Exotische Stille

Es ist ein Experiment von exotischer Eigenheit. Denn am 15. Dezember 2019 nähert sich der Theologe und Schriftsteller Georg Magirius im Bayerischen Rundfunk der Stille an, ohne auch nur ein einziges Mal das Wort Yoga zu verwenden. Ausgangspunkt der Sendung “Aufgehoben in der Stille” ist die Erfahrung der Reizüberflutung, von Schnelllebigkeit, Tempozwang und dem damit verbundenen Wunsch nach Ruhe. (Manuskript > lesen. Sendung jetzt > hören.) Die naheliegendste Lösung jedoch hilft laut Magirius oft nicht weiter: Denn mit der abrupten Verringerung der Dezibelzahl spüren viele, wie die innere Unruhe zu rumoren beginnt. “Auch Wellnesswochenenden, Achtsamkeitstrainings und diverse Techniken aus dem Meditiationsbusiness-Segment scheinen keine tiefergehende Ruhe zu vermitteln, sonst würde es nicht zu immer neuen Angeboten kommen.”

Stille Anrede
Das Essay, gesprochen von Birgitta Assheuer und Moritz Stoepel, erkundet die Stille, ohne ihr das Geheimnisvolle rauben zu wollen. Zu hören ist Música Callada von Federico Mompou, interpretiert vom Pianisten Emili Brugalla. Davon angeregt und in Auseinandersetzung mit namhaften Schriftstellerinnen und Dichtern wie Arnold Stadler, Manuela Fuelle und Uwe Kolbe werden spirituelle Ruheräume vorgestellt, in denen man sich aufgehoben fühlen kann: im Wald, bei Schneefall, beim Schwimmen im See, im Nachhall der Musik. Es sind Möglichkeiten, um – wie es Bernardin Schellenberger sagt – „die Anrede an mich zu hören“.

Aufgehoben in der Stille, Von der Suche nach spirituellen Ruheräumen, Sonntag 15. Dezember 2019, Bayern2Kultur, Katholische Welt, 8.05-8.30, Wdh. BR-Heimat 9.05-9.30, Manuskript > lesen, Sendung jetzt kostenfrei > hören. Ton: Erik Buhne, Regie: Georg Magirius, Redaktion: Wolfgang Küpper. Die Sendereihe Katholische Welt, erstmals 1952 im Programm, thematisiert grundsätzliche Fragen in Kirche und Christentum, Religion und Gesellschaft. Ganz wichtig: Der Dialog in der katholischen Kirche, zwischen den Kirchen und mit den anderen Weltreligionen. Fotos: Veronika Sergl-Vahlenkamp, Thilo Körkel, Georg Magirius.

Endlich Ruhe!

Wolfsee bei Iphofen - Foto (c) Georg MagiriusEs ist eine der abenteuerlichsten Landschaften, in die sich reisen lässt: die Abgeschiedenheit. Für Stunden, Tage oder Wochen entzieht man sich dem Anspruch, ständig eingebunden sein zu müssen. Die Stille fühlt sich kostbar an, kann allerdings auch beängstigen. Denn niemand weiß, was genau passiert, wenn man das gewohnte Leben verlässt. Die Betrachtung von Georg Magirius im Deutschlandfunk am 2. August 2015 nimmt heutige Stillesucher in den Blick. (Sendung jetzt kostenfrei hören und Manuskript herunterladen) Erfahrungen einer meditativen Wanderung werden mit Berichten über frühe christliche Einsiedler verknüpft. Diese gingen in die ägyptische Wüste und in Wälder, lebten in Zellen, auf Bäumen oder Säulen und schwärmten von „der Süßigkeit des Schweigens“.

Schweigende Clowns

Vielen gelten sie als Spinner, Anarchisten, Außenseiter. So sahen sie sich oft selbst, nämlich als religiös motivierte Clowns und Narren. Auch wer heute in die Stille geht, kann einiges zu hören bekommen – zum Beispiel: „Wenn du es dir leisten kannst!“ Manche halten einen für überheblich oder unsozial, weil man sich entfernt und bei den üblichen Geselligkeiten fehlt. Da sind Anfragen, die nicht einfach von der Hand zu weisen sind: „Stiehlst du dich davon?“ Statt sich auszuklinken, könnte man sich engagieren, besser einbinden, vernetzen, Position ergreifen und für andere eintreten. Dennoch wagen Menschen es immer wieder, für eine bestimmte Zeit sich selbst zu genügen, was zur Folge haben kann: Lange Abgetauchtes treibt nach oben: Uneingestandene Sehnsüchte, Verletzungen, innere Verkrampfungen und ungelöste Fragen. So kümmert man sich in der Abgeschiedenheit um ein ziemlich unbekanntes Wesen, nämlich sich selbst – und geht auf die Suche nach einer anderen Dimension.

Stille Beziehungskünstler

Das Essay behauptet: Die Abkehr entpuppt sich paradoxerweise als Weg zur Welt. So entdeckt Antonius, der ersten christlichen Einsiedler, das Leben – ausgerechnet dank seiner Distanzierung. Er verteufelt nicht die Welt, die er hinter sich gelassen hat. Sie öffnet sich ihm auf neue Weise. Antonius wird Altvater oder Abba genannt. Ein Ehrentitel, der zeigt: Er lebt ungewöhnlich sozial, er ist der erste all der stillen Beziehungskünstler, die ihm bis heute folgen. – Die Musik zur Sendung stammt von Arvo Pärt (Fratres und Tabula rasa), Fredrico Mompou (Angelico und Lento, Música Callada) und Francesco Canova Da Milano (Ricercare Nr. 73 für Laute).

Endlich Ruhe! Ausflug in das Land der Stille, Deutschlandfunk, Am Sonntagmorgen (jetzt Sendung >>> kostenfrei hören und Manuskript >> herunterladen) Ton: Hüseyin Köroglu, Redaktion: Pfarrer Frank-Michael Theuer. Georg Magirius, der Autor der Sendung, begleitet seit 2009 spirituelle Wanderer in der von ihm begründeten Reihe GangART. Von ihm ist kürzlich das Buch erschienen „Schritt für Schritt zum Horizont“, Lektorat: Dr. Esther Schulz / Clemens Carl, Herder Verlag 2015.

Der moderne Pilger

Vom Pilgerboom handelt die Sendung “Der Gang in die Geborgenheit” von Georg Magirius im Bayerischen Rundfunk. (im Hessischen Rundfunk, hr2-kultur, am 4. Juni 2015, 11.30-12.00, danach dort als Podcast, Manuskript lesen). Das Pilgern findet zunehmend Anhänger. Nicht nur auf traditionellen Wallfahrten und in Prozessionen ist man unterwegs, sondern auch als Einzelgänger. Gewandert wird auf großen Pilgerrouten und in der Nachbarschaft. Fast überall in Deutschland werden neue Pilgerwege ausgewiesen: Kapellen- und Waldbesinnungswege, dazu Routen, die an Heilige und große Persönlichkeiten erinnern: Elisabethpfad, Bonifatius-, Benedikt-, Franziskusweg.

Reduktion des Tempos

Offenbar wächst in Zeiten hoher Geschwindigkeit die Sehnsucht nach einer Reduktion des Tempos.  Pilger erfahren eine Form der Sauerstoffzufuhr, die sie in klimatisierten Zügen, Autos und Büros nicht finden können. So zieht man los – und sei es nur für Tage oder Stunden. Selbst ein gewöhnlicher Wanderweg könne zum Pilgerweg werden, behauptet Georg Magirius, der Autor der Sendung: Denn das Gehen führe aus der Erstarrung, zeige Fortschritt und sei von der Sehnsucht nach Geborgenheit angetrieben, die sich zuhause nicht finden lässt.

Aufbruch, Erschöpfung, Euphorie

Die Motive heutiger Aufbruchslust unterscheiden sich nicht grundlegend von jenen, die einst die vagabundierenden Mönche angetrieben haben. In Auseinandersetzung mit Wanderern wie Paulus, Robert Walser, Augustinus, Joseph von Eichendorff, Hugo von Hofmannsthal und Johann Gottfried Seume zeigt sich: Der Weg, auf den man sich begibt, kann zum Symbol fürs ganze Leben werden. Er versinnbildlicht Aufbruch, Aufstieg, Erschöpfung, Euphorie, Einkehr, Vergeblichkeit und erzählt von der Hoffnung auf Erfüllung. Es ist der Gang in die Geborgenheit.

Mit Birgitta Assheuer und Moritz Stoepel

“Der Gang in die Geborgenheit. Wenn das Wandern zum Pilgern wird, Bayerischer Rundfunk, Bayern 2, Katholische Welt, 20.5. 2013, Hessischer Rundfunk, >>> 4. 6.2015, auch als Podcast, Das Manuskript herunterladen >>> hier. Redaktion: Wolfgang Küpper. Neben dem Autor sprechen Birgitta Assheuer und Moritz Stoepel. Produktionen mit ihnen wurden mehrfach mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet. Musik: Música Callada von Federico Mompou, interpretiert vom Pianisten Steffen Schleiermacher. Produktionsingenieurin: Ursula Potyra (Funkhaus am Dornbusch, Frankfurt am Main). Georg Magirius, Autor der Sendung, bietet seit 2009 spirituelle Tages-Wanderungen an. Mehr dazu >>> hier.