Vogelfreie Pilger

Um geborgen zu sein, suchen viele Mauern, Burgen, Tore, Türe, Schlösser, Dächer und Zäune. So hoffen sie, ein Raum für die Behaglichkeit zu finden, indem innige Umarmungen möglich werden. Selbst bekennende Nähetypen jedoch machen die Erfahrung: Nicht jede Berührung tut gut, vor allem dann nicht, wenn sie einem Zugriff ähnelt, wie er im Handlungsrepertoire von Polizisten zu finden ist. Deswegen hatte die Spirituelle Wanderung in der Reihe GangART unter Leitung des Theologen und Schrifstellers Georg Magirius kein Gefängnis zum Ziel, sondern die sanft gewellte Landschaft Frankens. Unter dem Motto “Ankommen und Zuflucht finden“ gingen die Pilgerinnen und Wanderer von Retzbach nach Karlstadt auf dem Mainwanderweg, der sich in Kurven und Schleifen gefällt, durch Felder, Wald und die Weinberge des Maintals.

Stilleweg bei Retzbach

Schwebende Leichtigkeit

Einen Wegabschnitt ging man mit Abstand und ohne jedes Wort, aber nicht ins Leere. Und das, sagten die nunmehrigen Einzelgänger, sei das Schönste gewesen. Denn wider den Augenschein spüre man auf diesem stillen Weg gerade nicht allein unterwegs zu sein. Intensiv breite sich das Gefühl aus, festen Boden unter den Füßen zu haben. Und das Schweigen ist eine Reduktion, die Geräusche der Natur in den Rang des Rauschs erheben können. Rast war in der Steinweinhütte unterhalb von Stetten, die unverschließbar ist. Sie hat keine Tür. Auf dem Vogellehrpfad am Kalvarienberg sah man den Inbegriff der Geborgenheit, gleich mehrere Vogelnester. Doch Vögel bleiben nicht im Nest. Sie genießen dessen Wärme, um dann desto eleganter ihre Flügel auszubreiten. Die vogelfreie Geborgenheit des Himmels konnten auch die Wanderer auf dem Mainweg ahnen, eine schwebende Leichtigkeit. Fast senkrecht schaut man auf den Main hinab, auf dieses ewige Fließen, das von einer steten Aufgehobenheit erzählt – vielleicht gerade deshalb, weil der Main nie stehenbleibt.

Frankenblick

In der Reihe GangART leitet Georg Magirius seit 2009 regelmäßig Spirituelle Tageswanderungen z.B. in Odenwald, Steigerwald, Spessart, Schwarzwald, Rhön, Fränkischem Weinland und in den Haßbergen. Bei 45 Touren nahmen fast 1000 Wanderer teil.  Weitere Informationen dazu >>> hier. Von Georg Magirius sind kürzlich die Bücher “Frankenglück. 33  Orte zum Staunen und Verweilen” und das Pilger-Werkbuch “Schritt für Schritt zum Horizont” erschienen. Fotos: mag / Heike Herwig.

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Weinbergparallelen Ruheinsel - Foto von Heike HerwigStille und Weite - Foto von Heike Herwig

Ankommen und Zuflucht finden

Es ist eine Wanderung, bei der es zwischendurch nicht eine Möglichkeit zur Einkehr gibt. Das lässt den Wunsch auf Ankunft wachsen. Genau das ist auch das Thema der Spirituellen Tageswanderung der Reihe GangART am Samstag, 15. Oktober 2016: “Ankommen und Zuflucht finden”. (Rückblick auf die Tour mit Fotos >>>> hier.) Die 13 Kilometer lange Tour unter Leitung des Theologen und Schriftstellers Georg Magirius verläuft von dem bei Würzburg gelegenen Retzbach nach Karlstadt am Main. Gesucht wird eine Geborgenheit, die nicht zu Lasten von Freiheit und Weite geht. Die Gruppe bildet sich für die Tour neu, geht zum ersten Mal.

Ohne jedes Pressen

Weite Ebene bei RetzbachUm anzukommen, muss man losgehen. Was banal klingt, fühlt sich überhaupt nicht trivial an. Kurz nach Verlassen Retzbachs nämlich spüren die Füße den Aufbruch genau. Mit Eindringen in den Weinberg geht es bergauf, bis man oben ein Sandstein-Kreuz erreicht. Durchatmen erlaubt! Nur angekommen ist man noch nicht, kann freilich Geborgenheit schon ahnen. Die weite Ebene wirkt nicht endlos. Denn der Weg führt an einem Wald entlang, der einen schützt, als ob Arme einen umfingen, ganz leicht – ohne jedes Pressen.

Geborgenheit mit Tücke

Am Ende des feinen Wechselspiels von Feld und Wald lotst der Pfad durch eine Tür in den Weinberg. Der Blick geht tief hinunter zum Main und weit über ihn hinaus auf die andere Seite des Flusses. An steinernen Hütten vorbei wandert es sich nicht starr geradeaGekeltertus, sondern in Kurven und Schleifen, bis man die Stein-Weinhütte erreicht. An der Wand der Rasthütte sind Rebsorten erklärt, was den Durst fördert. Wer hier die Flasche öffnet, trinkt sich garantiert in die Geborgenheit hinein. Dazu die wunderbare Aussicht. Doch Vorsicht! Die beim Weintrinken aufkommende Geborgenheit hat bekanntlich Tücken. Die Tritt­sicherheit kann sich mindern.

Gekeltert und ausgepresst

Erneut folgt eine Waldpassage, dann wieder Weinberg, die Reben von Müller-Thurgau und Silvaner sind angezeigt. An einer Weggabelung ein Steinrelief, das Christus in der Weinkelter zeigt. Es stellt den Schmerz Jesu in den Mittelpunkt. Der Gekelterte, Gebeugte und Ausgepresste stellt das Gegenteil von Geborgenheit dar, kann aber vielleicht gerade dadurch Zuflucht für jene sein, die vor lauter Schmerzen überhaupt kein Zuhause finden können.

Ankunft in der alten Stadt

Dann ist das Ziel nahe. Karlstadt empfängt die Tagespilgerinnen und spirituellen Wanderer mit offenen Armen. Die elegante, leicht wirkende Eisenskulptur am oberen Torturm heißt tatsächlich so: Mit offenen Armen. Karlstadt wurde um 1200 als Mit offenen Armen Karlstadt am MainBollwerk gebaut. Die Anordnung der Gassen und Straßen ist noch heute in allen Details erhalten. Man legte sie so großzügig an, dass sie erst Ende des 19. Jahrhunderts den Ring ihrer Befestigung überschreiten musste. Die Sicherheit der fest gebauten Stadt sollte den Bewohnern also nicht die Luft abschnüren, was man auch heute noch genießen kann – nicht zuletzt im Café Schrödl, das bekannt ist für seinen Baumkuchen und ein Gelee aus Karlstädter Quitten, das ohne Gelierzucker auskommt. Zuflucht findet man spätestens beim Genuss der Schrödlhörnchen, einem Gebäck aus Mandelplunderteig, das auf ekstatische Weise klassisch schmeckt.

Die Daten

Karlstadt am MainAnkommen und Zuflucht finden, Spirituelle Wanderung der Reihe GangART, Samstag, 15. Oktober 2016, Länge: 13 km, reine Gehzeit: 3,5 Stunden. (Rückblick auf die Tour mit Fotos >>>> hier.) Eine Passage wird still gelaufen. Georg Magirius bietet in der Reihe GangART seit 2009 spirituelle Wanderungen an. Bei 35 Touren nahmen mehr als 750 Wanderer teil.  Weitere Informationen dazu >>> hier.Von ihm erschienen ist bei Echter gerade “Frankenglück. 33 Orte zum Staunen und Verweilen” (Lektorat: Thomas Häußner) und im Herder-Verlag “Schritt für Schritt zum Horizont. Pilger-Werkbuch” (Lektorat: Dr. Esther Schulz).

Manche Wirtshäuser sind wie ein Gebet

Nicht nur in Kirchen, sondern auch in Wirtshäusern lässt sich beten, manche sind sogar wie ein Gebet. Das sagt der Theologe und Schrifsteller Georg Magirius in dem von Dominik Röding geführten Interview für die Juni-Ausgabe 2016 von Tiepolo, dem Premium-Magazin für Mainfranken aus dem Haus der Main-Post (Das vollständige Interview >> lesen). Viele spirituelle Orte fänden sich auch in der Natur, sagt Magirius, der in seinem Buch Frankenglück 33 Orte zum Staunen und Verweilen vorstellt: “Wenn man in der Natur unterwegs ist, kann man schon mal das Gefühl bekommen, seine engen Grenzen zu überschreiten. So eine Ahnung, dass da etwas größer ist als man selbst, das merkt man gerade in Mainfranken. An besonderen Orten finden sich häufig Grotten, Klöster, Wegkreuze. Wenn ich im Buchenbachtal bei Lohr im Spessart unterwegs bin, fühle ich mich oft wie berauscht. Und dann taucht das Kloster Mariabuchen auf. ”

Der Charme des Unerwarteten

Um den Charme beglückender Orte erfahren zu können, benötige es Mut, sich auf Wanderwege statt auf Schnellstraßen zu begeben und sich von Details begeistern statt von großem Brimborium vereinnahmen zu lassen. So könne man “auf Unerwartetes stoßen. Im Hochspessart zum Beispiel gibt es den Sieben-Grotten-Weg, der wunderbar geführt und akribisch ausge­schildert ist. Aber nur wenige kennen ihn. Wer diesen Weg geht, findet etwas, das einem womöglich nicht einmal der Jakobsweg nach Santiago des Compostela geben kann: die Kostbarkeit der Abgeschiedenheit.”

Sanfter Wellengang

Das Besondere an der fränkischen Landschaft sei, dass das Dramatische fehlt, sagt Magirius, der seit 2009 spirituelle Wanderungen in Mainfranken leitet: “Da ist der sanfte Wellengang der Landschaft. Das ist so beruhigend, dass es fast schon wieder erregend ist. Dazu ist die Landschaft bei al­ler Gelassenheit abwechslungsreich: Oden­­­wald, Rhön, Spessart, Steigerwald, Fränkisches Weinland haben ein eigenes Gepräge, auch die Haßberge, die meiner Meinung nach völlig unterschätzt werden.” Magirius’ Lieblingsort unter den im Buch vorgestellten 33 Orten ist “der Mainweg zwischen Retzbach und Karlstadt. Da gibt es diese wellenartige Sanft­heit der Landschaft, aber auch Blicke steil hinab auf den Main.” Entscheidend sie aber die Einkehr in Karlstadt, im Café Schrödl. “Dort gibt es Hörnchen aus Plun­derteig mit Mandelfüllung, die extravagant einfach und klassisch schmecken!”

Askese und Klosterbier

Der perfekte Ausflugstag sei ein Besuch von Kloster Engelberg bei Großheubach, das am am Fränkischen Rotweinweg liegt. “Wenn man die 612 Stufen der Engelsstaffeln zum Kloster hochsteigt, fühlt man sich wie ein Märtyrer oder Asket – aber nicht lange.” Der BFrankenglück Buchcoverlick ins Maintal sei dann nämlich der totale Luxus, dazu komme das dunkle Bier der Klosterschänke. “Man kann noch den Engelberger Klostergarten umrunden, eine der kleinsten offiziellen Weinlagen Frankens. Und wenn man die Staffeln wieder abgestiegen ist, kann man den Tag in einer der mehr als 50 Häckerwirtschaften ausklingen lassen.” >>>>>>>>>> Das vollständige Inteview >> lesen. —

Georg Magirius, Frankenglück, 33 Orte zum Staunen und Verweilen, 144 Seiten mit zahlreichen farbigen Abbildungen, Lektorat: Thomas Häußner, Gestaltung: Peter Hellmund, 12 Euro. ISBN: 978-3-429-03912-7 >>>>>> >>> Weitere Informationen <<<

Tiepolo – Das Magazin für Mainfranken Chritina Schnelder - Fränkische Weinkönigin in Tiepolo

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