weich wie ein Molch, wie Schlamm,
rief Nanni. Und auch die Hand, so weich.
Aber er hat dann doch auch wieder was Liebes,
sagte Milene, doch, Rita. ich finde, er hat was
Liebes, wirklich.
Na ja, sagte die Mutter, beschämt fing auch sie
wieder an zu lachen:
recht lieb, aber doch
gräßlich komisch. Du hast nicht zuviel ver-
sprochen. Rita, wahrhaftig nicht. Jetzt lachte
sie laut heraus. Auch hinten im Nacken hat er
schon Wammen, wie ein alter Mann. rief Nan-
ni. Er ist ja so fett, so weich, so weich. Sie
schnaubte aus der kurzen Nase, ihr kleines
Gesicht sah verquollen aus vom Lachen.
Rita hielt sich am Sitz fest. Sie drückte die Fin-
gerkuppen fest
ans Holz.
Er hat so was Insichruhendes, sagte Milene.
Ich find ihn so ganz nett. Rita, wirklich, komi-
scherweise.
Nanni stieß einen winzigen Schrei aus und
warf die Hände auf den Tisch; die Messer und
Gabeln auf den Teller klirrten.
Ich auch, wirklich, ich find ihn auch nett,
rief sie. Könnt ihn immer ansehn und mich
ekeln.
Der Vater kam zurück, schloß die Eßzim-
mertür, brachte kühle nasse Luft mit herein.
Er war ja so ängstlich, daß er seine letzte
Bahn noch kriegt, sagte er. So was von ängst-
lich.
Er lebt mit seiner Mutter
zusammen
, sagte Rita.
Sie platzten alle heraus, jetzt auch Milene.
Das Holz unter Ritas Fingerkuppen wurde
klebrig. Sie sagte: Seine Mutter ist nicht ganz
gesund, soviel ich weiß.
Das Lachen schwoll an, türmte sich vor ihr
auf, wartete und stürzte sich dann herab, es
spülte über sie weg und verbarg sie lang genug
für einen kleinen schwachen Frieden. Als er-
ste brachte die Mutter es
fertig, sich wieder zu
fassen.
Nun aber Schluß, sagte sie, ihre Stimme zit-
terte, sie wischte mit einem Taschentuch-
klümpchen über die Augen und die Lippen.
Wir können ja endlich mal von was anderem
reden.
Ach, sagte Nanni. Sie seufzte und rieb sich den
kleinen Bauch, ach ich bin erledigt, du liebe
Zeit. Wann kommt die große fette Qualle denn
wieder, sag, Rita, wann
denn? Sie warteten al-
le ab.
Er kommt von jetzt an oft, sagte Rita. Sie hielt
den Kopf aufrecht.
Ich habe mich verlobt mit ihm.
Am Tisch bewegte sich keiner. Rita lachte
ver-
suchsweise und dann konnte sie es mit großer
Anstrengung lauter als die anderen, und sie
rief: Stellt euch das doch bloß mal vor; mit
ihm verlobt! Ist das nicht zum Lachen!
Sie saßen gesittet und ernst und bewegten vor-
sichtig Messer und Gabeln.
He, Nanni, bist du mir denn nicht dankbar,
mit der Qualle hab ich mich verlobt, stell dir
das doch mal vor!
Er ist ja ein netter Kerl, sagte der Vater. Also
höflich ist er, das muß man ihm lassen.
Ich könnte mir denken, sagte die Mutter ernst,
daß er menschlich angenehm ist, ich meine,
als Hausgenosse oder so, als Familienmit-
glied.
Er hat keinen üblen Eindruck auf mich ge-
macht, sagte der Vater.
Rita sah sie alle behutsam dasitzen, sie sah ge-
zähmte Lippen. Die roten Flecken in den Ge-
sichtern blieben noch eine Weile. Sie senkten
die Köpfe und aßen den Nachtisch.
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Worterklärungen
Z. 10: der Molch = eidechsenähnliches, hässliches Wassertier
Z. 15: beschämt = peinlich berührt
Z. 20: die Wamme = die Fettschwarte
Z. 41: herausplatzen = hier: laut loslachen
Z. 48: etwas fertig bringen = etwas schaffen
Z. 56: erledigt = hier: erschöpft

Z. 57: die Qualle = die Meduse / glockenförmiges, weiches Meeresti

Drei Tipps für eine bessere Kommunikation

Die Fähigkeit, manchmal überhaupt gar nichts zu sagen, kann zu einer besseren Kommunikation führen. Das behauptet der Theologe und Schriftsteller Georg Magirius im Logo Deutschlandfunk Deutschlandfunk in der Sendung “Am Sonntagmorgen” am 8. Juli 2018. (jetzt >> hören.) Damit stellt er die oft als Allheilmittel gehandelte Empfehlung für eine bessere Verständigung in Frage, die lautet: “Reden, reden, reden. Wir müssen endlich reden!”

Kommunikationsmuster aufbrechen

In der Sendung “Hemmungslos still” argumentiert Magirius stattdessen mit einer Geschichte, in der die Lautlosigkeit zu einer außergewöhnlichen Verständigung führt. Erzählt wird von einer Frau, die als schweigsam gilt. Als zurückhaltend lässt sie sich jedoch nicht gerade charakterisieren. Im Kino schaut sie oft mehrere Filme hintereinander.Bettina Linck Deutsche Philharmonie Merck Konzertharfe Foto von Rüdiger Döls Bei einem Sommer-Open-Air-Festival begegnet sie einem Mann, der viele Worte von sich gibt, mit dem sie aber kein einziges Wort wechselt. Laut Magirius kann gerade solch eine vermeintliche Einbahnstraßen-Kommunikation festgefahrene Verständigungsmuster aufbrechen.

Bis zu 40 Tage Schweigen

Bei dem Festival bieten Bands und Künstler eine effektgeladene Show, dieser Mann tritt auf die Bühne, setzt sich, erzählt. Sonst nichts. Mehreren Berichterstattern zufolge begrenzt sich der Mann zwischen seinen Auftritten enorm, legt Schweigephasen von bis zu 40 Tagen ein. Womöglich deshalb trifft sein Erzählen die Kinoliebhaberin tief. Kurz darauf kommt es zu einer Entgrenzung: Zwischen beiden entsteht ein von ihr ausgehender Kommunikationsfluss, der sich fast schon als Verständigungsekstase bezeichnen lässt. Die Stille und ein über alle Maßen teures Parfüm spielen dabei eine wichtige Rolle.

Die drei Tipps auf einen Blick

Grenzenloses Erzählen, Stille und ein von einem kostbaren Geruch erfüllter Kommunikationsraum – das sind die Empfehlungen für eine bessere Verständigung aus Magirius’ Radioessay. Die Sendung ist angeregt von dem Buch “Traumhaft schlägt das Herz der Liebe – ein göttliches Geschenk.” Musikalisch interpretiert wird die Sendung von der Harfenistin Bettina Linck (Foto: Rüdiger Döls). Sie kommentiert die Argumentationen mit dem Lento aus der Sonate pour harpe von Germaine Tailleferre,  mit Auf Matin aus der Etude de harp von Liebesgeschichten der BibelMarcel Tournier und dem Moderato aus der Sonate in c-moll von Giovanni Battista Pescetti (Tonmeister: Robert Foede) Sendungsaufnahme: Anke Maria Adam (Funkhaus am Dornbusch). Die Redaktion der Sendung hat Frank-Michael Theuer. (jetzt >> hören.)

Georg Magirius, Traumhaft schlägt das Herz der Liebe – ein göttliches Geschenk, mit vielen farbigen Abbildungen von Marc Chagall, Lektorat: Heribert Handwerk, Echter Verlag Würzburg, 14,90 Euro. 978-3429035853.

Der Beweis: Jesus trank Frankenwein

Weingut Klüpfel Thüngersheim (c) www.kluepfelweine.deDer Dichter Lessing sprach einst vom garstigen Graben der Geschichte, der zwischen der Enstehungszeit der Bibel und der Gegenwart vergangen sei. Seit Lessing sind nun schon wieder einige Jahrhunderte vorbei. Doch am 16. Mai 2018 ab 19 Uhr in St. Michael in Lohr am Main verliert der Graben seine Garstigkeit, er wird auf köstliche Weise übersprungen. Dann lässt sich bei der Biblischen Weinprobe genau jener Geschmack erleben, den Jesus, Noah oder Salomo im Gaumen spürten. Die Weine aus Altem und Neuem Testament also sind Frankenweine, wird diese Bibelexegese weinglasklar beweisen.

Salomo kam bis nach Thüngersheim

Der Bettina Linck - Foto von Rüdiger DölsTheologe und Schriftsteller Georg Magirius und die Harfenistin Bettina Linck präsentieren Geschichten vom Wein, der laut Hei­liger Schrift „das Herz des Menschen erfreut“ und „mit gutem Mut“ getrunken werden soll. Vier Bi­bel­weine vom Weingut Willibald Klüpfel aus Thüngersheim werden vorge­stellt, die zu trunken-fröhlichen, exakt auf die Weine abgestimmten Geschichten und perlender Harfen­musik genossen werden: Noahs Traumwein, Jesu Wunderwein, Salomos Weis­heitswein und ein feuriger Pfingstwein. Bei so viel Sinneslust darf natürlich auch die eine oder andere biblische Fest- und Liebesgeschichte nicht fehlen.

Baccantische Genüsse

Religiöser Weingenuss Foto von Rüdiger DölsBislang wurde diese Art der Bibelannäherung mit französischen, pfälzischen, rheinhessischen und Weinen aus dem Bündner Land und Israel gefeiert. Die Rheinpfalz urteilt über diese Verbindung von Genuss und Spiritualität: “Informationen, Anekdoten und bacchantische wie musikalische Genüsse flossen auf eine wunderbare Weise zusammen.” Die Bibelweinprobe mit Frankenweinen ist eine Premiere, organisiert und geleitet wird die religiöse Bildungsveranstaltung der etwas anderen Art von Caroline Huber und Meike Röder von Herder Reisen und Katja Seith und Pfarrer Sven Johannsen von der Pfarrgemeinde St. Michael. Fotos: Rüdiger Döls und www.kluepfelweine.de

Vom Leben der Ehemänner im Holzfasskeller

Theater Fasskeller Marktheidenfeld (c) Hotel AnkerIm urigen Kellergewölbe umgeben von alten Weinfässern des Hotels Anker in Marktheidenfeld entsteht eine Nähe zum Künstler, wie es anderorts kaum möglich ist. Seit 2008 lassen sich dort Erzähltheater und Musikshows erleben, Zauberkünstler und Bauchredner, Lesungen und Kabarett.  Am 3. Februar 2017 fragen Bettina Linck und Georg Magirius: Was geschieht einem als Ehemann, wenn man mit Sara im Brautgemach verschwindet? Alle Ehemänner, die das bislang erlebten, überlebten nicht. Welche Taktik wird Tobias, Saras inzwischen achter Ehemenn, für seine Hochzeitsnacht mit dieser nicht ganz ungefährlichen Braut wählen?

Hüften aus Gold und andere Wunder

Bettina Linck Foto von Rüdiger DölsDas  ist nur eine der biblischen Liebesgeschichten,  die die Konzertharfenistin und der Theologe ernsthaft, aber nicht todernst in die Gegenwart verlegen. Angeregt ist der Abend von Magirius’ Buch “Traumhaft schlägt das Herz der Liebe”. Auf der Bühne des Fasskellers in Marktheidenfeld im Frühjahr 2017 sind außerdem zu erleben: Hüften aus Gold – Comedy mit Streckenbach & Köhler, die musikalisch-philosophische Spurensuche “Wo bitte geht’s zum Leben?” mit Markus Grimm, El Moreno – ein Flamenco-Konzert mit dem Gitarristen Clemens Maria Peters und ein Konzert mit Jürgen Schwab. Dessen Lieder stehen unter dem Motto “Berühren statt Berieseln” und erzählen von der Zeit der Wunder und Märchen, als wir noch Zwerge und Riesen zugleich waren.

Harfe, Hochzeitsnacht und 7 tote Ehemänner, 3. Februar 2017, 20.00 Uhr, Theater Fasskeller Hotel Anker, Kolpingstraße 7, 97828 Marktheidenfeld, Eintritt: 17 Euro >> Zum >>> Theater Fasskeller – Veranstalter: Hotel Anker und Artcon (Herbert Löw) – Fotos: (c) Hotel Anker und (c) Rüdiger Döls. Weitere Informationen >> hier.

Die Hohe und Niedere Liebe der Bibel

Liebe braucht nicht allein äußere, sondern auch innere Berührung. Das schreibt Charlotte Martin im Rüsselsheimer Echo vom 16.  Februar 2016 über die Konzertlesung am Valentinstag in der Groß-Gerauer Stadtkirche. Zu Gast vor 165 Besuchern waren die Harfenistin Bettina Linck (Foto: Rüdiger Döls) und Autor Georg Magirius, die seit 2005 in Deutschland und der Schweiz unterwegs sind, „um hörbar zu machen, wie viel Liebe sich in der Bibel verbirgt. Nicht nur die allumfassende Liebe Jesu. Sondern auch Liebesgeschichten des Alten Testaments um Rahel und Jakob, Geschichten um das unterschiedliche Liebesverständnis von Martha und Maria oder auch um die Liebe des ungläubigen Thomas.“ Dass das Thema aller Themen in allen möglichen Schattierungen poetisch und musikalisch entfaltet wurde, gefiel den Besuchern „offensichtlich, sie applaudierten angeregt“, beobachtete Berichterstatterin Martin.

Feinfühlig und kraftvoll

Freilich gaben die Erzählungen aus Magirius’ Buch “Traumhaft schlägt das Herz der Liebe” die biblische Tradition nicht bloß wieder, sondern umkreisten sie “achtbar sinnsuchend” und sprachen sie übergangslos mit Gegenwärtigem zusammen. Außerdem: „Beflügelnd umrahmte das feinfühlige Harfenspiel der Musikerin Linck die Geschichten, horchte die Atmosphäre des Gelesenen aus und setzte mit Kompositionen alter Meister sowie selbst Komponiertem schöne Klangakzente zwischen den Worten”, urteilt das Rüsselsheimer Echo. Und das Groß-Gerauer Echo berichtet in seiner Ausgabe vom 17. Februar 2016 über “tiefsinnige Anregungen” zum Thema – etwa zum Hohenlied der Liebe, die “Zugabe nach kräftigem Beifall des Publikums. Stadtkirchenpfarrer Helmut Bernhard dankte dem Künstlerpaar für den ‘beeindruckenden Auftritt’, der ihm sehr gefallen und ihn inspiriert habe.”

Traumhaft schlägt das Herz der Liebe – ein göttliches Geschenk, mit Farbbildern von Marc Chagall, Grafische Gestaltung: Stafan Weigand, Lektorat: Heribert Handwerk, 160 Seiten, Echter Verlag Würzburg, 14,90 Euro.

Die biblische Weinprobe

Kirche auf dem Weinfest in Malans 2015 Foto © Rüdiger Döls www.malans-reformiert.ch

Den Bibelwein gibts wirklich

Die Besucher des Weinfestes der Bündner Herrrschaft in Malans im September 2015 sind überrascht. In der Reformierten Kirche gibt es tatsächlich Wein zu trinken.

Genussvermehrung

Von Ausschank zu Ausschank wächst die Zahl derer, die den Lustfaktor der Bibel testen. Erst sind es 40, dann 60, bei der dritten Probe 90. Und als schließlich Jesu Wunderwein seine Wirkung entfaltet, sind es 200 (Fotos: © Rüdiger Döls).

Georg Magirius in Graubünden Foto © Rüdiger Döls http://www.malans-reformiert.ch/

Kein trockenes Referat

Die Biblische Weinprobe zeigt religionsgeschichtliche und kulturgeschichtliche Hintergründe eines traditionsreichen Getränks auf. Dabei handelt es sich um kein trockenes Referat, sagt der Theologe und Autor Georg Magirius. Denn die Wissensaneignung tritt in eine Wechselwirkung mit der Sinneslust.

Noahs Traumwein Kirche auf dem Weinfest in Malans 2015 Foto © Rüdiger Döls www.malans-reformiert.ch

Alles beginnt mit dem Geschmack

Mehrere Ebenen des Erkennens spielen ineinander. „Es handelt sich um einen Dreiklang des Genusses“, sagt Magirius. Alles beginnt mit dem Schmecken. Wenn der Wein den Gaumen gefunden hat, tritt eine gezielt ausgewählte biblische Erzählung in ein Duett mit dem Wohlgeschmack. Damit nicht genug: Die Harfenistin Bettina Linck komplettiert dieses Wein-Wort-Geschehen mit einem eigens darauf abgestimmten Musikstück.

Bettina Linck in Graubünden Foto © Rüdiger Döls www.malans-reformiert.ch

Der schönste Tag des Lebens

Aber ist solch multipler Genuss überhaupt erlaubt, insbesondere das Ausschenken von Wein in einem Gotteshaus? So reagieren einige. „Denen, die so fragen, wünsche ich, sich diese Frage einmal einen Tag lang nicht zu stellen“, sagt Pfarrerin Helke Döls. „Es könnte der schönste Tag ihres Lebens werden.“

Helke Döls Foto © Rüdiger Döls www.malans-reformiert.ch

Feinste Perlen

Immer weiter werden Flaschen entkorkt. Als Noahs Traumwein amtiert ein nach traditioneller Methode abgefüllter Schaumwein, der aus Riesling-Silvaner-Trauben gekeltert ist. Nach dieser Methode produzierte Schaumweine haben, so die Erklärung des Winzers, feinste Perlen und gelten als die edelsten Schaumweine. Das bestätigen die Ohren, die Premiere Arabesque von Claude Debussy hören.

Hedwig Gasche Foto © Rüdiger Döls www.malans-reformiert.ch

Blauburgunder in Graubünden

Ein Blauburgunder verkörpert den feurigen Pfingstwein. Die Rebe stammt aus Burgund, wird seit dem 17. Jahrhundert in der Bündner Herrschaft angebaut und ist dort zur bedeutsamsten Sorte geworden. Ein kraftvoller, fruchtiger und bouquetreicher Geschmack, den auch der Tango von Carlos Salzedo erleben lässt.

Foto © Rüdiger Döls www.malans-reformiert.ch

Tiefes Rubin

„A time for us“ von Nino Rota führt Solomos Weisheitswein ein. Er erzählt von Zusammenhalt und der Weisheit des Feierns, was laut biblischem Predigerbuch jeglichen Überdruss überwinden kann. Gereicht wird ein Pinot Noir 2013 in tiefem Rubin mit nobler Barriquenote – laut Winzer „sehr elegant und stimmig, trotzdem komplex und tief“.

Blauburgunder auf dem Weinfest in Malans 2015 Foto © Rüdiger Döls www.malans-reformiert.ch

Trinklust und Wasser

Elegant und tief – diese Charakterisierung trifft freilich auch auf Jesu Wunderwein zu.  Er wird als Gipfelschmaus gereicht: Er bestätigt die Größe aller Weine und übertrifft sie noch auf wunderliche Weise. Kreiert hat Jesus ihn nämlich, erzählt das Johannesevangelium, aus Freude, Trinklust und Wasser.

Evangelische Kirche Malans Foto © Rüdiger Döls www.malans-reformiert.ch

Die biblische Weinprobe mit ökumenischem Festgottesdienst auf dem Weinfest in Malans 2015 – Predigt und Moderation: Pfarrerin Dr. Helke Döls – Harfe: Bettina Linck – Auswahl der Weine: Dorothea von Sprecher – Lesung aus „Traumhaft schlägt das Herz der Liebe“ und „Mit 100 Fragen durch die Bibel“: Georg Magirius – Biblische Lesung: Pfarrer Gregor Evangelische Kirche Malans Foto © Rüdiger Döls www.malans-reformiert.chZyznowski – Orgel: Lucretia Bärtsch – Gesamtleitung: Erika Fankhauser – Fotos: © Rüdiger Döls. – Die biblische Weinprobe mit Bettina Linck und Georg Magirius wird an unterschiedlichen Orten durchgeführt  – etwa mit pfälzischen, französischen, rheinhessischen und fränkischen Weinen. – Die Evangelische Kirchgemeinde Malans auf > Facebook.


Liebesverschwörung in Bielefeld

Bielefeld - fotografiert von der Sparrenburg Foto Wikipedia Es gibt kaum einen besseren Ort  für die Aufführung des Unbeweisbaren als Bielefeld. In der Reformierten Süsterkirche geht es am 29. April 2015, 19.30 um das Thema aller Themen, dem sich die Harfenistin Bettina Linck und der Schriftsteller Georg Magirius widmen. Dabei lassen sie sich von der orientalischen Erzähllust der Bibel inspirieren. „Das gibt’s nicht!“, wenden Rationalisten ein, die allein an das glauben, was greifbar ist. Und meinen damit nicht nur die Liebe, sondern auch Bielefeld. 

Bielefeld: ein Phantom?

Seit den 1990er Jahren ist eine Aufklärungsinitiative am Werk, die am Beispiel einer angeblich weit über 300.000 Einwohner zählenden Stadt in Ostwestfalen belegen will, wie leicht Verschwörungstheorien funktionieren. Ihren Recherchen zufolge ist das Gerücht der Existenz Bielefelds von der CIA in Umlauf gebracht worden. Konzertlesung in der Reformierten Kirche in Malans in Graubünden Foto (c) Rüdiger DölsVermutlich weil sich dort, wo Leichtgläubige die Stadt vermuten, in Wahrheit der Eingang zum sagenumwobenen Reich Atlantis befinde. So lautet wenigstens eine These. Aber wenn es nur allein um Bielefeld ginge! Da ist nämlich auch noch die Lage Bielefelds am Teutoburger Wald, dessen Gehölz ebenfalls ein verwirrendes Gemisch aus Realität und Phantastik wachsen lässt. Inklusive der Varusschlacht ist das Mittelgebirge zwar von niemand Geringerem als dem römischen Historiker Tacitus bezeugt. Doch die Existenz des genauen Ortes, an dem Hermann die Römer geschlagen haben soll, ist bis heute nicht nachgewiesen.

Geist Aschmodai – eine Ausrede?

Jene, die nun trotz Unbeweisbarkeit an der Realität Bielefelds festhalten, können vermutlich nachfühlen, was Sara dem biblischen Buch Tobit zufolge erlebt: „Das gibt’s nicht!“, sagen Freundinnen und Verwandte, als diese einmal mehr aus der Hochzeitsnacht als Witwe hervorgeht. „Das war Geist Aschmodai!“, beharrt sie, was ihre Umgebung lachen lässt. Doch Sara bleibt dabei, es ist ein Gebet, ein hoffungsvoll-verzweifelter Schwur, dass die Liebe eines Tages oder Nachts einen guten Anfang nehmen wird. An ihr liege es jedenfalls nicht, dass die Männer kurzatmig seien und stets in einer von ihr bislang erlebten sieben Hochzeitsnächten verendeten.

Musik: ein Gerücht?

Das poetisch durchflochtene Harfenkonzert wird vom Evangelischen Stadtkantorat unter Leitung der Kirchenmusikdirektorin Ruth M. Seiler veranstaltet. Und gleich wieder ist sie da, die Frage: Gibt’s das überhaupt? Musik!? Prosaisch Veranlagte sammeln CDs, messen die Länge von Notenhälsen oder führen Buch über die von ihnen verinnerlichten Reformierte Süsterkiche Kirchturm Bielefeld Foto (c) www.reformierte-gemeinde-bi.deMozartkugeln pro Jahr. Aber dass bereits ein Melodiefetzen einen Menschen von Grund auf verwandeln kann, das ist für sie ein Hirngespinst. „In und durch Musik, gesungen und gespielt, vermittelt sich das Evangelium“, heißt es hingegen in den Linien der Evangelischen Kirchenkreises Bielefeld, von denen sich der Veranstalter leiten lässt. Zudem stifte Musik Beziehungen. Doch auch das, was Beziehungen zugrunde liegt, ist ein umstrittenes Phänomen, womit wir wieder im Anfang wäre. Denn was Menschen zusammenhält, lässt sich kaum dingfest machen.

Die Liebe: eine Realität?

Fassen wir also zusammen: Die Liebe, Bielefeld, Geist Aschmodai, das Evangelium, der Teutoburger Wald, Musik – und dann auch noch ein über die Maßen vergnügter 8. Ehemann nach einer Hochzeitsnacht mit Sara? Ist das wirklich möglich – Realität oder gelogen, da nicht nachweisbar? Das Fragen ist am 29. April in der Reformierten Süsterkirche erlaubt. Reformiert bedeutet nämlich: ein kühler Kopf ist nicht das Verkehrteste im Leben und beim Glauben, Hoffen, Lieben. So wird die Konzertlesung in B., ob es nun auf welche Weise auch immer existiert oder auch nicht, in ein Finale münden, das Charismatiker und Zweifler, Skeptiker und Gefühlsmenschen miteinander versöhnt. Denn ausgerechnet das unablässige Nachfragen des Thomas, wird der Abend zeigen,  führt zum Cover des Buches von Georg Magirius "Traumhaft schlägt das Herz der Liebe"  - Motiv von Marc Chagallwohl rauschhaftesten Liebesbekenntnis, dass die Bibel kennt.

Harfe, Hochzeitsnacht und 7 tote Ehemänner, Georg Magirius liest aus „Traumhaft schlägt das Herz der Liebe“, Konzertharfe: Bettina Linck, Reformierte Süsterkirche, 19.30, Süsterplatz 2, 33602 Bielefeld, 8 EUR / 6 EUR ermäßigt – Veranstalter: Evangeliches Stadtkantorat: Kirchenmusikdirektorin Ruth M. SeilerFoto: Bielefeld (c) Wikipedia – Süsterkirche (c) Ev.-reformierte Kirchengemeinde Bielefeld – Foto Harfe (c) Rüdiger Döls