Kühner Genuss

“In einer immer unübersichtlicheren Welt, die manchmal Herz und Verstand ganz schön überfordert, scheinen wir gelegentlich Häppchen von Weisheit zu brauchen”, schreibt die Supervisorin, systemische Beraterin, Buchautorin und Theologin Amet Bick (Foto: www.ametbick.de) für die Amet Bick Copyright www.ametbick.deWochenzeitung “Die Kirche” vom 11. September 2016. Es sei sinnvoll, wenn jemand den Blick auf das lenkt, “was gut und hilfreich sein kann, wenn man ein glücklicher Mensch werden und bleiben will.” Wohl deshalb gebe es momentan so viele Lebensratgeber auf dem Markt. Unangenehm an ihnen sei allerdings die oft besserwisserische Attitüde. Frei davon sei das Buch “Gute Wünsche aus der Bibel” von Georg Magirius. “Er spricht von sich, seine Erfahrungen scheinen immer durch. Und das in einer Sprache, die die Sinne anspricht, die leicht und luzid wirkt.”

Süß, fruchtig, deftig?

Dadurch lassen sich neue Seiten an dem altehrwür­digen Buch entdecken.”Magirius liest die Bibel quer und stößt dabei wie ein flanierender Goldsucher scheinbar mühelos auf Nuggets.” Im berühmten „Seid fruchtbar und mehret euch“ in Mose 1, 28 finde er etwa den Wunsch nach Groß­mut. “Der Mensch soll wachsen und an Größe gewinnen, so interpretiert er die Bibelstelle kühn. Es gehe nicht nur um zahlreiche Nachkommen, denn dann wären die ausgeschlossen, die keine oder nur eini­ge Kinder haben. ‘Fruchtbar sein bedeu­tet, sich als einen Menschen zu verstehen, der genießbar ist.'” So habe sie das noch nicht gesehen, schreibt Bick:  “Oder geschmeckt. Denn der Satz bekommt für mich eine kulinarische Note. Wie schmeckt ein Mensch der Georg Magirius: Gute Wünsche aus der Bibel - Buchcovergenießbar ist? Eher süß? Fruchtig? Oder deftig?” Zu solchen Glücksexperimenten lade Magirius durch eine Sprache ein, die Klänge, Farben und eben auch Geschmack transportieren könne. –

Die vollständige Rezension von Amet Bick lesen >> hier.

Gute Wünsche aus der Bibel, 64 Seiten, Hardcover, Herder Verlag 2016, mit zahlreichen Fotos, Lektorat: Dr. Dietrich Voorgang, ISBN 978-3-445132-871-8, 10.00 Euro.

Auf und ab ins Glück

Nichts Geringeres als einen Weg ins Glück verspricht die Spirituelle Wanderung der Reihe GangART unter Leitung von Georg Magirius, Samstag, 17. Oktober 2015. (Rückblick mit Fotos auf die Tour >>> hier.) Unter dem Motto „Auf und ab ins Glück“ geht es im Hochspessart von Wiesthal nach Lohr. Die Gruppe bildet sich neu, geht zum ersten Mal. Für selige Dauerlächler ist die Wanderung allerdings kaum geeignet, weil diese sich längst am Ziel befinden und sich nicht mehr bewegen müssen. Ideal ist die Tour für Neugierige, Zweifler, Talerfahrene, Suchende und Aufbruchswillige, also für all jene, die einen Blick auf Glückszustände wagen wollen, die abseits der eingefahrenen Wege liegen.

Wilde Walderfahrung

Da ist etwa der fast urwaldartige Pfad durchs Krummental. Beim Aufstieg zur Weikertswiese stellt sich die Frage: Kann Erschöpfung euphorisieren? Die Hochebene lässt die Eleganz einer unbändigen Weite ahnen. Seit dem 14. Jahrhundert existiert die Rodungsinsel, wurde zunächst für die Pferdezucht genutzt und ist wegen botanischer Schätze von landesweiter Bedeutung. Erwähnenswert sind etwa die Orchideenwiesen und die selten gewordene Arnika.

Unbändig weit

Besonders hervorzuheben aber ist die Orber Wicke, die nach ihrem ersten deutschen Fundort Bad Orb benannt ist. Dort ist die weiß-violett blühende Pflanze freilich nicht mehr zu finden. Bundesweit gibt es nur noch drei Ort, wo sie wächst: einen in Nordrhein-Westfalen, die Steigröderwiesen bei Lohr und die Weikertswiese, die mit etwa 800 Pflanzen das größte Vorkommen beinhaltet. Von der Weikerstwiese weg lockt eine Passage der LangeWeikertswiese bei Lohrweile, die womöglich aber nur ein anderer Name für das Glück des langen Atems ist.

Das Glas ist voll

Am Ende geht es schließlich stetig auf und ab, und zwar über mindestens sieben Buckel hinab in die Schneewittchenstadt Lohr, wo die Einkehr im Weinhaus Mehling wartet. Dort ist das Glas nicht halbleer, aber auch nicht halbvoll, sondern schlicht gefüllt. Und wenn es das ganz individuell zu verantwortende Glücksverständnis erlaubt, muss es noch nicht einmal bei einem Glas bleiben.

Auf und ab ins Glück: Die Fakten …

In der Reihe GangART bietet Georg Magirius seit 2009 spirituelle Touren an. Bei 35 Touren nahmen mehr als 750 Wanderer teil. Informationen: Hier.Rückblick mit Fotos auf die Tour >>> hier. Von ihm ist kürzlich im Echter-Verlag das Buch erschienen: “Frankenglück. 33 Orte zu Staunen und Verweilen.”

Sie war fast tot und schreibt

“Mein starkes Herz” ist ein erschütternd witziges Buch vom Glück. Es beginnt mit dem, was als das Gegenteil von Glück gilt: Amet Bick (Foto: (c) Büro Georg Magirius) ist 42 Jahre alt, als in ihrem Herzen ein nicht gerade kleiner Tumor entdeckt wird. Sie wird operiert. Und überlebt. In ihr bisheriges Leben möchte sie aber nicht zurück, zumindest nicht sofort. Denn jetzt will sie es wissen. Was? Alles. Ein Jahr gibt sie sich Zeit, um Glücksanbieter, Helferinnen und Heiler aufzusuchen. Ihr Ziel: Zufriedenheit. Bescheiden ist sie nicht: Sie möchte mehr als Glücksmomente finden.

Angenehm egozentrisch

Das Buch ist kein Ratgeber, kein Sachbuch, kein Roman, weder Erbauungsbuch noch eine wissenschaftliche Studie. Sondern? Sonderbar normal ist es, nämlich so, wie es vermutlich gar nicht anders sein kann, wenn jemand dem Tod nahe gekommen ist. Das Buch nämlich ist – egozentrisch. Klingt nicht gerade sympathisch, meint die Autorin, weil es in der Regel anerkannter sei, die ganze Welt oder zumindest einen Teil von ihr im Blick zu haben, sich um andere und anderes zu kümmern.

Letzte Worte: Ich bin in der Autowerkstatt

Die Konzentration der Perspektive aber sorgt für Weite. Das Erzählte spricht an, indem die Autorin nicht für andere spricht. Da gibt es also keine Ermunterungen, Mahnungen, Rezepte, Übungseinheiten, Tipps, Belehrungen. Indem sie streng persönlich ist, wird das Erzählte universal, was auf widersprüchliche Weise logisch ist. Denn der Tod ist etwas, das jeden mit jedem potenziell verbinden kann. Kommt Pathos auf, wird es das nicht ironisiert. Und doch liest sich die Gefühlsverdichtung dann erfrischend leicht, weil die Erzählerin eine Begleiterin hat, die Skepsis. Dazu Witz: „Hier ist es wie in einer Autowerkstatt“, sagt die Patienten kurz vor der OP, nicht wissend, ob sie wieder aufwachen wird. Später erinnert sie sich daran und ist unzufrieden: “Das also wären meine letzten Worte gewesen?”

Knapp bemessenes Essen im Kloster

Aber es geht nicht nur um Worte, sondern auch um den Körper – und um das richtige Verhältnis von Geist und Körper. So besucht sie eine Reiki-Meisterin, die ihre Künste in einem extrem gelben Raum anbietet. Noch wichtiger als die Farbe: Statt Stoffhandtücher benutzt die Reiki-Meisterin stets Einmal-Küchentücher aus Papier, damit die negative Energie nicht im Stoff hängen bleibe. Eine Kinesologin wiederum entdeckt bei der Klientin Störfelder, nämlich erstens: Gifte. Zweitens: Infektionen. Drittens: UEKs. UEK? Ungelöste emotionale Konflikte, auf die so gut wie jeder Zahn hindeuten könne. Das mache eher Angst, findet die Glückssucherin. Hilfreicher sei da schon das Liegen auf dem Sofa. Oder das stille Sitzen, das Meditieren, das das Tempo der Gedanken drosselt. Auch Psychologin Maiwald (ein Künstlername?) hilft, weil sie Gedanken aus den gewohnten Bahnen entgleisen lässt, sodass im Innern Weite entsteht. In einem buddhistischen Kloster widerfährt die Autorin gar ein Glühen, da sind Licht und Leidenschaft. Alles wird klar, alles ist geklärt! Was sie dennoch nicht davon abhält, das Essen beziehungsweise den Blick auf den Teller unerwähnt zu lassen: „Die Summe meiner Teile war alles andere als eindrucksvoll.“

Lässt sich ein Orkan in eine Puppenstube sperren?

Die in Berlin lebende Autorin hat Literaturwissenschaft und evangelische Theologie studiert, an der Universität gearbeitet und ist Programmleiterin eines Verlags. Sie sei eher eine Rationalistin, schreibt sie. Eine narrative Rationalistin, lässt sich ergänzen, weil sie im Erzählen große Fragen – z.B. die nach Gott – so einfach wie möglich macht, wenn auch nicht einfacher. Alles, was sie über Theologie wusste, sei eine Theologie für gute Zeiten gewesen, konstatiert sie: Gott sei hübsch zusammenfaltbar gewesen, ins Leben einfügbar. Aber lässt sich, fragt sie jetzt, ein Orkan eigentlich in eine Puppenstube sperren?

Unerklärlich selbstverständlich

Ihr gehe es besser als vor der Krankheit, schreibt die Glückssucherin schließlich. Den Schlüssel zu einem unaufhörlichen Wohlfühlgefühl hat sie nicht gefunden. Dennoch kann sich beim Lesen – und nicht nur am Ende – ein Gefühl von Ankunft einstellen. Die angebliche Egozentrikerin erzählt nämlich auch so von sich, dass ihre Söhne und ihr Lebensgefährte ins Spiel kommen, dem das Buch gewidmet ist. Das geschieht so beiläufig und unaufgeregt, dass sich „Mein starkes Herz“ auch als Liebesgeschichte lesen lässt. Sie rührt, indem sie unerklärlich selbstverständlich ist. Amet Bick im Gespräch am So, 4. 1. 2015 im Hessischen Rundfunk.

Amet Bick, Mein starkes Herz, Aufzeichnungen einer  unfreiwilligen Glückssucherin, 224 Seiten, München 2013 € 16,99

Wie findet man Glück?

Dem Glück kommt man auf die Spur, indem man eine vermeintliche Harmonie zerstört. So sieht das Beatrice Eichmann-Leutenegger in ihrem großen Porträt zum 80. Geburtstag von Gabriele Wohmann in der Mai-Ausgabe 2012 von Stimmen der Zeit. “Die Denunziantin und Dekonstruktivistin ist im Grunde eine Glückssucherin, die sich mit dem Mittelmaß niemals zufrieden gibt, aber auch weiß, dass die Vollkommenheit im Diesseits nicht erreicht werden kann.”

Diese Form der Glückssuche zeige sich der Essayistin, Erzählerin und Herbert-Haag-Preisträgerin Eichmann-Leutenegger zufolge beispielhaft in Wohmanns 2011 veröffentlichten Buch “Sterben ist Mist, der Tod aber schön”, jenen Aufzeichnungen, “die Georg Magirius im Anschluss an Gespräche mit Gabriele Wohmann vorgenommen hat. ”

Auch Dirk von Nayhauß geht in seinem Interview aus Anlass von Wohmanns Geburtstag  am 21.5.2012 in der Mai-Ausgabe 2012 von Chrismon auf dieses Werk ein, stellt aber auch Wohmanns jüngstes Buch “Eine souveräne Frau” vor, über das Ilka Scheidgen in ihrem Porträt bei Theologie und Literatur urteilt: “In dem zu ihrem 80. Geburtstag erscheinenden, von Georg Magirius herausgegebenen Erzählungsband ‘Eine souveräne Frau’ kann man die schönsten Erzählungen dieser großen Schriftstellerin von ihren Anfängen bis heute nachlesen und dem Befund aus dem Nachwort von Georg Magirius sicher beipflichten: ‘Freiheitsenthusiastisch bleibt sie sich und ihrem Erzählen auf souveräne Weise treu, höchster Ausdruck von Unabhängigkeit.'”