Ein Abend für Gabriele Wohmann

Gabriele Wohmann Foto von Jule Kühn Rechte bei Georg Magirius Meisterin der Kurzgeschichte, deren absolute Herrscherin und unbestreitbare Königin – so urteilen große Zeitungen über Gabriele Wohmann. Am 21. Mai 2019 wäre sie 87 Jahre alt geworden. Deshalb liest die bekannte TV- und Radiosprecherin Birgitta Assheuer Meistererzählungen der 2015 in Darmstadt verstorbenen Schriftstellerin: am Samstag, 25. Mai, ab 17 Uhr im Hotel Maritim in Darmstadt auf Einladung des Griesheimer Kulturvereins. (Rückblick >> hier)

Eine souveräne Frau

Birgitta Assheuer ist die gewiss geeignetste Stimme für den Festabend, weil sie immer wieder Erzählungen von Wohmann als Hörbuch und für den Hörfunk gesprochen hat. Die Geschichten in Griesheim stammen aus dem bei Aufbau veröffentlichten Band „Eine souveräne Frau“, für den der Journalist und Schriftsteller Georg Magirius Erzählungen aus fast sechs Schaffensjahrzehnten ausgewählt hat. Magirius, der noch weitere Bücher mit Wohmann veröffentlicht hat, wird den Abend moderieren.

Birgitta Assheuer Foto von Eugen Sommer

Wider die Parolen

Zu erwarten ist ein Abend voll literarischer Raffinesse, Tiefgang und Komik. Gabriele Wohmann hat mit ihren Büchern und Fernsehfilmen ein Millionenpublikum erreicht, Bücher von ihr wurden in 15 Sprachen übersetzt. Gerühmt wird ihr Erzählen wegen der satirischen Schärfe und ihres fantastischen Beobachtungsvermögens. So kommen selbst winzige Aggressionen und Verletzungen, aber auch Glücksmomente der im Alltag angesiedelten Figuren zum Vorschein. Wohmann ist damit aktueller denn je, weil das Erzählen der entschiedenen Individualistin das Leben nie vereinfacht und sich allen Parolen widersetzt.

Überraschende Komik

Mit Hingabe hat sie von jenen erzählt, denen im Leben nicht alles glückt. Das allerdings klingt nie bitter, weil in ihren Büchern immer wieder eine überraschende Komik aufblitzt. Neben Birgitta Assheuer werden Lina Westenberger, Michael Emrich, Beate Koslowski und Vera Alice Glöckner vom Griesheimer Kulturverein Gedichte und Erzählungen Eine souveräne Frau von Gabriele Wohmann - Lektorat Dr. Angela DrescherWohmanns lebendig werden lassen. Die Pianistin Petra Miftaraj und die Flötistin Irene Mészár gestalten den Abend musikalisch. Initiiert und organisiert ist der Abend von Vera Alice Glöckner vom Märchenverein Karfunkel. – Fotos: Jule Kühn (Rechte bei Georg Magirius), Eugen Sommer. (Rückblick auf den Abend >> hier)

Gabriele Wohmann, Eine souveräne Frau. Die schönsten Erzählungen, herausgegeben und mit einem Nachwort von Georg Magirius, Lektorat: Dr. Angela Drescher, 288 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Aufbau Berlin.

Das letzte Tabu brechend

Gabriele Wohmann - Foto von Jule Kühn Copyright Georg MagiriusGeorg Magirius ist ein religiös-hedonistischer Zauberer, der das letzte Tabu bricht. Das hat Gabriele Wohmann über den Theologen und Schriftsteller in dem Buch “Erleuchtung in der Kaffeetasse” gesagt. Das Buch widme sich Winzigkeiten, die jedoch das Große und Ganze ahnen lassen. “Es ist ein Vorgeschmackbuch, ein Brevier der überlebensrettenden winzigen Erfahrungen und Entdeckungen.” Mit seiner geduldigen Aufmerksamkeit für das vermeintlich Unbedeutende opponiere Magirius gegen massenhafte Aufgeregtheiten und mediale Aktualisierungsbeben. Mit “unserer oberflächlichen, vom Erfolgsstreben gesteuerten Gegenwart geht Magirius streng zeitkritisch um”.

Provozierend sparsam

Magirius widme sich stattdessen dem Allernächsten, wobei gerade das den Keim in sich tragen könne, letzte Grenzen überschreiten zu wollen: “Was Ernst Jünger bei seinen naturwissenschaftlichen Studien nicht wagte, hebt Magirius freimütig aus seiner (scheinbaren) Unscheinbarkeit hervor. Freimütig, ja, und auch mutig, nämlich das letzte Tabu, das Gottesbekenntnis, brechend.” Gott müsse man nicht in der Kirche suchen, in der Öde des Erwartbaren und der Leere des Schablonenhaften. Er könne eher dort zu finden sein, wo mit dem Wort “Gott” äußerst sparsam umgegangen werde, in Geschichten und Büchern, die die Erkenntnissehnsucht nach Gott nicht lauthals ausbreiten. Aber auch in der Betrachtung eines Grashalms auf dem Sportplatz oder im Heidelbeerkuchen mit Schlagsahne könne das Erhebende erfahrbar werden.

Eigenwillige Medizin

“Der so anspruchslos durch die Mikrokosmen unseres Alltags Illuminierte, den die Auf­­merksamkeit zum Beispiel für die Sommerstille in einem Schwimmbad geradezu er­leuchtet, kommt mir wie ein religiös-hedonistischer Zauberer vor, der sich mit sei­nen Erlösungstricks gut auskennt und durch sie wieder träumen und Geborgenheit em­pfinden kann.” Dies sei ein ernsthaftes Spiel, das anstecke. Es erheitert “ein verhaltener Humor beim Entdecken von Ab­surditäten und unfreiwilliger Komik der Bagatellen aus dem zeitgenössischen Alltag.” Allerdings: Dabei handle es sich nicht um Komik, die andere auslache und verletze, sondern die die Kraft habe, Verletzte zu trösten und mit Verletzungen leben zu können: “Mit diesem Buch kann man auch wie mit der Bibel umgehen, einzelne Kapitel auf­schlagen und dann lesen und sich ermutigen lassen von Magirius‘ höchst eigen­williger Medizin.”

Gabriele Wohmann (1932-2015) gilt als “Meisterin der Kurzge­schichte” (Neue Zü­rcher Zeitung), als deren  “abso­lute Herr­sche­rin” (Frank­furter Allgemeine Zei­tung), “unbestrit­tene” (Die Welt) und “un­ange­fochte­ne Königin” (Mi­tteldeut­scher Rundfunk). Foto: Jule Kühn.

Georg Magirius, Erleuchtung in der Kaffeetasse. Große Fragen und das tägliche Allerlei. Mit einem Nachwort von Gabriele Wohmann, Lektorat: Dr. Dietrich Voorgang, Claudius Verlag München 2012. Das Nachwort lesen >> hier i<<.

Geglückte Integration? Ein Märchen

Man müsse nicht nur mit Schwierigkeiten, Problemen und Gefahren rechnen, wenn Menschen zu Menschen kommen, heißt es im Zuge der Intergrationsdebatte zuweilen. Nein, das alles könne doch ein wenig Zukunft haben. Schließlich seien unter all den Flüchtlingen auch welche zwischen 20 und 25, die das Zeug haben, eine Fachkraft zu werden. Das sei doch durchaus relativ erfreulich, falls sie die Sprache rasch lernen. Die Transformation eines Flüchtlings in eine Fachkraft – das sei offenbar die größtmögliche Vision des Landes, schließt Georg Magirius daraus in seiner Kolumne im Evangelischen Frankfurt vom 04. Februar 2016. Und er erzählt im “Märchen von der geglückten Integration” von einem Integrations-Vorzeigebeispiel, dank dem ein ganzes Land es geschafft hat, sich als ein Land zu fühlen, das es schaffen kann, unaufhörlich zu schaffen. Nur einen Schönheitsfehler habe das Märchen: Am Ende kündigt der Superintegrierte seine Stelle als Fachkraft, macht sich selbstständig und die Einheimischen, die vom unaufhörlichen Schaffen Geschafften gehen bei ihm in die Lehre, um von ihm eine neue Sprache zu lernen: Atmen. Redaktion: Dr. Antje Schrupp. Foto (c): Jule Kühn.

Fragezeichen Gott

Über Jahre war es unter Schriftstellern nahezu verpönt, von Gott zu sprechen. Neuerdings erzählen moderne Autoren wieder vom Glauben, heißt es in der Sendung „Fragzeichen Gott“, rbb-kulturradio, 18. Oktober 2015, 9.04-9.30 Uhr. (Sendung hören – Manuskript lesen). Und zwar geschehe das unverkrampft, alltagsnah und sehr direkt. Für den vielfach ausgezeichneten Andreas Maier ist Gott so real wie seine regelmäßige Einkehr in ein Apfelweinlokal. Der Büchnerpreisträger Arnold Stadler (Foto: © Georg Magirius) fabuliert, wie beim 80. Geburtstag eines Literaturnobelpreisträgers ein Gast für einen furchtbaren Eklat sorgt: Er will ein Tischgebet sprechen. Und bei Gabriele Wohmann (Foto: Jule Kühn; © Georg Magirius) nimmt Bankkaufmann und Nichtschwimmer Benedikt ein kurzes, aber fanatisches Meer im Meer, was ihn an Erlösung denken lässt. Drei Schriftsteller, die exemplarisch für eine weit verbreitete religiöse Befindlichkeit verstanden werden können.

Eigenwillig und begabt mit Sehnsucht

Ihre Helden sind religiös Suchende: Eigenwillig und sehnsuchtsvoll, lächerlich und erhaben, verwundet und würdevoll, zweifelnd und gewiss. Georg Magirius hat mit den Autoren gesprochen. Die Sendung ehrt zugleich Gabriele Wohmann, die am 22. Juni 2015 verstorben ist.

Fragezeichen Gott, Autoren und der Allerhöchste, rrb-kulturradio, Gott und die Welt, 18. Oktober 2015, 9.04-.9.30, Sprecher: Gerd Grasse, Jean Paul Beck, Apfelweinwirt: Andreas Rupf, Ton: Anne Winter, Regie: Ralph Schäfer, Redaktion: Anne Winter – Fotos: Georg Magirius (oben), Jule Kühn (unten).

Weiblicher Loriot in Seligenstadt am Main 2014

Sie gilt als beste unter den deutschen Erzählern, die sich kurz fassen können: Gabriele Wohmann. Nur selten lässt sie sich zu einem Auftritt überreden. Nun kommt sie nach Seligenstadt und liest aus „Eine souveräne Frau“, ihren von Georg Magirius herausgegebenen schönsten Erzählungen aus sechs Schaffensjahrzehnten, auf Initiative der vhs Seligenstadt und der Evangelischen Kirchengemeinde,  9. Mai 2014, 20.00, Evangelische Kirche.  (Rückblick mit Fotos >>> HIER <<<) Zu erwarten ist ein Abend voll literarischer Raffinesse, Tiefgang und Komik. Ihre Werke sind in viele Sprachen übersetzt. Romane haben schon mal mehr als 20 Auflagen erreicht. Über 600 Erzählungen hat sie veröffentlicht.

Schiller, Goethe, Wohmann

Zu Lesungen kommen zuweilen mehr als 1.000 Besucher, die sie dank einer wohltönenden Stimme auch ohne Mikrofon ansprechen könnte. Auch als Schauspielerin hat sie ein Millionenpublikum erreicht. Das Große Bundesverdienstkreuz und viele Literaturpreise wurden ihr zugesprochen. In Reich-Ranickis Literaturkanon wird sie in einer Reihe mit Schiller, Goethe und Thomas Mann platziert. Der Unterschied zu diesen: Sie lebt. Und schreibt weiter an einem glanzvoll großen Werk. Doch Vorsicht! Mit Superlativen allein lässt sich das Gepräge ihrer Unterhaltungskunst nicht fassen.

Literatur in Pizzeria, Supermarkt und Reha-Studio

Das vielleicht Unvergleichlichste an ihr: Sie, ein großer Geist, scheut nicht die Gewöhnlichkeit. So ist ihr Auftritt in Seligenstadt auch bemerkenswert, weil sie abends normalerweise wirklich andere Dinge zu tun hat. Aber welche? Sie geht einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen nach. Die da wäre? Fernsehen. Wie sie lieben die Figuren ihrer Geschichten Filme. Man könnte ihren Helden ebenso im realen Leben beim Einkaufen, Friseur, in der Pizzeria oder im Reha-Studio begegnen. Vielleicht kommt Wohmann deshalb an die hessisch-fränkische Grenze, weil in Seligenstadt eine hohe Dichte an Eisdielen existiert? Eis ist für sie eine vollgültige Ernährungsquelle, die sie nicht nach Kugeln, sondern nach Bottichen bemisst. Es belegt: Wenn Wohmann vom Alltag erzählt, klingt das nie alltäglich, sondern messerscharf beobachtet, kurios und komisch.

Weiblicher Loriot

Mit lebenslanger Hingabe erzählt sie von jenen, denen im Leben nicht immer alles glückt. Das klingt indes nicht bitter, weil der „weibliche Loriot“ (FAZ) lieber lacht statt weint. In Seligenstadt wird die Pfarrerstochter aus „Eine souveräne Frau“ lesen, die im Aufbau-Verlag veröffentlichte Auswahl ihrer Meistererzählungen, in der auch aktuelle Geschichten eingegangen sind. Gastgeber sind Franz Preuschoff und Elisabeth Emadi M. A. von der Volkshochschule Seligenstadt und Pfarrer Martin Franke von der Ev.  Kirchengemeinde.

Freitag, 9. Mai 2014, 20.00 Ev. Kirche, 63500 Seligenstadt (Rückblick mit Fotos >>> HIER <<<) Karten >> Buchladen Seligenstadt, Bücherwurm Seligenstadt, Büchstube Klingler Hainburg, Gemeindebüro der Ev. Kirchengemeinde Seligenstadt und Mainhausen, 06182 – 3416 E-Mail (Petra Gröger, Liliane Schreiner) – Zum Buch: Eine souveräne Frau – Foto oben © Reiner Wohmann, Foto Mitte: © Jule Kühn.

Knackige Königin

Sie gilt als Königin der Kurzgeschichte, ist in der Enzyklopädie Wikipedia zu lesen: Gabriele Wohmann (Foto: Jule Kühn). Wie aber lässt sich ihr Werk knacken? Wie kommt man also dem Sinn ihrer königlich gesetzten Sätze auf die Spur? So fragen viele, die sich ihrer Kunst zu nähern wollen – oder zur Aufgabe bekommen: “Tritt in den Palast der Königin ein!” Ihre Erzählungen nämlich sind der Stoff, aus dem Lehrplanzusammensteller-Kommissionen Unterrichtsgegenstände geschaffen haben. Dank der Storys können Schülerinnen und Schüler somit lernen, von ihren sich nicht immer aristokratisch anfühlenden Tageswegen abzuzweigen.

Einfach so

Da überrascht es, dass die Meisterin des pointierten Erzählens selbst keine knackige Antwort gibt, wenn Literaturknobler und Räselfreunde sie nach der Auflösung ihrer Geschichten fragen. Sie könne ihr Werk nicht auseinanderdröseln, den Sinn sprengen und in die Luft fliegen lassen, meint sie. Sie schreibt aus Sehnsucht, zum Vergnügen, einfach so. Wie also dann? Wie ist die Königin zu knacken?

Puddingkreppel ist nicht gleich Puddingkreppel

Schülern ist gewiss geholfen, wenn man die Landschaft benennt, in der die Monarchin die Erzählungen spielen lässt: das ganz normale Leben. Bei näherer Betrachtung wirkt dieses dann freilich doch nicht nur gewöhnlich. Denn ein in eine Partner- und Gütergemeinschaft eingebrachter – so der Titel einer ihrer 636 publizierten Erzählungen – “Puddingkreppel” ist nicht gleich Puddingkreppel. Schließlich gibt es welche, die nur vordergründig mit Pudding, in Wahrheit aber mit Vanillecreme gefüllt sind. Außerdem gibt es auch jene, die auf bösartige Weise ungenießbar sind. Andere wiederum können enthusiastische Gefühle hervorrufen. Aber: Ist damit die Sinnschale des Wohmann-Kosmos wirklich angebissen? Haben wir Gewöhnliche, die wir uns beim Lesen der Sprachmeisterin oft genug im Gewand von Bauern, Zofen, Dienern fühlen, damit eine vage Richtung gefunden, um in Wohmanns Palast zu treten?

Der Schlüssel zur königlichen Kreppel-Literatur

Versuchen wir es anders: Einfacher, fundamentaler, basaler. Wir holen Rat bei einem Literaturinstitut, das nicht die literarische Elite im Blick hat, sondern sich der ehrenvollen Tugend der Auf- und Erklärung verpflichtet sieht. Die Literatur- und Filmtipps von Dieter Wunderlich aus Kelkheim bei Frankfurt besuchen fünf Millionen Menschen pro Jahr. Seine Buch- und Filmbesprechungen liegen im Ranking der Suchmaschinen meist vor Rezensionen hochangesehener Feuilletons, Universitäten und anderer staatlich anerkannter Intelligenz-Einrichtungen. Aber wieso? Weil Wunderlich nicht sofort wertet und Meinungen austeilt, sondern zuerst den Inhalt der Bücher wiedergibt. Die Internetpräsenz ist bei Lernwilligen gefragt. So habe, berichtet die Frankfurter Rundschau, ein Schüler den Webmaster Wunderlich einmal gebeten, die Inhaltsangabe eines Buches offline zu schalten. Warum? Sein Lehrer soll am nächsten Tag nicht recherchieren können, dass er sie in der Institution Wunderlich gefunden habe.

Im Kanon angelangt

Und nun? Wir schreiben das Jahr 2013. “Eine souveräne Frau”, die von Georg Magirius im Berliner Aufbau Verlag herausgegebenen und von Angela Drescher lektorierten Meistererzählungen von Gabriele Wohmann, sind in den Kanon Wunderlich aufgenommen worden. Endlich können wagemutige Leserinnen, neugierige Schüler, und Zofen erste Schritte in die könglichen Paläste der von Wohmann erzählten Gewöhnlichkeit setzen. Sie finden 26 Erzählungen aus knapp sechs Jahrzehnten in knackig-klare Inhaltsangaben transformiert. Beispiel: “Käme doch Schnee”, die laut einer Untersuchung des Statistischen Bundesamts zur Erhebung der Wirkkraft von Prosa und Lyrik in der Phase der Adoleszens im Unttericht nicht gerade selten behandelt wird: Seit 1973 ist sie dieser Statistik zufolge in 58 Lesebüchern der Klassen 5 bis 13 gedruckt worden (exklusive Neuauflagen), außerdem in ca. 11.000 Schulstunden (exklusive Hausaufgaben) durchexerziert worden. Und das nicht nur in Herbst und der potenziellen Schneefallzeit Winter, sondern auch in Frühjahr und Sommer.

Perfide und scharf: Die Schönste im ganzen Land

Aber auch den inhaltliche Gesamtertrag der souveränen Frau hat Wunderlich aus Kelkheim dargestellt: In der Auswahl ihrer schönsten Erzählungen geht es “um Egoismus und Eitelkeit, Lieblosigkeit, Gleichgültigkeit, Gedankenlosigkeit und Kommunikationsschwierigkeiten. Ehe, Partnerschaft und Familie werden von den Frauen in Gabriele Wohmanns Alltagsdramen als Einengung und Freiheitsberaubung erlebt.” Und auch die formale Vielfalt der Erzählungen wird benannt: “Da stehen realistische neben symbolischen und grotesken Geschichten, es gibt Karikaturen wie die Bütows, eine Satire wie ‘Die Schönste im ganzen Land’ und einen perfiden  Miniaturkrimi wie ‘Das Schweizer Messer’.”

Zum Buchtipp von Dieter Wunderlich >>> hier. Zum Buch “Eine souveräne Frau. Die schönsten Erzählungen von Gabriele Wohmann” >>> hier. Foto oben:  Jule Kühn, Wiesbaden; Foto unten: Wolfgang Becker, Frankfurt am Main.

Gruppe 47: Ging es nur ums Besäufnis?

Vielen sei es bei den Treffen der Gruppe 47 ums anschließende Feiern mit Besäufnis gegangen, hat Gabriele Wohmann im Zusammenhang mit der in BR-Alpha gesendeten TV-Dokumentation „Vom Glanz und Vergehen der Gruppe 47“ gesagt (Fotos: Jule Kühn – © Büro Magirius/© Reiner Wohmann). Neben Wohmann haben weitere prominente Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur noch einmal auf dem legendären “elektrischen Stuhl” Platz genommen, um von Macht, Intrigen und nächtlichen Exzessen bei den Treffen der Gruppe zu erzählen, darunter Dieter Wellershoff, Günter Grass, Jürgen Becker und Alexander Kluge. Es wirken außerdem mit: Joachim Kaiser, Hildegard Hamm-Brücher, Michael Krüger und Maxim Biller.

Eine Gruppe von Mitläufern?

Von Hans Werner Richter 1947 gegründet, wurde das halbjährliche Schriftstellertreffen zur wichtigsten Vereinigung deutschen Geistes und deutscher Geister. Erklärtes Ziel war zunächst die Förderung der jungen Nachkriegsautoren. Wer eingeladen wurde oder dort gar einen Preis erhielt, hatte es im Nachkriegsdeutschland als Autor geschafft. Die Gruppe schrieb Literaturgeschichte, zwei Nobelpreisträger gingen aus ihr hervor. Auch Gäste und Kritiker waren eingeladen. Schriftsteller, die während der Nazizeit in Exil lebten, gehörten bis auf Ausnahmen allerdings nicht dazu. Das Schwärmen ihrer Kollegen wundere sie, sagt Wohmann, die als exponierteste deutsche Autorin der Short-Story gilt. „Im Nachhinein war es eine ziemlich brutale Angelegenheit. Und ich komme mir etwas mitläuferhaft vor, dass ich überhaupt dorthin bin.“

Literatur vom elektrischen Stuhl

„Es war eben die Chance bekannter zu werden und in die Feuilletons zu kommen.“ Jeder habe auf dem sogenannten elektrischen Stuhl lesen müssen. „Das war Hans Werner Richters Wortbildung. Nur ganz besonders enge Freunde von ihm mussten nicht lesen. Bei Einwänden von Kritikern durfte man kein Wort sagen.“ Die Spontanverrisse hätten manchem sehr geschadet, so dass er gelähmt gewesen sei und oft gar nichts mehr gemacht habe. „Ich hatte bessere Nerven, nur ein einziges Mal hat Hans Mayer gesagt: Schon wieder eine Dreiecksgeschichte! Und Dreiecksgeschichten seien längst obsolet. Das war in den 60er Jahren, als alles gesellschaftlich relevant sein sollte und Privates als Hauptsache nicht vorkommen durfte. Aber ich hatte auch Verteidiger.“ Später habe Mayer, Professor der Literaturwissenshaft, sein Urteil zurückgenommen.

“Besäufnis, Tanz und Schmusereien”

Zwar seien das mafiöse Zusammenhänge gewesen, das Cliquenartige unangenehm, aber bitterböse Erinnerungen habe sie nicht, sagt die in Darmstadt lebende Autorin, die ab den frühen 60er Jahren bis zum Ende der Gruppe 47 im Jahr 1967 auf den Treffen war. So sei die Verbindung zum Medium Fernsehen entstanden, für das sie Drehbücher schrieb und Regie führte. In ihrem Film „Entziehung“ (ZDF 1973) war die Autorin in der Hauptrolle als Laura zu sehen. Hans Werner Richter habe zu jedem Treffen persönlich eingeladen „Wenn die Postkarte kam, hat man sich gefreut. Eigentlich war die Gruppe 47 ein Freundestreffen. Ein wenig erbost hat mich, dass immer die Ehefrauen eingeladen wurden, aber nicht die Ehemänner, weil nämlich Frauenmangel war, es ging eben um das anschließende Fest mit großem Besäufnis und Tanz und Schmusereien. Das war für viele die Hauptsache. Mein Mann durfte nie mit, er war nie eingeladen, während alle Ehefrauen dabei waren wegen Damenmangels.“ Hans Werner Richter habe sich gern als Vaterfigur gesehen. „Aber ich hatte ja einen Vater.“

„Vom Glanz und Vergehen der Gruppe 47. Der Geheimbund Deutschen Geistes“, TV-Dokumentation von Andreas Ammer, BR-Alpha, 24. März 2013, Redaktion: Gábor Toldy. Von Gabriele Wohmann gerade erschienen: Eine souveräne Frau.

Hexen, Kaugummi und Luther-Bier

“Schwäche zu zeigen ist legitim. Mut muss nicht laut sein. Freiheit kann sich auf leisen Sohlen anschleichen, und es sind nicht immer die vermeintlich Starken, die sie herbeirufen.” So urteilt das Jahrbuch 2011 “Reformation und Freiheit” der Lutherdekade über den Vortrag “Mut” von Georg Magirius, den er auf Einladung des Stadtkirchenpfarrers Dr. Achim Müller und aus Anlass des 490. Jahrestages von Luthers Auftritt auf dem Reichstag in der Magnuskirche in Worms gehalten hat. Das Jahrbuch ist unter der Projektleitung von Astrid Mühlmann und der Redaktion von Stefan Reisener entstanden, herausgegeben ist es von der Geschäftsstelle »Luther 2017« sowie – es gibt zwei Stellen, die die Reformations-Geschäfte führen! – der “Geschäftsstelle der ekd in Wittenberg: Luther 2017 – 500 Jahre Reformation”.

Feuershow und Frauenmahl

Klingt ziemlich amtlich, respektheischend und jubiläumstragend. Passend zum Motto “Freiheit” ist der Band aber erfrischend kurzweilig geraten. Da ist von einer Kaugummiautomaten-Ausstellung in Halle zu lesen, einer Feuer-Show in Bad Hersfeld, dem rheinischen Frauenmahl und dem – es gibt nämlich offenbar mindestens zwei! – Marburger Frauenmahl. Von Hexenverfolgung südlich des Thüringener Waldes ist die Rede und einem Bier-Fest am Losheimer See. Alles das hat selbstverständlich mit Martin Luther und seinem Verständnis von Freiheit zu tun. Dank sorgsamer Grafiken und Fotos (u.a. eines von Jule Kühn) vergisst der Band auch das Auge des Betrachters nicht. Er lässt sich beziehen hier oder auch als pdf herunterladen.

Ingwerbiskuits – ein Gottesbeweis?

Viele haben Gabriele Wohmanns Humor zu beschreiben versucht. Und scheiterten. Man muss sie selbst erleben. Leider tritt die Komödiantin unter den deutschen Erzählern selten auf. Die Hospizgruppe Riedstadt und die Evangelische Kirchengemeinde Biebesheim aber haben die Trägerin des Großen Bundesverdienstkreuzes gewinnen können. Es ist umso erstaunlicher, weil Wohmann zwischen  19.00 und 20.30 Uhr am liebsten fernsieht. Sie liest aus ihrem jüngsten Buch “Sterben ist Mist, der Tod aber schön”, das mit Georg Magirius enstanden ist. Zur Sprache kommt, warum sie kein Zitronenfalter werden will, sondern an Apfelkuchen denkt, wenn es um den Himmel geht. Außerdem wird die Frage geklärt, ob die Ingwerbiskuits in Wohmanns Werk als Gottesbeweis einzustufen sind. Dank dieser Debatte können Theologen, Literaturwissenschaftler und angehende doctores des Konditoreihandwerks ihr wissenschaftliches Forschen künftig auf sicherem Fundament aufbauen. (Foto: Jule Kühn) –

>>> Ein Rückblick auf den Abend mit mehr als 350 Besuchern findet sich >> hier.

Freitag, 11. November 2011, 19.00 Uhr – Ev. Kirche  Biebesheim / Rhein – Kirchgasse 22 – Moderation: Georg Magirius – Musikalische Umrahmung: Biebesheimer Kirchentrio (Anne-Bärbel Ruf-Körver, Nico Kopf, Gunhild Streit), Veranstalter: Hospizgruppe Riedstadt, Mechthild Herold und Ev. Kirchengemeinde Biebesheim und Buchhandlung B44